50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz

Mary Mayenfisch-Tobin

Das Irish Business Network Switzerland (IBN) ist ein Netzwerk aus Geschäftsleuten, die in der Schweiz leben und/oder arbeiten und irisch sind oder eine enge Verbindung zu Irland haben.

Am 4. März 2021 organisierte das Irish Business Network eine zum Nachdenken anregende Diskussion mit einer erlesenen Runde: Zita Küng, Präsidentin von CH2021 und erste Leiterin des «Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann» der Stadt Zürich; Alkistis Petropaki, General Manager von WeAdvanceMarialuisa Parodi, Präsidentin von FAFTplus, Tessin, und Tabi Haller-Jorden, ehemalige Leiterin von Catalyst, Europa, Präsidentin und CEO des Paradigm Forum. Die Expertinnen beleuchteten das Schweizer Frauenstimmrecht auf Bundesebene, das vor Kurzem sein 50. Jubiläum feierte, und teilten ihre reichen Erfahrungen mit dem Publikum.

Die Diskussionsteilnehmerinnen skizzierten die Geschichte dieses Stimmrechts und den steinigen Weg zur Gleichberechtigung, der noch lange nicht zu Ende ist. Beim Versuch, die aktuelle Situation zu verstehen, erinnerte IBN-Co-Präsidentin Geraldine O‘Grady an die «verinnerlichte Unterdrückung» der Frauen in der Schweiz, die angesprochen wurde. Geraldine O‘Grady fühlte sich an das erinnert, was einige Historiker und Historikerinnen als «erlernte Hilflosigkeit» bezeichnen, unter der die bitterarmen irischen Bauern zur Zeit der irischen Hungersnot litten.  Ein tragischer Fakt in der irischen Geschichte. Aber auch Fakt für die Schweiz und die Schweizerinnen, selbst heutzutage?

Infrastruktur und Hindernisse

Eine Diskussion über die aktuelle Situation, Fortschrittsbarrieren und die Notwendigkeit eines Kultur- und Mentalitätswandels brachte den Stein ins Rollen. Das Fehlen männlicher Teilnehmer an der Veranstaltung wurde mit Bedauern zur Kenntnis genommen, schliesslich seien Probleme im Zusammenhang mit der Gleichstellung der Geschlechter keine reine «Frauenangelegenheit». Vielmehr wirken sie sich auf alle Mitglieder einer Gesellschaft negativ aus – hier und überall.

Die Infrastrukturprobleme in der Schweiz mit lückenhaften Stundenplänen, mangelnder Kinderbetreuung, Erwartungen an den Platz der Frau in der Gesellschaft und die Zahl der teilzeitarbeitenden Frauen – die höchste in allen OECD-Mitgliedsstaaten – waren Teil der Diskussion. Während Teilzeitarbeit angesichts der familienunfreundlichen Schul- und Kinderbetreuungsinfrastruktur kurzfristig eine gute Lösung zu sein scheint, ist die Zahl der Frauen, die im Rentenalter keinen Zugang zu angemessenen finanziellen Mitteln haben, inakzeptabel – die Feminisierung der Armut ist ein sehr reales Problem.

Finanzielle Unabhängigkeit

Angesprochen wurden auch die Themen finanzielle Unabhängigkeit und Sicherheit und es wurde betont, wie wichtig es ist, dass Frauen finanziell für ihr Wohl verantwortlich sind.  Wir erfuhren, dass in den USA zwar fast 30 % der Frauen zwischen 18 und 35 Jahren mehr verdienen als ihre Partner, doch eine Verschiebung sehr wahrscheinlich wird, sobald Kinder ins Spiel kommen. Ab diesem Augenblick stossen Frauen in der Regel auf Barrieren und müssen harte Entscheidungen treffen. Diese Situation führte bzw. führt zu einer starken Abhängigkeit der Frauen von ihren Partnern. Daher ist es notwendig, dass junge Menschen über finanzielle Verantwortung aufgeklärt werden, und zwar schon in jungen Jahren.

Mentalitätswandel

Was ist nötig, um die Mentalität einer Gesellschaft zu ändern, damit Gleichbehandlung und Chancengleichheit gewährleistet sind? Die Wahrnehmung, dass Kinder darunter leiden, wenn Frauen paritätisch im Berufsleben vertreten sind, muss dringend geändert werden. Tatsächlich belegen mehrere Schweizer Studien einen positiven Zusammenhang zwischen dem Besuch von qualitativ hochwertigen Kindertagesstätten und schulischen Fortschritten, wie IBN Co-Präsidentin Brigid O‘Donovan im Chat mitteilte.

Müssen wir uns verändern oder das System, in dem wir arbeiten? In der anschliessenden Diskussion wurden wichtige Themen beleuchtet, nämlich die Aufklärung und Sensibilisierung in Unternehmen sowie die notwendige Zivilcourage, für sich selbst einzustehen. Die Moderatorin dieser Diskussion, Mary Mayenfisch, bestand auf der Notwendigkeit eines besseren Schutzes und einer besseren Gesetzgebung, damit solch mutige Menschen gehört und geschützt werden. Interessanter Fakt am Rande: Bis heute ist der Schutz von unbequemen Stimmen und Whistleblowern nicht im Schweizer Gesetz verankert. Es braucht Zivilcourage, um notwendige gesellschaftliche Veränderungen zu realisieren, genauso wichtig aber ist der gesetzliche Schutz derjenigen, die solche Veränderungen fordern. Die Teilnehmenden wurden aufgerufen, nicht einfach auf die notwendigen politischen Veränderungen zu warten, sondern sich zu fragen, ob sie selbst Role Models für die Werte sind, die sie in Bezug auf Gerechtigkeit vertreten. Was hat jede Einzelne und jeder Einzelne von uns unternommen, um unser Engagement für diese Zielsetzung zu zeigen?

Frauen in Politik und Wirtschaft

Die Diskussion ging über zur Bedeutung von Frauen in der Politik; dazu wurde auf zwei kürzlich in der Schweiz durchgeführte Studien verwiesen1]. Zu den angesprochenen Themen gehörten der Konflikt zwischen Wirtschaft und Betreuung, die grosse Menge an unbezahlter und wenig beachteter Care-Arbeit, die Frauen für die Gesellschaft leisten, und der erfreuliche Anstieg der Zahl von Frauen, die in die Politik eintreten.

Mit Blick auf den Unternehmenssektor verwies Alkistis Petropaki auf die Arbeit mit der Universität St. Gallen, den Gender Intelligence Report und den Maturity Compass sowie die Messung der vier Stufen der Gender Maturity.

Die anwesenden Rednerinnen merkten an, dass ein höherer Frauenanteil in den Vorständen zu höheren Gewinnen führt. Eine der Teilnehmerinnen in der Diskussionsrunde zitierte dazu Viviane Reding, ehemalige Vizepräsidentin der Europäischen Kommission: «I don’t like quotas, but I like what they do» (Ich mag keine Quoten, aber ich mag, was sie tun). Angesichts der eindeutigen Faktenlage, nämlich dass vielfältige Teams und Vorstände von Unternehmen für bessere Retouren sorgen, stellt sich die sehr berechtigte Frage, warum es in der Schweiz nicht mehr Frauen in den Vorständen gibt.[2]

Und wie sieht es mit der Schnittmenge zwischen Frauen in der Politik und Frauen in der Wirtschaft aus? Könnte man in der Schweiz eine Allianz bilden, um Veränderungen stärker voranzutreiben? Viele multinationale Unternehmen, die hier tätig sind, sind sehr um Vielfalt, Inklusion und Gleichberechtigung bemüht, aber gehen sie auf die Schweizer Politikerinnen und Politiker zu, die für dieselben Rechte kämpfen?

Beim Blick auf andere Länder – hier Ruanda – wurde bemerkt, dass dieses Land die höchste Anzahl von weiblichen Parlamentariern in der Welt und eine unglaublich effektive Regierung hat. Ein gutes Role Model also für die Schweiz?

Schliesslich wurden die Nutzung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) durch Unternehmen, um eine bessere Leistung und Governance zu gewährleisten, angesprochen, die geringe Anzahl von Frauen in der Schweiz, die bereit sind, sich frühzeitig unternehmerisch zu betätigen (7,3 % im Vergleich zu 12,3 % der Männer), die Notwendigkeit, Frauen zu sponsern statt zu betreuen, die Rolle der Soziologie und ihre Bedeutung für den Fortschritt sowie die ungleiche Verteilung der Arbeit. So viele interessante Themen, für die am Ende leider viel zu wenig Zeit war.

Falls Sie sich weiter in die Materie einlesen möchten, legen wir Ihnen dieses Manifest ans Herz, das Zita Küng und der Vorstand von CH2021 am 7. Februar 2021, dem 50. Jahrestag des Frauenstimmrechts, an den Bundesrat geschickt haben und in dem die Schweizer Regierung dringend aufgefordert wird, einen Aktionsplan für eine echte Gleichstellung zu erstellen … und zwar jetzt!

[1] Tresch, Anke; Lauener, Lukas; Bernhard, Laurent; Lutz, Georg et Laura Scaperrotta (2020). Élections fédérales 2019. Participation et choix électoral. FORS-Lausanne. DOI: 10.24447/SLC-2020-00002.

Seitz, Werner (2020). Die Frauen bei den eidgenössischen Wahlen 2019: Ein grosser Schritt nach vorne – im Bundeshaus. Mit einem Exkurs zu den Frauen bei den Wahlen in den kantonalen Parlamenten und Regierungen 2015/2019. Eidgenössische Kommission für Frauenfragen EKF. Bern, Juni 2020, S. 24

[2] https://www.schillingreport.ch/content/uploads/sites/2/2021/02/Medienmitteilung_2020.pdf

Über Mary Mayenfisch-Tobin

Die irische Anwältin Mary Mayenfisch-Tobin arbeitete in verschiedenen privaten Rechtsanwaltskanzleien in Irland, bevor sie 1987 nach ihrer Heirat nach Lausanne zog. Sie studierte Französisch und schloss 1992 ihr LLM in europäischem und internationalem Wirtschaftsrecht an der Universität Lausanne ab und qualifizierte sich 2017 als Mediatorin. Nach ihrer Lehrtätigkeit an der Ecole Hotelière de Lausanne, der Pepperdine University (Schweiz) und anderen akademischen Institutionen ist sie auch heute noch im Bildungsbereich tätig. Präsidentin von Business and Professional Women Lausanne (2010 bis 2014), ist sie nun Präsidentin von CLAFV Centre de Liaison des Associations Féminines, ein nominiertes Mitglied der Commission Consultative Cantonale de l’Egalité und Mitglied des Ausschusses von Politiciennes.ch im Kanton Waadt.