Katharina Zenhäusern (1919-2014)

Die Walliserin Katharina Zenhäusern und 32 weitere Frauen stimmen 1957 an der Urne über die Zivilschutzpflicht für Frauen ab. Da den Schweizer Frauen die politischen Rechte noch immer vorenthalten werden, handelt es sich um einen Akt des zivilen Ungehorsams. Die Protestaktion in Unterbäch erregt Aufmerksamkeit über die Landesgrenzen hinaus.

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Am 3. März 1957 findet die eidgenössische Abstimmung über die «Einführung der obligatorischen Schutzdienstpflicht weiblicher Personen» statt. Die Schweizer Männer stimmen über eine Vorlage ab, die ausschliesslich Frauen betrifft. Frauenrechtlerinnen und Frauenorganisationen sind empört und protestieren: «Keine neuen Pflichten ohne Rechte!».

Am Abend des 2. März 1957 legt Katharina Zenhäusern dann in Unterbäch als erste Frau überhaupt einen Stimmzettel in eine Schweizer Abstimmungsurne. Zum Zeitpunkt der Abstimmung ist sie 37 Jahre alt, in der Landwirtschaft tätig und mit dem Gemeindepräsidenten Paul Zenhäusern verheiratet. «Irgendeine musste ja den Anfang machen», erinnert sie sich später. Auch ihre 80-jährige Mutter stimmt an diesem Abend ab. Insgesamt nehmen 33 der 106 Frauen der Gemeinde an der Abstimmung teil, begleitet von Buhrufen. Die Beschimpfungen – durch Männer und Frauen – halten teilweise noch Tage an. Die Abstimmung von Unterbäch erregt auch mediales Auf-sehen. Medienschaffende aus Asien und den USA sind anwesend und fotografieren. Sogar die New York Times berichtet von der Sensation.

Doch wie kommt es dazu, dass ausgerechnet die Frauen der Oberwalliser Gemeinde Unterbäch zu Vorkämpferinnen für die politischen Rechte der Frauen wurden? Ein Grund liegt sicher in der wirtschaftlichen Situation der Bergregion. Da Arbeitsstellen rar sind, verlassen viele Männer ihre Dörfer, um als Saisonniers in den Weinreben, Obstgärten oder als Tunnelbauer zu arbeiten. Meist bleiben sie mehrere Monate von zuhause fern. In dieser Zeit kümmern sich die Frauen um den Haushalt, die Feldarbeit, die Kinder und die Geschäfte und verfügen daher über beträchtliche Entscheidungsfreiheiten. Ein zweiter Grund ist die politische Zusammenarbeit mit Iris und Peter von Roten, die in Raron, einer Nachbargemeinde von Unterbäch wohnen und immer wieder öffentlich für die Gleichberechtigung der Frauen eintreten.

Tatsächlich berät Peter von Roten mit dem Gemeindepräsidenten und Grossrat Paul Zenhäusern die anstehende Abstimmung. Die beiden haben im Kanton bereits früher zwei Motionen für das Frauenstimm- und -wahlrecht eingereicht – ohne Erfolg. Jetzt wollen sie die Frauen von Unterbäch an der eidgenössischen Abstimmung teilhaben lassen. Sie fragen den Bundesrichter Werner Stocker um Rat. Dieser beurteilt die Teilnahme der Frauen an einer eidgenössischen Abstimmung als vereinbar mit dem Verfassungsartikel zu den politischen Rechten, einzige Voraussetzung sei der Eintrag im Stimmregister der Gemeinde. Und so beschliesst der Gemeinderat am 6. Februar 1957, die Frauen ins Stimmregister der Gemeinde Unterbäch einzutragen und eine separate Urne für ihre Stimmen aufzustellen. Im Protokoll der Gemeinderatssitzung heisst es dazu: «Der Anstand und der gute Ton verlangen es in diesem Falle besonders, dass wir Männer uns nicht als Vormünder benehmen, sondern Rechte und Pflichten unserer Frauen in Einklang bringen». Da das Führen der Stimmregister in der Verantwortung der Gemeinden liegt, beruft sich der Gemeinderat auf die Gemeindeautonomie. Das Walliser Wahlgesetz schliesst nur sogenannte Zuchthäusler oder Armengenössige von der Ausübung der politischen Rechte aus – Frauen sind nicht erwähnt. Die Walliser Kantonsregierung und der Bundesrat sind nicht erfreut: der Plan sei verfassungswidrig. Trotzdem wird in Unterbäch am Vorhaben festgehalten. Auch einige andere Gemeinden (Siders, Martigny-Bourg, Lugano, La Tour-de-Peilz und Niederdorf BL) lassen Frauen konsultativ abstimmen; Unterbäch ist aber das einzige Dorf, das die Stimmen der Frauen und Männer gleichwertig behandeln will.

Die Stimmen der Unterbächer Frauen werden schliesslich für ungültig erklärt, dennoch ist die Protestaktion ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur politischen Gleichberechti-gung der Frauen. Gegen den Willen der Walliser Regierung trägt Unterbäch als erste Schweizer Gemeinde die Frauen ins kommunale Stimm- und -wahlregister ein. Erst 13 Jahre später erhalten die Walliserinnen das kantonale Stimmrecht. Katharina Zenhäusern lässt bis zu ihrem Tod 2014 keine Abstimmung aus.

Das Oberwalliser Bergdorf wird zum Symbol für die politische Teilhabe der Frauen und als «Rütli der Schweizer Frauen» bekannt. Als Elisabeth Kopp 1984 zur ersten Bundesrätin gewählt wird, macht Unterbäch sie zur Ehrenbürgerin. 1988 zum Rücktritt gezwungen, wird sie im Februar 1989 nach Unterbäch eingeladen. Während ihrer Besuche lernen Elisabeth Kopp, Iris von Roten und Katharina Zenhäusern einander kennen – drei Pionierinnen im Kampf um das Stimm- und Wahlrecht für Frauen (Quelle: EKF).

„Irgendeine musste ja den Anfang machen.“ Katharina Zenhäusern, 2007

 

 

 

 

Iris von Roten (1917-1990)

Die Juristin und Autorin Iris von Roten liefert 1958 in ihrem Buch Frauen im Laufgitter eine eindrückliche Analyse der Situation der Frauen in der Schweiz. Schonungslos legt sie die Machtverhältnisse der patriarchalen Gesellschaft und die Unterdrückung der Frauen offen. Für diese Direktheit wird sie zu Lebzeiten kritisiert und diffamiert. Heute gilt ihr Buch als feministisches Grundlagenwerk.

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Iris Meyer wächst in einer wohlhabenden Familie auf. 1932 bis 1936 besucht sie die Höhere Töchterschule in Zürich. Nach der Matura studiert sie in Bern, Genf und Zürich Rechtswissenschaften und promoviert 1941. Danach arbeitet sie zunächst als Journalistin und Redakteurin, ab 1944 beim Schweizer Frauenblatt, dem Publikationsorgan des Bundes Schweizerischer Frauenorganisationen.

Bereits an der Universität Bern lernt Iris Meyer den Mitstudenten und späteren Walliser Grossrat Peter von Roten kennen, der aus einer aristokratischen Familie stammt. Die beiden verlieben sich und tauschen sich intensiv über gesellschaftspolitische und persönliche Themen aus; zwischen 1943 und 1950 schreiben sie einander über 1’300 Briefe. Gegen den Widerstand der katholisch-konservativen Familie Peter von Rotens heiraten sie 1946. Im selben Jahr erwirbt Iris von Roten das Anwaltspatent. Das Ehepaar eröffnet ein Advokatur- und Notariatsbüro im Wallis. Doch Iris von Roten ist es in den konservativen Tälern zu eng, ihr werden als Anwältin kaum Mandate anvertraut, sie kann sich in dem «Walliser-Männerloch» (Verliebte Feinde, S. 373) nicht verwirklichen.

So geht sie im Sommer 1947 für einen mehrmonatigen Sprachaufenthalt nach England und setzt sich dort vertieft mit feministischen Themen auseinander. Ab Sommer 1948 lebt sie ein Jahr in den USA, sie studiert Soziologie und schreibt an einem Buch über die Entrechtung der Frauen. Iris und Peter von Roten führen ihren Briefwechsel fort, sie diskutieren insbesondere auch über Geschlechterbeziehungen und sexuelle Freiheit. In der gleichen Periode reicht Peter von Roten als Nationalrat und Grossrat der Katholisch-Konservativen – gegen den Willen seiner Partei – Vorstösse für die politische Gleichberechtigung der Frauen ein.

Als Iris von Roten in die Schweiz zurückkehrt, zieht das Ehepaar nach Basel. 1952 kommt ihre Tochter Hortensia zur Welt. Damit beide Familie und Beruf vereinbaren können, erprobt das Paar verschiedene Modelle, von der Haushalthilfe über studentische Hilfskräfte bis zu externen Betreuungslösungen. 1958 veröffentlicht Iris von Roten nach langer Arbeit Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau. Auf rund 600 Seiten unternimmt sie eine soziologische Analyse der Situation der Frauen. In fünf Kapiteln untersucht sie ebenso detailliert wie kritisch die Wurzeln und Zusammenhänge der Unterdrückung von Frauen. Sie analysiert die «weibliche Berufstätigkeit in einer Männerwelt», die Abhängigkeit der Frauen in der Liebe und Sexualität, sie entlarvt die Haushaltsarbeit als «Haushaltsfron» und die Mutterschaft als «Bürde ohne Würde». Im Kapitel «Ein Volk von Brüdern ohne Schwestern» prangert sie die politische Rechtlosigkeit der Frauen an. Sie fordert die uneingeschränkte wirtschaftli-che, rechtliche, politische und soziale Gleichstellung der Geschlechter und die sexuelle Selbstbestimmung für die Frauen. Ihre oft pointierten Worte stossen vielerorts auf heftige Ablehnung. Besonders die Aussagen zu Mutterschaft, Hausarbeit und Sexualität entrüsten. Frauen im Laufgitter wird zum Skandal und Iris von Roten öffentlich geächtet, verspottet und persönlich angefeindet. Im Dezember 1958 distanziert sich auch der einflussreiche Bund Schweizerischer Frauenorganisationen (BSF) vom Buch. Viele traditionelle Stimmrechtskämpferinnen befürchten, die radikale Streitschrift könnte im Hinblick auf die anstehende Abstimmung über das Frauenstimmrecht kontraproduktiv sein. Nach dem negativen Ausgang der Abstimmung im Februar 1959 veröffentlicht Iris von Roten das Frauenstimmrechts-Brevier, in dem sie in kurzer Form das Stimmrecht als notwendige Grundlage für eine umfassende Gleichstellung der Geschlechter beschreibt.

Nach diesen beiden Veröffentlichungen äussert sich Iris von Roten nur noch selten zu feministischen Themen. 1960 reist sie mit dem Auto für sechs Monate durch die Türkei; ihre Reiseerlebnisse publiziert sie 1965 im Buch Vom Bosporus zum Euphrat. Türken und Türkei. Sie unternimmt weitere Reisen in zahlreiche Länder und wendet sich vermehrt der Malerei zu. Als sie nach einem Unfall zunehmend von Gesundheits-problemen geplagt wird, ihre Sehkraft abnimmt und sie nicht mehr malen kann, beendet Iris von Roten 1990 ihr Leben. Ein Jahr nach ihrem Tod erscheint im efef-Verlag eine Neuauflage von Frauen im Laufgitter, die zum Bestseller wird (Quelle: EKF).

„(…) in den Staaten mit politischer Gleichberechtigung kann man in keinem Bereich die Frauen grundsätzlich hintanstellen oder übergehen. Die Frauen zählen! In ihren eigenen Augen und jenen der anderen. Zwar nicht so viel, wie sie zählen sollten, aber etliches mehr als dort, wo man ihnen im Bereich der Politik einen Maulkorb anlegt.“ Iris von Roten, Frauen im Laufgitter (1958), S. 579

 

 

 

 

 

Antoinette Quinche (1896-1979)

Antoinette Quinche ist die erste promovierte Juristin und Anwältin im Kanton Waadt und eine prägende Persönlichkeit der kantonalen und nationalen Frauenstimmrechtsvereine. 1957 geht sie für das Frauenstimm- und -wahlrecht bis vor Bundesgericht. Die Beschwerde wird abgelehnt, aber in ihrem Heimatkanton trägt die jahrzehntelange Arbeit Früchte: 1959 führt die Waadt als erster Kanton das Frauenstimmrecht in kantonalen Angelegenheiten ein.

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Nach nur einem Jahr an der Töchterschule in Lausanne wechselt Antoinette Quinche an das kantonale Gymnasium. Dort ist sie das einzige Mädchen, denn das Gymnasium ist Jungen vorbehalten. Doch ihr Vater erreicht ihre Zulassung. Der Besuch des kanto-nalen Gymnasiums ist Voraussetzung für ein späteres Universitätsstudium, und nach der Matura studiert sie ab 1915 an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Lausanne. 1923 sind sie und Linette Combe die ersten Frauen im Kanton Waadt, die als Juristinnen promovieren. Nach einem dreijährigen Volontariat bei einem Anwalt erwirbt Antoinette Quinche das Anwaltspatent und eröffnet eine eigene Kanzlei. Sie vertritt vorwiegend Frauen bei Scheidungen, Vaterschaftsnachweisen oder Arbeitsunfällen. 1953 trägt sie entscheidend dazu bei, dass Frauen nach der Heirat mit einem Ausländer die schweizerische Nationalität nicht mehr verlieren. Sie erwirkt auch eine Verbesserung der Haftbedingungen von Frauen. Neben ihrer Berufstätigkeit bietet sie zudem im Auftrag der Union des femmes mit Linette Combe eine unentgeltliche Rechtsberatung für Frauen an.

Antoinette Quinche lebt gemeinsam mit ihrer Schwester bis zum Tod ihrer Eltern im Elternhaus. 1936 schliesst sich die spanische Frauenrechtlerin Clara Campoamor, die seit dem Spanischen Bürgerkrieg im Exil lebt, der Wohngemeinschaft an. Im Jahr 1962 übernehmen die Schwestern die Sorge für eine 2-jährige Pflegetochter, deren verstorbene Mutter mit ihnen befreundet war.

Antoinette Quinche übt während vielen Jahren öffentliche Tätigkeiten und Ämter aus. Sie tritt der Parti radical-démocratique suisse (heute FDP) bei, ist Mitglied der kantonalen Parteileitung und gründet die FDP-Frauengruppe Lausanne; 1932 bis 1935 präsidiert sie den Schweizerischen Verband der Akademikerinnen.

Einen besonderen Stellenwert unter ihren Aktivitäten nimmt ihr Engagement für die politische Gleichberechtigung der Frauen ein. Bereits als junge Frau wird sie in London mit ihrer aus Grossbritannien stammenden Mutter Zeugin einer Protestaktion der Suffragetten. Jahre später ist sie selbst eine Vorkämpferin für die politischen Rechte der Frauen. 1927 tritt sie dem Schweizerischen Verband für Frauenstimmrecht (SVF) bei, 1928 wird sie Mitglied im Zentralvorstand und amtiert von 1945 bis 1951 als Vizepräsidentin. Ab 1930 hat sie den Vorsitz der Lausanner Gruppe inne, ab 1932 präsidiert sie zusätzlich die Association vaudoise pour le suffrage féminin. Bis 1961 vertritt sie den SVF auch in der International Alliance of Women.

1929 engagiert sich Antoinette Quinche für die Petition für das Frauenstimmrecht. Sie ist Präsidentin des Waadtländer Aktionskomitees und Mitglied im Schweizerischen Aktionskomitee. Die Frauen verteilen Flugblätter, organisieren Vorträge und sammeln Unterschriften. Der Einsatz der Waadtländerinnen zahlt sich aus: 1/7 der schweizweit gesammelten Unterschriften stammt aus dem Kanton Waadt. Trotz der beeindruckend hohen Zahl von 249’237 Unterschriften bleibt die Petition ohne direkte Folgen.

Nach dem 2. Weltkrieg gründet der SVF das Schweizerische Aktionskomitee für das Frauenstimmrecht. Antoinette Quinche übernimmt das Präsidium und organisiert zahlreiche Aktionen. Als 1948 die Einhundertjahrfeier des Bundesstaates unter dem Motto «Schweiz, ein Volk von Brüdern» stattfindet, organisiert das Aktionskomitee eine Veranstaltung zur Benachteiligung der Frauen.

Gemeinsam mit 1’413 Mitstreiterinnen aus den Kantonen Waadt, Neuenburg und Genf verlangt Antoinette Quinche 1956 den Eintrag ins Stimmregister ihrer Gemeinden (vgl. auch Folie und Skript zu Elsa Franconi-Poretti und Katharina Zenhäusern). Sie berufen sich auf die Rechtsgleichheit in der Bundesverfassung. Mit dieser juristischen Auslegung wollen sie das Frauenstimmrecht ohne Verfassungsänderung ermöglichen. Nachdem die Gemeinden diese Forderung ablehnen, klagt Antoinette Quinche 1957 bis vor Bundesgericht. Aber auch das Bundesgericht weist die Beschwerde mit der Begründung ab, das Gewohnheitsrecht wiege höher als die in der Verfassung verankerte Rechtsgleichheit.

Im Vorfeld der ersten eidgenössischen Abstimmung über das Frauenstimmrecht leistet Antoinette Quinche Überzeugungsarbeit bei Waadtländer Politikern. Dank ihrem Engagement stimmen die Männer des Kantons Waadt am 1. Februar 1959 nicht nur über das eidgenössische, sondern gleichzeitig auch über das kantonale Frauenstimm-recht ab. Während die Vorlage auf nationaler Ebene abgelehnt wird, stimmt der Kanton Waadt der politischen Gleichberechtigung der Frauen zu und ist damit der erste Kanton in der Schweiz, der das Frauenstimm- und -wahlrecht einführt.

Nach diesem Erfolg zieht sich Antoinette Quinche aus der Öffentlichkeit zurück, ihren Beruf als Anwältin übt sie aber noch bis ins hohe Alter aus. Sie stirbt 1979 mit 83 Jahren (Quelle: EKF).

„Unsere Demokratie ist sehr alt und im Wesentlichen männlich geprägt. Um sie zu verändern, brauchte es grosses Fingerspitzengefühl und Argumente, die in den Augen der Demokraten zählen. Daher haben wir immer betont, wie ungerecht dies gegenüber den Frauen ist.“ Antoinette Quinche, 1971

 

 

 

 

 

Elsa Franconi-Poretti (1895-1995)

Die Journalistin, Autorin und Schauspielerin Elsa Franconi-Poretti lebt lange Zeit in Paris. 1955 kehrt sie in die Schweiz zurück und engagiert sich insbesondere für die politischen Rechte der Frauen. 1971 wird sie – mit 75 Jahren – als eine der ersten Frauen in den Tessiner Grossrat gewählt; dort hält sie als erste Frau überhaupt eine Rede.

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Elsa Poretti geht in Lugano zur Schule und besucht anschliessend das Istituto Santa Maria in Bellinzona, das sie 1914 mit dem Lehrerinnendiplom abschliesst. Für kurze Zeit unterrichtet sie an einer Primarschule in Bré (Lugano). 1924 heiratet sie den Architekten und Künstler Giuseppe Franconi. Gemeinsam ziehen sie nach Nordfrank-reich und später nach Paris, wo sich ihr Mann am Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt. Sie arbeitet als Korrespondentin für den Corriere del Ticino sowie das Radio Monteceneri. Die Familie bleibt drei Jahrzehnte lang in Paris. Einzig während des Zweiten Weltkriegs lebt Elsa Franconi-Poretti mit ihrer Tochter in Lugano, engagiert sich ehrenamtlich beim lokalen Roten Kreuz und beginnt als Schauspielerin und Autorin im Theater zu arbeiten. Nach dem Krieg kehrt sie nach Paris zurück und nimmt ihre journalistischen Tätigkeiten wieder auf.

Ab 1955 wohnt die Familie in Lugano. Elsa Franconi-Poretti ist weiterhin für den Corriere del Ticino tätig: Sie schreibt Artikel und ist darüber hinaus verantwortlich für die «Frauenseiten» La pagina della donna, Corriere Donna und Donna. Mit drei weiteren Frauen gestaltet sie für Radio Monteceneri die wöchentliche Sendung L’Ora della donna. Diese informiert insbesondere über die gesellschaftliche und politische Stellung der Frauen. Die Beiträge stammen aus entlegenen Tessiner Tälern oder aber aus Russland, Israel etc. Diese Berichte und Diskussionen tragen die Debatte um das Frauenstimm- und -wahlrecht aus dem privaten Raum hinaus in die Öffentlichkeit. Nachdem 1971 das Stimm- und Wahlrecht für die Frauen auf nationaler Ebene durchgesetzt wurde, wird die Sendung 1973 eingestellt.

Neben ihren beruflichen Tätigkeiten ist Elsa Franconi-Poretti in diversen Frauenstimm-rechtsvereinen aktiv. Sie tritt dem Movimento sociale femminile (Soziale Frauen-bewegung) bei. Dieser Verein wurde 1933 in Lugano mit dem Ziel gegründet, das Frauenstimm- und -wahlrecht zu erkämpfen. In den 1950er Jahren gibt es bereits sechs regionale Gruppen, welche die Debatte bis in die kleinsten Dörfer des Tessins bringen. Dabei sollen nicht nur die Schweizer Männer (und somit die Stimm-berechtigten), sondern insbesondere die Frauen und die Jungen für das Thema sensibilisiert werden. Der Verein vernetzt sich in den 1950er Jahren zunehmend mit dem Schweizerischen Verband für Frauenstimmrecht und wird 1954 in Associazione Ticinese per il voto alla donna umbenannt. Elsa Franconi-Poretti wird Redakteurin des Publikationsorgans La Nostra Voce (Unsere Stimme), das erstmals im Juni 1956 erscheint.

1957 führt sie mit anderen Frauen eine Protestabstimmung durch. Die Aktion richtet sich gegen die eidgenössische Abstimmung vom 3. März über einen obligatorischen Zivildienst für Frauen, über den alleine die (stimmberechtigten) Männer entscheiden sollen; die Frauen können sich dazu nicht äussern. (Eine solche Protestabstimmung führen zeitgleich auch Frauen in der Walliser Gemeinde Unterbäch durch; vgl. Folie und Skript zu Katharina Zenhäusern.)

Elsa Franconi-Poretti politisiert ebenfalls auf parteipolitischer Ebene. Sie ist Mitglied des Partito Radicale Democratico (PRD, dt. FDP) und gründet 1957 den Gruppo donne liberali di Lugano (Liberale Frauen Lugano), den sie bis 1978 präsidiert. Als sich 1958 die Tessiner Frauenvereine im Dachverband Federazione Ticinese Società Femminili (FTSF, heute: Federazione Associazioni Femminili Ticino Plus) zusammenschliessen, ist die Präsidentin der freisinnigen Frauen auch dabei. Der FTSF will «die regionalen und lokalen Frauenvereine zusammenbringen», «die Situation der Frauen im öffentlichen und privaten Leben untersuchen» und «die Interessen der Frauen gegenüber den Behörden vertreten».

1969 kommt es im Tessin zur dritten Abstimmung über das kantonale Frauenstimm- und -wahlrecht. Während die Tessiner Männer die politische Gleichstellung der Frauen in der ersten Abstimmung 1946 deutlich mit 77 Prozent und in der zweiten Abstimmung 1966 noch mit 59 Prozent abgelehnt hatten, stimmen sie 1969 mit einer Mehrheit von 63 Prozent zu. Die stetige Konsolidierung der Kräfte für das Frauenstimmrecht zahlt sich endlich aus. Und Elsa Franconi-Poretti, die den Abstimmungskampf der freisinnigen Frauen leitete, wird bei den Wahlen 1971 eine der ersten elf Tessiner Grossrätinnen. Da sie mit 75 Jahren das älteste Ratsmitglied ist, präsidiert sie den Grossrat und hält am 3. Mai 1971 die erste Ansprache im Parlament – als erste Frau überhaupt.

In den folgenden Jahren arbeitet sie unter anderem intensiv an den Vorbereitungen für das von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Jahr der Frau (1975). 1980 tritt sie von ihren beruflichen Aktivitäten zurück. 1995 stirbt sie mit 99 Jahren in Lugano (Quelle: EKF).

„Zum ersten Mal ertönt von diesem Sitz eine weibliche Stimme (…). Uns erwartet die Ausarbeitung, die Annahme und der Erlass von Gesetzen, die uns in Zukunft Gerechtigkeit bei der Arbeit, die Lohngleichheit bei gleicher Arbeit (…) sowie allen den Zugang zum Studium jeder Stufe und jeder Wichtigkeit garantieren.“ Elsa Franconi-Poretti

 

 

 

 

 

Emilie Gourd (1879-1946)

«L’Idée marche!» Aus dieser Parole von Emilie Gourd spricht die Überzeugung, mit der sich die Genferin dem Kampf für Frauenrechte widmet. Mit viel Leidenschaft, journalistischem Talent, reger Reisetätigkeit und als hervorragende Vermittlerin treibt sie die Verbreitung dieser «Idee» voran. Die Frauenrechtlerin engagiert sich in kantonalen, nationalen und internationalen Frauenstimmrechtsvereinen, gründet eine feministische Zeitschrift, fordert bessere Arbeitsbedingungen und gleichen Lohn für gleiche Arbeit. 

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Die Familie Gourd bewegt sich in einem bürgerlichen, protestantischen und intellektuellen Umfeld. Durch ihre Mutter lernt Emilie bürgerliche Frauenvereine kennen, die sich wohltätig engagieren. Beide beteiligen sich an den Aktivitäten des Vereins Goutte de lait, der gemeinsam mit Arbeiterinnen gegen die hohe Kindersterb-lichkeit kämpft. Der Vater ist Pfarrer und Philosophieprofessor an der Universität Genf, Bildung ist ihm auch für seine beiden Töchter wichtig. Mit drei Jahren beherrscht Emilie Gourd das Alphabet, mit fünf kann sie lesen, mit sieben lernt sie Deutsch. Sie besucht die Höhere Töchterschule in Genf, das Diplom berechtigt aber nicht zu einem Universitätsstudium. Deshalb kann Emilie Gourd den Vorlesungen in Philosophie und Geschichte nur als Hörerin folgen. Bloss für kurze Zeit unterrichtet sie als Lehrerin, denn ihre Leidenschaft gilt dem Lesen und Schreiben. Sie hat mehrere Zeitschriften abonniert – etwa die feministische Pariser La fronde (Die Schleuder), die ausschliess-lich von Frauen geschrieben geleitet und gedruckt wird – und informiert sich so über die weltweiten Frauenkämpfe. 

Diese Zeit markiert den Beginn eines Werdegangs voller Vereinsaktivitäten und unzähliger Konferenzen in der Schweiz und im Ausland. Emilie Gourd macht Bekanntschaft mit Persönlichkeiten der Genfer Frauen(stimmrechts)bewegung, 1904 tritt sie der Union des femmes de Genève bei, 1911 wird sie Präsidentin der Associa-tion genevoise pour le suffrage féminin. Ab 1914 präsidiert sie den Schweizerischen Verband für Frauenstimmrecht und die Nähstube der Union des femmes de Genève, die mittel- und arbeitslosen Frauen ein Einkommen ermöglicht. 1923 wird sie Sekre-tärin der International Alliance of Women. Und als in den 1930er Jahren faschistische Ideen erstarken, ruft sie die Genfer Sektion der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft Frau und Demokratie ins Leben. 

1912 gründet Emilie Gourd die Zeitschrift Mouvement féministe, deren Chefredak-teurin sie fortan ist. Die monatliche Zeitschrift vereinigt Information, Bildung und Propaganda für das Frauenstimm- und -wahlrecht. Hierzu berichtet die Journalistin regelmässig über die Frauenbewegungen im Ausland. Die Zeitschrift erscheint – unter wechselnden Namen – bis 2009 in Papierform und ist heute unter dem Titel L’Emilie als Webangebot verfügbar. 

Als Präsidentin des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht (SVF) nimmt Emilie Gourd eine wichtige Rolle als Vermittlerin ein. Der Verband – 1909 als Zusammenschluss der lokalen Stimmrechtsvereine entstanden – erfährt in dieser Zeit einen grossen Zuwachs an Mitgliedern. Anders als viele bürgerliche Frauen (z. B. Emma Graf, die 1914 den Slogan «Pflichten erfüllen heisst Rechte begründen» prägte) vertritt sie die Auffassung, dass den Frauen in einer Demokratie die politischen Rechte bedingungslos zustehen und sie sich diese nicht zuerst «verdienen» müssen: «Keine neuen Pflichten ohne Rechte». Mit dieser Haltung kann sie zwischen den bürgerlichen und sozialistischen Flügeln der Frauenbewegung vermitteln. Als die Arbeiterschaft während des Landesstreiks 1918 das Frauenstimm- und -wahlrecht verlangt, fordert sie als Präsidentin des SVF den Bundesrat auf, dieser Streikforderung nachzukom-men. Gleichwohl distanziert sie sich von militanten Aktionen – denn obwohl sich die Genferin an den egalitären Idealen der Französischen Revolution orientiert, will sie im Kampf um gleiche Rechte nur «legale» Mittel anwenden. 1929, ein Jahr nachdem ihre Präsidentschaft des SVF endet, lanciert der Verband eine Petition für das Frauen-stimmrecht mit einer Rekordzahl an Unterschriften und sie engagiert sich im gesamt-schweizerischen Aktionskomitee. 

Neben ihrem Engagement für die politischen Rechte der Schweizerinnen setzt sich Emilie Gourd für bessere Arbeitsbedingungen und die Anerkennung der Frauenarbeit ein. Dazu organisiert sie 1925 die erste kantonale Ausstellung über Frauenarbeit in Genf, die zum Vorbild für die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 wird. Für die SAFFA koordiniert sie auch den Genfer Beitrag, und es ist vermutlich ihre Idee, die fehlenden «Fortschritte des Frauenstimmrechts» in Form einer überdimensionierten Schnecke darzustellen, die viel Aufsehen erregt. 

Bis an ihr Lebensende bleibt Emilie Gourd Chefredakteurin des Mouvement féministe und präsidiert mehrere Vereine. Aufgrund einer Herzerkrankung muss sie ihre Aktivitäten jedoch zunehmend einschränken. 1946 – mit 66 Jahren – stirbt sie. Drei Monate zuvor lehnten die Genfer Männer zum dritten Mal das kantonale Frauenstimm- und -wahlrecht ab (Quelle: EKF).

Schweiz. Sozialarchiv F Fb-0009-28

„Ohne die Emanzipation der Frauen ist der Begriff der Demokratie nur Heuchelei und Lüge.“ Emilie Gourd

 

 

 

 

 

Rosa Bloch-Bollag (1880 – 1922)

Die «rote Rosa» ist gleichermassen angesehen wie verhasst. Denn mit ihrem rhetorischen Talent und ihrer erfolgreichen Agitation gehört Rosa Bloch-Bollag zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den herausragenden Figuren der Schweize-rischen ArbeiterInnenbewegung. Wahrscheinlich ist es auch ihr zuzuschreiben, dass die Arbeiterschaft während des Landesstreiks 1918 das Frauenstimm- und -wahlrecht fordert. 

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Rosa Bollag wächst in einer verarmten jüdischen Grosskaufmannsfamilie in Zürich auf. Ein Studium der Rechtswissenschaften bricht sie ab, da es ihr an den finanziellen Mitteln fehlt. Fortan arbeitet sie als Vertreterin in einem Zürcher Juweliergeschäft, bevor sie sich selbstständig macht. Sie heiratet Sigfried Bloch, der ab 1909 die Leitung der Zentralstelle für soziale Literatur (heute: Schweizerisches Sozialarchiv) über-nimmt. Das Paar pflegt Kontakte zur ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung. 

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verschlimmert sich die Not der Arbeiterfamilien, diese leiden unter der Verknappung der Lebensmittel und der Teuerung. Als Präsidentin des Zürcher Arbeiterinnenvereins organisiert Rosa Bloch-Bollag im Sommer 1916 Demonstrationen auf den Wochenmärkten. Zu solchen Hungerdemonstrationen kommt es in mehreren Schweizer Städten. Die Arbeiterinnen protestieren gegen die hohen Lebensmittelpreise, indem sie einen selbstgewählten Preis bezahlen oder den Verkauf der Kartoffeln gleich selbst übernehmen. Kern der Demonstrationen sind meist die regionalen Arbeiterinnenvereine. Diese entstanden Ende des 19. Jahrhunderts und schlossen sich 1890 im Schweizerischen Arbeiterin-nenverein (SAV) zusammen. Der SAV setzt sich für eine Verbesserung der Arbeits-bedingungen und der sozialen Sicherheit ein. Er fordert etwa, «die Löhne der Frauen mit denen der Männer gleichzustellen bei gleicher Arbeit und Leistung», den 9-Stun-den-Tag, einen Mutterschutz von 8 Wochen sowie eine bessere Bildung für Mädchen. 

1893 fordert der Arbeiterinnenverein als erste Organisation das Frauenstimmrecht. Als der Verein 1912 der Sozialdemokratischen Partei (SPS) beitritt, wird auch Rosa Bloch-Bollag Parteimitglied. In der Folge drängen die Arbeiterinnen die sozialdemokratische Partei, sich offiziell zum Stimm- und Wahlrecht für Frauen zu bekennen – mit Erfolg. Die SPS fordert noch im gleichen Jahr als erste Partei die politischen Rechte für die Frauen. 

1917 löst sich der SAV auf, seine Mitglieder organisieren sich fortan in sozialdemo-kratischen Frauengruppen. Ab 1918 werden diese von der neu geschaffenen Zentralen Frauenagitationskommission koordiniert, Rosa Bloch-Bollag wird deren erste Präsidentin. Gleichzeitig übernimmt sie die Redaktion der Vorkämpferin, der wichtigsten Arbeiterinnenzeitung und beeindruckt durch engagierte und hervorragend formulierte Artikel. 

Insbesondere in dieser Zeit entfaltet Rosa Bloch-Bollag ihre agitative Kraft. Im Frühjahr 1918 ist sie als einzige Frau Mitglied im Oltener Aktionskomitee, der nationalen Streikleitung des Landesstreiks vom November 1918. Ziemlich sicher ist sie dafür verantwortlich, dass an zweiter Stelle des Forderungskatalogs das «aktive und passive Frauenwahlrecht» aufgeführt ist. 

Am 10. Juni 1918 leitet sie in Zürich eine vielbeachtete Hungerdemonstration. Es nehmen nicht nur Arbeiterinnen teil, auch bürgerliche Frauen schliessen sich dem Protest an. Nach ihrer Rede überreicht die «rote Rosa» dem Kantonsrat die Erklärung der Arbeiterinnen. Diese verlangen u.a. die sofortige Beschlagnahmung der Lebensmittel sowie deren Verteilung an bedürftige Familien. Rosa Bloch-Bollag fordert gemeinsam mit einer Frauendelegation Einlass in den Kantonsrat. Denn die Zürcher Verfassung gewährt allen Bürgern das Recht, ihre Anliegen dem Kantonsrat direkt vorzutragen. Zunächst verweigert die Zürcher Regierung den Frauen eine Anhörung – bisher sprach noch keine Frau im Kantonsrat. Eine Woche später aber können Rosa Bloch-Bollag, die Lehrerin Agnes Robmann und die Arbeiterin Marie Härri als erste Frauen überhaupt ihre Forderungen persönlich im Kantonsrat einbringen. Erst 1970 – nach Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts – sprechen erneut Frauen im Zürcher Kantonsrat. 

Als das Oltener Aktionskomitee im Herbst 1918 dann den Landesstreik proklamiert, ruft Rosa Bloch-Bollag als Präsidentin der Frauenagitationskommission die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen dazu auf, sich aktiv zu beteiligen. Die Frauen organi-sieren die Lebensmittelversorgung, die Kinderbetreuung, nehmen an Versammlungen teil, demonstrieren und beteiligen sich an Gleisblockaden. Während in den Jahren nach dem Landesstreik ein Grossteil der Streikforderungen umgesetzt werden, müssen die Frauen noch viele Jahrzehnte auf das Frauenstimm- und -wahlrecht warten. 

Nach dem Ersten Weltkrieg tritt Rosa Bloch-Bollag der 1921 gegründeten Kommunisti-schen Partei Schweiz bei, stirbt jedoch 1922, erst 42-jährig, an den Folgen einer Kropfoperation. (Quelle: EKF)

Schweiz. Sozialarchiv F 5008-Fb-001

„(Die Arbeiterinnen) erklären, dass sie nicht willens sind, sich mit Gesetzesparagraphen abspeisen zu lassen oder sich auf das Geschäftsreglement verweisen zu lassen, sondern erwarten von Ihrer Einsicht, dass Sie die Gelegenheit zur gewünschten Aussprache heute geben.“

 

Erklärung der Arbeiterinnen zur Hungerdemonstration, Zürich, 10.6.1918

 

 

 

 

 

Meta von Salis-Marschlins (1855 – 1929)

Meta von Salis-Marschlins entstammt einer Bündner Adelsfamilie. Schon früh ist ihr das auferlegte gesellschaftliche Korsett zu eng; sie lehnt die «spezifisch weibliche Arbeitsdomäne» ab. Gegen Widerstände erlernt sie einen Beruf und promoviert als erste Historikerin der Schweiz. Darüber hinaus fordert sie als erste Frau in der Deutschschweiz öffentlich das Stimm- und Wahlrecht für Frauen. 

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Meta von Salis-Marschlins wächst auf dem Familienschloss Marschlins auf und erkennt bereits als junge Frau die Stellung des weiblichen Geschlechts in der aristokratischen Gesellschaft: «Mein erster Fehltritt in der Welt bestand in dem Erscheinen in weiblicher Gestalt.» Sie absolviert ihre Schulzeit in Töchterinstituten, die sie auf das Führen eines Haushalts vorbereiten. Diese «Hausfrauen-Züchtungs-anstalten» – wie sie die Institute nennt – machen sie unzufrieden. «[N]icht nur mein Vater, fast alle Männer, mit denen ich bis zu meinem 24. Jahre in Berührung kam, dachten der Frau eine Stellung zu, die ich ihrer, beziehungsweise jedenfalls meiner, unwürdig fand. […] So bin ich denn eigentlich in der Opposition gegen den Mann gross geworden.» Der strenge Vater verbietet der lesebegeisterten Tochter das Studium und weist seine Ehefrau an, ihr nur wenig Geld für Bücher zu geben. Trotzdem bildet sich Meta von Salis-Marschlins im Selbststudium weiter und wird Erzieherin, eine der wenigen Berufsmöglichkeiten für Frauen aus der Oberschicht. Diese Tätigkeit führt sie zu wohlhabenden Familien in Deutschland, England sowie Irland und ermöglicht ihr ökonomische Unabhängigkeit – eine nicht zu unterschätzende Freiheit. 

Nun kann Meta von Salis-Marschlins doch noch das ersehnte Studium in Angriff nehmen. Sie studiert ab 1883 Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. 1887 promoviert sie als erste Historikerin der Schweiz im gleichen Jahr, in dem Emilie Kempin-Spyri als erste Schweizerin den Doktortitel in Rechts-wissenschaften erhält. Frauen stellen an der Universität Zürich allerdings noch eine marginale Minderheit dar. So schreibt Meta von Salis-Marschlins 1884 in einem Artikel für die Thurgauer Zeitung: «Wir stehen Allem zum Trotz noch immer am Anfang der Bewegung.» Sie ermutigt die Studentinnen und ruft ins Bewusstsein, «dass wir Pioniere sind und wie die ersten Ansiedler im Urwald jeden Fussbreit Boden erkämpfen müssen.» 

Studienabgängerinnen haben zu dieser Zeit nur sehr geringe Berufschancen. Meta von Salis-Marschlins arbeitet als freie Journalistin, Schriftstellerin und Vortrags-rednerin. Am 1. Januar 1887 veröffentlicht die Zürcher Post ihren Artikel Ketzerische Neujahrsgedanken einer Frau. Darin fordert sie erstmalig für die deutschsprachige Schweiz die volle Gleichberechtigung der Schweizerinnen, unter anderem auch «Stimmrecht und Wahlfähigkeit» für Frauen. Die eloquente Rednerin tritt auch öffentlich auf. Im Rahmen ihrer Vortragsreihe Frauenstimmrecht und die Wahl der Frau bereist sie 1894 mehrere Schweizer Städte. Sie kämpft insbesondere auch für die Gleichberechtigung unverheirateter Frauen. Einige Aufmerksamkeit erregt die Bündnerin 1892–94, als sie sich publizistisch für ihre Freundin, die Zürcher Ärztin und Frauenrechtlerin Caroline Farner, sowie deren Lebensgefährtin Anna Pfrunder einsetzt. Diese wurden nach einer Hetzkampagne wegen angeblicher Veruntreuung verhaftet und angeklagt, dann aber freigesprochen. Meta von Salis-Marschlins prangert den in ihren Augen befangenen Richter an, woraufhin sie wegen Ehrverletzung angeklagt und zu einer hohen Geldstrafe sowie 7 Tagen Gefängnis verurteilt wird. 

Diese Erfahrung führt dazu, dass sie sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht. 1897 veröffentlicht sie ein Buch (Philosoph und Edelmensch) über ihre Freundschaft mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche. Zur Frauenfrage aber äussert sie sich nicht mehr. Denn für Meta von Salis-Marschlins haben Frauen zwei Möglichkeiten, «[e]ntweder das Vaterland nötigen, ihre Rechte anzuerkennen, ihre Ehre und Menschenrechte zu schützen, oder auszuwandern!» Und tatsächlich wandert die Bündnerin einige Jahre später mit ihrer Freundin Hedwig Kym nach Capri aus. Als diese 1910 den Anwalt Ernst Feigenwinter heiratet, zieht auch Meta von Salis-Marschlins nach Basel und wohnt gemeinsam mit dem Ehepaar. In den folgenden Jahren lebt sie zurückgezogen in Basel und beschäftigt sich vermehrt mit den Rassentheorien von Joseph Arthur de Gobineau und anderen konservativen Denkern. Denn trotz ihres Einsatzes für die Emanzipation der Frauen vertritt Meta von Salis-Marschlins in anderen gesellschaftlichen Fragen eine überzeugt konservative, aristokratische und antidemokratische Haltung. Im Zuge des Ersten Weltkriegs spitzt sich ihr antisemitisches und deutschnationales Denken weiter zu. Wohin diese Ideen einige Jahre später führen, erlebt sie nicht mehr, sie stirbt 1929. (Quelle: EKF)

„Solange der Mann die Gleichberechtigung der Frau im Staate nicht anerkennt, ihre Mündigkeit nicht eine Tatsache ist, bleibt sie allen Zufällen des Schicksals preisgegeben.“

Meta von Salis-Marschlins, Vortragsrede 1894

 

 

 

 

 

Emilie Kempin-Spyri (1853 – 1901)

Emilie Kempin-Spyri promoviert und habilitiert als erste Schweizer Juristin. Als Frau wird sie jedoch nicht als Anwältin zugelassen. Sie wehrt sich und beruft sich auf die Rechtsgleichheit in der Verfassung. Dass sie diesen Rechtsgrundsatz auch auf Frauen anwendet, beurteilt das Bundesgericht als «ebenso neu als kühn» und weist die Beschwerde ab. So wandert die Juristin nach New York aus, wo sie eine Rechtsschule für Frauen gründet und als Dozentin lehrt – einige Jahre später dann auch in Zürich. 

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Emilie Spyri kommt in einer Pfarrersfamilie in Zürich zur Welt. Nach der Schulzeit verbringt sie – wie viele Töchter bürgerlicher Herkunft – ein Haushaltsjahr in Neuenburg, wo sie auf die Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet werden soll. Sie möchte aber viel lieber an einer Universität studieren. In Zürich wäre dies möglich, denn dort sind seit 1864 auch Frauen zum Studium zugelassen. Doch für ihre Familie sind Studium und Beruf keine Perspektiven für eine Frau. Ihr Vater schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung, Frauen seien aufgrund ihrer allmonatlichen Hormonschübe nicht geeignet für die Ausübung des Lehrberufs oder eines öffentlichen Amts. Und auch ihre Tante Johanna Spyri, die Autorin des Kinderbuchklassikers Heidi, bezeichnet Studentinnen als «Mann-Weiber». Als Emilie Spyri 1877 den jungen Pfarrer Walter Kempin heiratet, ist ihr Vater wenig begeistert von dem «modernen» Schwiegersohn und verweigert die Mitgift. Walter Kempin hingegen unterstützt seine Ehefrau, er unterrichtet sie in Latein und Mathematik und sie holt die Matura nach. Mit 32 Jahren beginnt sie das Studium der Rechtswissenschaften. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits drei Kinder. 

1887 promoviert Emilie Kempin-Spyri in Zürich als erste Juristin im deutschsprachigen Raum. Als ihr ehemaliger Professor sie als Privatdozentin vorschlägt, lehnt die Universität die Wahl einer Frau grundsätzlich ab. Auch der Beruf als Anwältin bleibt ihr verwehrt. Im Kanton Zürich kann nur Rechtsanwalt werden, wer über das Aktivbürgerrecht verfügt. Da dazu auch das Wahlrecht gehört, sind Frauen per Geschlecht vom Anwaltsberuf ausgeschlossen. Besonders stossend ist für Emilie Kempin-Spyri, dass das Aktivbürgerrecht die einzige Bedingung für den Anwaltstitel ist – es werden keinerlei Rechtskenntnisse dafür vorausgesetzt. Sie reicht eine Beschwerde beim Bundesgericht ein und beruft sich auf die Bundesverfassung: «Jeder Schweizer ist vor dem Gesetze gleich.» Für die Juristin umfasst der Begriff «Schweizer» sowohl Männer als auch Frauen. Das Bundesgericht lehnt die Beschwerde mit der Begründung ab, diese Auffassung sei «ebenso neu als kühn; sie kann nicht gebilligt werden». 

Die mangelnden Berufsaussichten führen dazu, dass die Familie im Herbst 1888 nach New York auswandert. Dort gründet Emilie Kempin-Spyri eine höhere Schule (College) für Frauen, die Recht studieren wollen, und unterrichtet als Dozentin. Die Schweizer Juristin und ihre Schule geniessen einen ausgezeichneten Ruf. Ihr Ehemann jedoch wird in New York nicht heimisch; Walter Kempin zieht mit den zwei älteren Kindern zurück nach Zürich. Als der Sohn ernsthaft erkrankt, kehrt auch Emilie Kempin-Spyri 1891 mit ihrer jüngsten Tochter in die Schweiz zurück. 

Wieder in Zürich schreibt sie an ihrer Habilitationsschrift und bewirbt sich von Neuem als Privatdozentin. Nach einer ersten Ablehnung des Gesuchs, erteilt ihr der Erziehungsrat schliesslich die Lehrberechtigung mit dem Vermerk «ausnahmsweise». Um mit ihrer fünfköpfigen Familie finanziell über die Runden zu kommen, führt sie neben der Lehrtätigkeit ein Rechtsberatungsbüro und ihr Ehemann vertritt die Klientinnen und Klienten vor Gericht. Emilie Kempin-Spyri kämpft weiterhin entschlossen für die Zulassung der Frauen zum Anwaltsberuf. Ausserdem unterrichtet sie an der Höheren Töchterschule und gründet die Zeitschrift Frauenrecht. 1893 ruft sie den Frauenrechtsschutzverein, einen Vorläufer des späteren Frauenstimmrechtsvereins, ins Leben und erteilt Frauen unentgeltlich Rechtsauskunft. 

Als sich das Ehepaar Kempin 1895 trennt, zieht Emilie Kempin-Spyri nach Berlin, sie kennt die Stadt von früheren Aufenthalten. Sie betreibt ein Rechtsberatungsbüro und lehrt Rechtswissenschaften an der privaten Humboldt-Akademie. Doch persönliche Schicksalsschläge sowie die andauernde finanzielle Not setzen ihr zu. Als bei ihr ein Krebsleiden diagnostiziert wird und ihre älteste, ledige Tochter schwanger wird – was zur gesellschaftlichen Ächtung der Familie führt – erleidet sie einen Zusammenbruch. Sie kommt in eine Klinik, in der sie nach den ersten drei Wochen weiterhin gegen ihren Willen festgehalten wird. Später wird sie entmündigt und in die damalige Irrenanstalt Friedmatt nach Basel verlegt. Von der Aussenwelt isoliert, erfährt Emilie Kempin-Spyri nicht mehr, wie ihr Einsatz für die Gleichberechtigung der Frauen in Bildung und Recht ihren Nachfolgerinnen allmählich den Weg ebnet: 1898 lässt der Kanton Zürich Frauen zum Anwaltsberuf zu und 1900 erwirbt die erste Schweizerin das Anwaltspatent. Emilie Kempin-Spyri stirbt 1901. (Quelle: EKF)

„Wir Frauen sind im Kampfe um unser gutes Recht auf bessere Bildung leider vielfach auf falsche Bahnen gedrängt worden. Statt frisch und fröhlich an unserem Werke zu arbeiten, mussten wir Schritt auf Schritt die tollsten Vorurteile über unser Können besiegen.“

Emilie Kempin-Spyri, 1897

 

 

 

 

 

Marie Goegg-Pouchoulin (1826 – 1899)

Marie Goegg-Pouchoulin gründet 1868 die erste Frauenrechtsorganisation in der Schweiz, die Association internationale des femmes. Dieser Verein strebt die umfassende Gleichberechtigung der Frauen an. Herausragendes Merkmal der Association ist die internationale Vernetzung. Aber die Genferin ist noch in weiterer Hinsicht eine Pionierin: Sie gründet 1869 Le journal des femmes, die erste feministische Zeitschrift der Schweiz. In dieser berichtet Marie Goegg-Pouchoulin über Frauenbewegungen aus aller Welt. 

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Wie viele Mädchen im 19. Jahrhundert erhält auch Marie Pouchoulin nur eine geringe Schulbildung. Sie beginnt bereits im Alter von 13 Jahren im Uhrmachergeschäft ihres Vaters zu arbeiten. Gleichzeitig bildet sich die junge Frau autodidaktisch in Literatur und Geschichte weiter. Später lernt sie Englisch und Deutsch. 1845, mit 19 Jahren, heiratet sie den Kaufmann Marc-Antoine Mercier. Doch die Ehe dauert nur kurze Zeit und die junge Frau zieht mit ihrem Sohn zurück ins Elternhaus. So kommt sie in Kontakt mit den zeitgenössischen radikaldemokratischen Ansichten, denn ihre Eltern beherbergen Ende der 1840er Jahre revolutionäre Flüchtlinge aus umliegenden Ländern. In diesem Milieu lernt sie den badischen Revolutionär und Juristen Amand Goegg kennen, der aufgrund einer drohenden lebenslangen Gefängnisstrafe nach Genf geflüchtet ist. Sie gibt ihre gesicherte Existenz in Genf auf und folgt, zusammen mit ihrem Sohn, Amand Goegg nach England. Drei Jahre bleibt das Paar in England, wo ihre zwei gemeinsamen Söhne zur Welt kommen. Später lebt die Familie in Genf, Offenburg und Biel, bevor sie sich Ende der 1860er Jahre erneut in Genf niederlässt. 

Amand Goegg pflegt Kontakte zu pazifistischen Gruppen und zur entstehenden Arbeiterbewegung. Als die Familie wieder in Genf ansässig wird, gründet er 1867 mit anderen die Ligue de la paix et de la liberté. Ein Jahr später wird Marie Goegg-Pouchoulin ins Zentralkomitee der Liga und die Redaktion des Publikumsorgans Les Etats-Unis d’Europe gewählt. Neben der internationalen «Verbrüderung der Arbeiterklasse» diskutiert die Liga auch die Gleichberechtigung der Frauen. Marie Goegg-Pouchoulin nutzt die Gunst der Stunde und veröffentlicht im März 1868 in der Vereinszeitschrift einen Aufruf zur Bildung einer internationalen Frauenorgani-sation. Im Appell kommt die kämpferische Seele der Visionärin zum Ausdruck: «Mut also, Ihr Gründerinnen von Komitees, ihr für alles Gute begeisterten Frauen! Schreckt nicht zurück vor der Schwierigkeit des Unternehmens und der Kargheit eurer Mittel!» Trotz geringer Resonanz kommt es im Juli 1868 zur Gründung der Association inter-nationale des femmes. Die Frauenrechtsorganisation bezweckt, sich für die gesell-schaftliche, rechtliche und politische Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Die Frauen fordern etwa das Recht auf Bildung für Mädchen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit oder das Frauenstimm- und -wahlrecht. Als Präsidentin korrespondiert Marie Goegg-Pouchoulin mit bekannten Frauenrechtlerinnen im Ausland und motiviert diese, lokale Komitees ins Leben zu rufen. 

1869 gründet die engagierte Genferin die erste feministische Zeitschrift der Schweiz: Le journal des femmes. Dass sie sich einer internationalen Perspektive verpflichtet fühlt, zeigt sich bereits in der ersten Ausgabe, in der sie einen Überblick über die Frauenbewegung weltweit liefert. Gleichzeitig verläuft der Aufbau der Association internationale des femmes harzig. Im Frühjahr 1870 zählt der Verein zwar 15 Komi-tees; in Frankreich, Italien, Portugal, der Schweiz, Deutschland, England und den USA. Doch der Einfluss der Vereinigung bleibt gering und der Deutsch-Französische Krieg schwächt die Frauenorganisation zusätzlich. Auch die finanziellen Mittel werden knapper und der Mehrheit der bürgerlichen Frauen ist Marie Goegg-Pouchoulins Kurs zu radikal. 1872 löst sich die Association auf. 

Im gleichen Jahr gründet die Frauenrechtlerin mit der Bernerin Julie de May die Association pour la défense des droits de la femme, die meist nach ihrer Vereinszeitschrift Solidarité benannt wird. Schwerpunkt des Vereins ist die zivilrechtliche Gleichstellung der Frauen. So macht Marie Goegg-Pouchoulin als erste Schweizerin von ihrem Petitionsrecht Gebrauch und erreicht, dass an der Universität Genf ab 1872 auch Frauen studieren dürfen. Zwei Jahre später erstreitet sie die Abschaffung der Geschlechtsvormundschaft für ledige und verwitwete Frauen im Kanton Waadt. Trotz dieser Erfolge mangelt es der Solidarité an Mitstreiterinnen und 1880 löst Marie Goegg-Pouchoulin Verein und Zeitschrift auf. Der Frauenbewegung bleibt sie bis an ihr Lebensende verbunden. 1891 wird sie Vizepräsidentin der neu gegründeten Union des femmes de Genève und 1896, drei Jahre vor ihrem Tod, nimmt die mittlerweile 70-Jährige am ersten Schweizer Frauenkongress teil (Quelle: EKF)

„Wir fordern das Stimmrecht, weil jeder wirkliche Fortschritt durch Ausübung dieses Rechts entstanden ist; weil es für uns Frauen Zeit ist, nicht mehr eine besondere Gesellschaftsklasse zu bilden; weil wir die Notwendigkeit einsehen, dass auch wir unsere Ideen vor die Behörden, vor die Kommissionen, kurz überallhin, wo Menschen diskutieren, bringen sollen.“