Gedanken einer Bäuerin und Landfrau zu 50 Jahre Frauenstimmrecht

Lotti Baumann

Als Mädchen mit Jahrgang 74 habe ich das Frauenstimmrecht als Geburtsrecht mitbekommen. Jahrelang lebte ich in der selbstverständlichen Annahme, dass das schon immer so war. Logisch, dürfen Frauen wählen, wieso auch nicht? Bei uns war es sogar so, dass die Mutter die Wahlzettel ausfüllte und sie war die treibende Kraft, dass Vater und sie am Sonntagmorgen zum Gesamtschulhaus in unserem Weiler fuhren, um die Kuverts in die Urne zu werfen. Um 10.00 Uhr hatten wir dort dann Sonntagschule.

Auch auf unserem Landwirtschaftsbetrieb war meine Mutter immer die treibende Kraft. Frauenpower wurde mir und meinen fünf jüngeren Geschwistern vorgelebt. Und doch begann mich ab einem gewissen Alter zu wurmen, dass mein Bruder offenbar gewisse Vorzüge genoss. Er musste weder Tisch decken, noch abwaschen und ganz sicher nicht beim Putzen helfen. Er konnte sich nach dem Essen hinter den Tisch fläzen, während die Schwestern und ich den Abwasch machten. Wir hatten doch auch beim Kartoffelerlesen geholfen? Uns tat auch der Rücken weh. Meine Mutter, die 16 Jahre alt war, als das Frauenstimmrecht angenommen wurde, lebte noch voll und ganz im alten Rollenbild.

Die Frau hatte sich zu kümmern. Um jeden und alles. Als junge Frau (sie war 19, als ich geboren wurde), kümmerte sie sich auch um den pflegebedürftigen Schwiegervater. Und half im Stall mit, und war schon bald mit Kind Nr2 und Nr3 schwanger. Bei der Hofübergabe fragte der Anwalt, ob denn die junge Frau auch etwas zugute habe, anrechnen lassen könne. «Die arbeitet ja nichts», war die Antwort des Schwiegervaters und dabei blieb es. Ich weiss, dass diese Ungerechtigkeit tiefe Spuren hinterlassen hat. Und obwohl meine Mutter taff ist und klug und keine Arbeit scheut, konnte sie sich nicht durchsetzen gegen dieses Jahrhunderte alte Rollenbild. Das Dienen und sich fügen und still hinnehmen hatte sie von ihrer Mutter, deren Mutter, seit Generationen mitbekommen. Natürlich konnte sie auch mir und meinen Schwestern nicht viel anderes mitgeben.

Und das ist der Grund, weshalb die 50 Jahre Frauenstimmrecht zwar gut und schön sein mögen: Aber sie sind nichts in den Augen der Generationen. Noch haben viel zu viele Frauen diese Urgefühle des nicht ganz so viel wert sein in sich. Sie müssen kämpfen und sich behaupten. Gleichstellung ist immer noch keine Selbstverständlichkeit. Je mehr alle Frauen sich selbst wertschätzen, sich alles zutrauen und zugestehen und das ihren Kindern (Mädchen wie Knaben) weitergeben, umso schneller wird die Zeit von vor 1971 eine unfassbare, unglaubliche Zeit.

Die Krux ist, dass sich anpassen einfacher und friedlicher ist. Sich dem Frieden zuliebe zu fügen, kann auch eine Lebensaufgabe sein. Sogar eine vordergründig erfüllende.  Früher oder später kommt jedoch die Frustration über verpasste Chancen. Die Ungerechtigkeit in Form von zu wenig Anerkennung, zu wenig Lohn, zu schlechter Sozialversicherung, von zu geringen Chancen für den Wiedereinstieg ins Berufsleben etc. Wer sich erst dann zu wehren beginnt, windet sich in einer Negativspirale. Viel schöner ist es, sich von Anfang an ganz ehrlich zu hinterfragen, was die eigenen Wünsche und Bedürfnisse sind. Und diese dann auch gegen Widerstand zu verteidigen.

Das kann sehr anstrengend sein, zahlt sich aber schlussendlich auf jeden Fall für alle aus.

Wir Frauen von heute (wenigstens hier in der Schweiz) haben diese Möglichkeiten. Wir sind nur noch wenige Schritte davon entfernt, dass Gleichberechtigung selbstverständlich ist und Frauen in Politik und Leitfunktionen genau so viele Sitze haben, wie die Männer.

Das müssen wir durchsetzen. Unseren Vorfrauen zu Ehren und unseren Kindern zuliebe. Aber in erster Linie für uns selbst.

Gruss aus der Küche – ein Buch und seine Geschichte

Rita Jost

1971: Schweizer Männer sagen Ja zum Frauenstimmrecht. 50 Jahre ist das her. Einige von uns – die über 70-Jährigen … – können sich noch an den Urnengang ihrer Väter, Brüder, Ehemänner erinnern. Vielleicht auch an die Kampagnen davor – pro und contra!

Viel wurde geschrieben, gewitzelt, geweibelt, gemotzt. In den Sälis der Dorfbeizen und auf der Strasse waren es mehrheitlich die Frauen, aber in den Zeitungen und Parlamenten waren es hauptsächlich die Männer, die sich zu Wort meldeten. Ist ja klar, denn es war ja noch so richtig «a man’s, man’s, man’s world» (wie James Brown damals selbstkritisch sang).

Und jetzt? Soll man jubilieren, sich daran erinnern, oder besser verschämt schweigen, weil es so lange gedauert hat, bis endlich auch die Schweizerinnen das Stimmrecht erhielten? Wir – zwei befreundete Berner Journalistinnen, bald mal 70… – fanden: dieses Ereignis muss auf jeden Fall irgendwie schreibend markiert werden. Es braucht einen «point de réflexion». Frauen, die sich erinnern und/oder sich seither in diesem Land schreibend einbringen, sollen sich in einem Buch Gedanken machen. Denn, das wird heute fast vergessen: In den letzten 50 Jahren sind in diesem Land nicht nur viele namhafte Politikerinnen herangewachsen. Vor allem gibt es jetzt auch auch eine ganze Reihe von klugen, wortgewandten Journalistinnen, Kolumnistinnen, Autorinnen und Wissenschafterinnen, die sich regelmässig pointiert zu Wort melden und schreiben, was sie als Berufsfrauen, Familienfrauen, Wissenschaftlerinnen – ärgert, freut, aufregt, motiviert und antreibt.

Das war die Uridee zu unserem Buch. Nun liegt «Gruss aus der Küche – Texte zum Frauenstimmrecht» vor. Und wir sind überglücklich damit. Weil es so bunt, vielfältig, witzig, ernsthaft, kämpferisch geworden ist. 31 Texte, in denen Historikerinnen an kämpfende Pionierinnen erinnern, in denen Feministinnen fordern, junge Journalistinnen ihre Mütter und Grossmütter nach der Zeit vor 71 befragen, Schriftstellerinnen Frauenfiguren entwerfen, sie literarisch zur Emanzipation treiben, eine Slam-Poetin der patriarchalen Gesellschaft den Spiegel vorhält usw.

Es hat sich bewährt, dass wir den Autorinnen völlig freie Hand liessen. Sie haben – wie es von Profis nicht anders zu erwarten ist – 30 völlig eigenständige Texte geschrieben, und diese termingerecht und in angesagter Länge abgeliefert. Ebenso spannend war die Arbeit mit dem Rotpunktverlag. Die Produktion lag  auch dort zu 100 Prozent in Frauenhand. Wir haben uns ergänzt, um Titel gerungen, Lektoratskorrekturen hin- und hergemailt und zum Schluss in Nacht- und Nebelaktionen Klappentexte verfasst.

Es war spannend und lehrreich. Und last but not least haben uns die Illustrationen der jungen Berner Grafikerin Nora Ryser begeistert. Sie stiess erst in der Schlussphase dazu. Aber die engagierte Feministin hat sich so freudig reingekniet in ihre Aufgabe, hat Geschriebenes visualisiert, Ideen eingebracht und eine Arbeit abgeliefert, die das Buch so richtig rund macht.

2020: Die Publikation erscheint. Es ist eine unter anderen. Und ja, wir gebens gerne zu:  wir sind stolz auf «unser Buch». Jetzt ist es auf dem Markt, wird angeschaut, gekauft, verschenkt, beurteilt, kritisiert… Wir freuen uns darauf. Zusammen mit allen, die in den letzten Monaten daran gearbeitet haben.

Lasst uns anstossen. Nicht so sehr auf das Jubiläum, aber auf alles, was Frauen zusammen erreichen können – und auf alles, was noch kommt!

Rita Jost, Heidi Kronenberg, die Herausgeberinnen, zusammen mit den Autorinnen Nicole Althaus, Fabienne Amlinger, Patti Basler, Silvia Binggeli, Susan Boos, Irena Brežná, Elisabeth Bronfen, Regula Bührer Fecker, Monika Bütler, Anja Conzett, Gisela Feuz, Ariane von Graffenried, Stefanie Grob, Yael Inokai, Simona Isler, Elisabeth Joris, Nina Kunz, Christine Loriol, Barbara Marti, Iren Meier, Fatima Moumouni, Esther Pauchard, Anja Peter, Ina Praetorius, Sarah Probst, Franziska Rogger Kappeler, Anna Rosenwasser, Laavanja Sinadurai, Lotta Suter, Angelika Waldis, Laura de Weck.

Gruss aus der Küche – erschienen am 9. September 2020 im Rotpunktverlag

Die Buchvernissage findet am 14. Oktober 2020 in Polit-Forum Bern statt. Weitere Details finden Sie hier.

In der Wiege der Demokratie

Honorata Züger

Am 11. Januar 1968 erblickte ein Mädel in einem kleinstädtischen Spital das Licht dieser Welt. Die Zügers suchten seit langem einen Vornamen fürs Kind. Fast alle Familienmitglieder erwarteten die Geburt eines Knaben. Peterchen sollte das Kind heissen. Wie man das neugeborene Mädchen nennen könnte, schien momentan als ein Kummer. In den Sohn/Enkel setzten sie ihre Erwartungen in die Verlängerung des schweizerischen Familienstammes Züger. Meine Grossmutti kam auf eine Idee, einen Vornamen für mich, im Kalender zu suchen… So beginnt meine Lebensgeschichte.

Ich wurde auf den Namen Honorata Bernadeta Züger im Zivilamt registriert und in der römisch-katholischen Kirche getauft. Meine Wiege stand in Polen. Meine Schweizer Heimatgemeinde ist Altendorf, SZ.

Danuta Züger (meine Mutter), eine junge Kellnerin, verliebte sich eben in einen Polen. Ihre (internationale) Liebe hatte von Anfang an keine reelle Chance. Was durften damals (vor 1971) stimmrechtslose Frauen tun? Von wem waren sie abhängig? Was für Rechte hatten sie vor kurzem noch in der Schweiz. Durften sie einen Ausländer lieben und ihn heiraten…aber natürlich; nur trugen sie dann die rechtsstaatlichen Konsequenzen. Meine Mutti heiratete nie meinen (polnischen) Vater. Wenn sie es gemacht hätte, hätte ich kein Recht mehr darauf, einen Schweizer Pass zu besitzen*. Dank ihres Entschlusses erhielt ich zwei Staatsangehörigkeiten. Ich bin Doppelbürgerin: Schweizerin und Polin. Meine Mutter war mutig und zukunftsorientiert.

Ich bin stolz darauf, eine Auslandschweizerin zu sein. Ich wuchs in Polen auf, wo das Wahlrecht den Polinnen schon in die Wiege gelegt worden ist.

Doppelte Herkunft, meine Kindheit, Schule, Reisen in die Schweiz etc. gaben mir Selbstständigkeit, Kraft, Freiheit und Objektivität. Das Ganze stärkte mich nur und bereitete mich auf meine Ständerats-Kandidatur im Kanton Schwyz vor. Unwahrscheinlich: als ich geboren wurde (1968), gab es noch keine Frauenstimmrechte in der demokratischen neutralen Schweiz!  Als 51-jährige Frau durfte ich 2019 meinen Wahlvorschlag in die Staatskanzlei in Schwyz einreichen. Unter sechs kandidierten Personen tauchte ich als einzige Frau auf. Ich bin die erste Auslandschweizerin, die im Kanton Schwyz für den Ständerat kandidierte. Ich bin Vorläuferin und Pionierin für andere Schweizer Frauen. Ich setze mich für die Gleichstellung von Frau und Mann im Alltag und in der Politik ein. Hoffentlich wird meine Tätigkeit von den Schweizerinnen geschätzt werden. Egal, wo wir leben; in der Schweiz, in Polen, überall in der Welt, vergessen wir aber nie, dass die tapferen Weiber vor knapp einem halben Jahrhundert für unsere demokratischen Wahl-, Stimm- und Selbstbestimmungsrechte kämpften.

Die Demokratie (poln. demokracja f; it. democrazia f; fr. la démocratie f; rätorom. la democrazia) war und bleibt ja Femininum.

* Bis Ende 1952 verloren Schweizerinnen bei der Ehe mit einem Ausländer automatisch ihr Schweizer Bürgerrecht.

Das bisschen Haushalt

Elke Zappe

Gleichberechtigung ist keine Privatsache. Wer glaubt, dass sich die Anliegen von Frauen um das bisschen Haushalt drehen, verkennt die Tatsache, dass Frauenrechte ein wirtschaftlicher Faktor sind und dass die Präsenz von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft markante Verbesserungen nach sich zieht. Dies natürlich nicht, weil Frauen per se die besseren Menschen wären, sondern weil das Zusammenkommen unterschiedlicher Erfahrungshorizonte schlicht die besseren Resultate liefert.

Robuste Gesellschaften sind Gesellschaften, in denen «diversity» gelebt und als Chance begriffen wird. Jüngstes Beispiel ist ganz sicher die Corona-Krise, die von Regierungen mit einer Frau an der Spitze deutlich besser gemanagt wurden. Länder wie etwa Deutschland, Finnland oder Neuseeland, die von Frauen regiert werden, reagierten rasch und umsichtig und konnten so die Kurve der Neuansteckungen nach unten drücken. Angela Merkel, Sanna Marin und Jacinda Ardern haben ihren Job beneidenswert gut gemacht. Wenn man dagegen die Zahlen aus den USA studiert, wird klar: Männliche Selbstüberschätzung tötet. Das katastrophale Krisenmanagement von Donald J. Trump hat 130’000 Amerikaner das Leben gekostet. Dies und die ungebremste Rate der Neuansteckungen werden Folgen für die amerikanische Wirtschaft haben. Was die amerikanischen Bürger derzeit am meisten fürchten, ist ein ständiges Stop-and-Go zwischen Lockdown, Lockerung und erneutem Lockdown.

Vielleicht ist die Krise ein guter Moment, um daran zu erinnern, dass die Gleichstellung einen positiven Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen eines Landes hat. Wenn Frauen in sich und Gesellschaften in Frauen investieren, wird die Wirtschaft insgesamt wettbewerbsfähiger. Zum einen, weil sich der Pool an Fachkräften verdoppelt, zum anderen weil eine grössere Auswahl auch die Qualität der Leistungen verbessert. Ganz abgesehen davon, dass gemischtgeschlechtliche Gremien die besseren Entscheidungen fällen, wie man in paritätisch besetzten Verwaltungsräten gut sehen kann. 2021, wenn das Schweizer Frauenstimmrecht seinen 50. Geburtstag feiert, sollte die Gleichstellungsdiskussion erneut und sehr intensiv geführt werden. Immer noch werden Frauen in der Schweiz bei der Entfaltung ihres Potenzials stark behindert. Dies ist nicht nur für die Frauen persönlich ein Frust. Es geht hier um weit mehr, nämlich um die Frage, ob die Schweiz es sich leisten kann, auf qualifizierte und hochqualifizierte Fachkräfte zu verzichten, nachdem man sehr viel staatliches und privates Geld in deren Ausbildung investiert hat.

Um nur ein Beispiel zu nennen: In der Schweiz gibt es mehr Medizinstudentinnen als Medizinstudenten. Ausgebildete Ärztinnen jedoch werden von männlich geprägten Strukturen und von der Unmöglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, wieder aus der beruflichen Laufbahn hinauskomplimentiert. In ihrem Buch «Unsichtbare Frauen» weist die Journalistin Caroline Criado-Perez minuziös nach, wie solche Brüche zustandekommen. Im Wesentlichen gründen sie auf Datenlücken. Der unausgesprochene Standard ist das Karrieremodell des Mannes, der die Kinderbetreuung Frauen überlässt. Dieser Standard modelliert berufliche Laufbahnen und lässt die Bedürfnisse von Frauen, die in der Medizin und anderswo Karriere machen könnten und möchten, unberücksichtigt. Dies musste auch die heute 46jährige Oberärztin Natalie Urwyler erfahren, die im Juni 2020 eine Klage gegen das Berner Inselspital eingereicht hat. «Lange verlief die Karriere von Natalie Urwyler wie am Schnürchen: Medizinstudium, Doktorat, Assistenz, Forschungsstelle an der renommierten Stanford-Universität in Kalifornien, Habilitation und schliesslich ein unbefristeter Anstellungsvertrag als Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie des Inselspitals Bern», fasst Regula Freuler in der NZZ zusammen. Der Bruch kommt, als Urwyler auf Mutterschutz pocht, weil schwangere Inselspital-Angestellte bis zu 80 Stunden pro Woche arbeiteten, obwohl das gesetzliche Maximum bei 45 Stunden liegt. 2013 wird Urwyler selbst Mutter, beantragt ein 80%-Pensum, das ihr nicht bewilligt wird. Dazu noch wird ihr vom Berner Inselspital die Forschungs- und Lehrtätigkeit gestrichen. Fünf Monate nach einer aufsichtsrechtlichen Beschwerde erhält Urwyler die Kündigung, eine «Rachekündigung», wie sowohl das Regionalgericht Bern-Mittelland und das Obergericht feststellen. Urwyler hat Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden, denn sie gilt jetzt trotz exzellentem Leistungsausweis als «schwierig».

Den Schaden ihrer zerstörten Karriere beziffert Natalie Urwyler auf 5 Millionen Franken und diesen Schaden klagt sie nun ein. Dabei geht es der geschassten Oberärztin nicht nur um die persönliche Genugtuung. «Ich will, dass eine verhinderte Frauenkarriere ein Preisschild erhält», sagt die engagierte Medizinerin im Gespräch mit der NZZ. Und weiter: «Allen muss bewusst werden, was es die Volkswirtschaft kostet, wenn man Frauen ausbremst.»

Wir sollten Natalie Urwyler die Daumen drücken, denn vom Ausgang des Prozesses hängt es ab, ob im Bereich der medizinischen Berufe systemischer Wandel proaktiv gestaltet werden wird oder nicht. Und ob es einen echten Willen des Gesetzgebers gibt, mit der Gleichstellung ernst zu machen. Das Urteil wird Signalwirkung haben, auch für andere Berufe. In diesem Sinne sollten wir auf ein Urteil hoffen, das 2021 alle Ehre macht.

Wie kann Eigentum Eigentum besitzen?

Elli von Planta

Am Anlass einer Non-Profit-Organisation wurde uns das sogenannte Conference-Pack in einer Tasche ausgehändigt, die diese Organisation von Frauen in der dritten Welt für Frauen in der ersten Welt herstellen lässt, um erstere finanziell unabhängig(er) zu machen. Den Frauen werden Nähmaschinen und Material (Reissäcke, die zur Weiterverarbeitung auseinandergeschnitten und in verschiedenen Farben gefärbt werden) überlassen, aus denen sie dann –­ nach einer Vorlage – diese Taschen fertigen. So können sie sich Geld verdienen, um sich und ihre Kinder durchzubringen, denn ihre oft trinkenden Ehemänner sind dazu oft weder willens noch fähig. Eines Tages wurde die Projektleiterin von einer der Frauen gerufen, die verzweifelt war, weil ihr Ehemann ihre Nähmaschine verkauft und den Verkaufserlös für sich eingestrichen hatte. Die Projektleiterin versuchte dem Ehemann nun klar zu machen, dass die Nähmaschine nicht ihm, sondern seiner Frau gehöre und er kein Recht hätte, diesen Gegenstand zu verkaufen. Der Ehemann reagierte völlig verständnislos auf diese sachenrechtliche Ausgangslage und fragte verdutzt: „How can property own property?“ (Wie kann Eigentum Eigentum besitzen?)

An diese Geschichte muss ich immer denken, wenn Frauen Männern erklären wollen, wie unsere Realitäten aussehen, wie wir die Dinge erleben, sehen, einordnen; wenn wir also nicht in der Lage sind, unser mind-set mit dem mind-set unseres Gegenübers bündig zu bringen; wenn wir einfach nicht in der Lage sind, uns verständlich zu machen, wenn Mentalitäten aufeinandertreffen, die für den einen einfach unerklärlich für den anderen unglaublich sind: „How can property own property?“

„Alle Einsicht beginnt mit den Sinnen“ hat einer dieser grossen italienischen Renaissance-Künstler gesagt. (Ich kann Michelangelo und Leonardo da Vinci ganz schlecht auseinanderhalten – einer von beiden war‘s). Was wir nicht wirklich erlebt und empfunden (gefühlt) und so buchstäblich erfahren haben, können wir uns schlecht vorstellen, glauben es nicht, (wenn es uns nicht in den Kram passt), und wehren uns dagegen reflexartig, (wenn wir uns von der damit verbundenen ‚Sicht der Dinge‘ oder Wahrheit bedroht fühlen.) Und der grosse Wissenschaftler Max Planck hat gesagt: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“  Das – so denke ich – gilt auch für politische Wahrheiten:

Das Frauenstimmrecht ist eine solche politische Wahrheit.

Das Urteil darüber, in wie weit diejenigen ausgestorben sind, die die Rechte der Frauen, die Gleichstellung des Weiblichen, die Realitäten, Nöte und Bedürfnisse weiblicher Existenzen nicht wahrnehmen und nicht wahrhaben wollen, geschweige denn, für wichtig halten was Frauen in ein – oft sehr männliches dominiertes Umfeld –  einbringen können, überlasse ich der Erfahrung und Beobachtungen meiner LeserInnen.

 

Ob also die Gesellschaft eine andere geworden ist

Silke Margherita Redolfi

Im Frauenkulturarchiv Graubünden haben wir immer mal wieder Studierende oder Maturanden und Maturandinnen, die Material für ihre Abschlussarbeiten suchen. Die Betreuung dieser jungen Leute macht besonders Spass, weil sie frischen Wind in gängige Fragestellungen bringen. Das ist sehr erfreulich. Im Zentrum steht nun das Frauenstimmrecht mit seinen Auswirkungen auf die heutige Politik und Gesellschaft. So interessiert etwa, wie Frauen die Bündner Politik und die Abstimmungen beeinflussen und wie sich das Stimmrecht auf die kantonalen Vorlagen auswirkt. Ob also die Gesellschaft eine andere geworden ist durch das Stimm- und Wahlrecht der Frauen.

Damit eröffnen sich nicht nur für die Studierenden neue Erkenntnisse, sondern auch für unser Archiv. Denn solche Fragen spornen uns an Kontakte, z. B. zu Politikerinnen, herzustellen oder neue Wege für die Recherchen zu finden. Denn das Material zur Frauen- und Geschlechtergeschichte ist – wie wir alle wissen – äussert knapp bemessen, da, wo illustre Personen fehlten, die ihren Nachlass in ein Archiv gaben oder ganz besonders auch da, wo die ältere Generation von meist Archivaren solche Unterlagen nicht für archivwürdig befand oder sich aus anderen Gründen nicht darum bemühte.

Das Frauenkulturarchiv Graubünden ist 1997 als Stiftung gegründet worden. Gerade in einer Zeit, als die Pionierinnen des Frauenstimmrechts noch rüstig waren und ihrer Dynamik folgend, Material und Dokumentation wie Mediensammlungen und einschlägige Bücherreihen ins Archiv gaben. In Graubünden sei an Isa Hämmerle-Planta (1922-2012) erinnert, die als Präsidentin der Frauenzentrale Graubünden einen beharrlichen Kampf für das Frauenstimmrecht führte oder die 2008 verstorbene Elisabeth Lardelli-von Waldkirch, ursprünglich eine Bernerin, die als Juristin und erste Bündnerin mit Anwaltspatent in Graubünden sehr engagiert war und als Politikerin und wiederum erste Bündner Nationalrätin für die Gleichstellung Zeichen setzte. Leider ist es gerade im letzteren Fall nicht gelungen, einen Nachlass zu erhalten, was bedauerlich ist.

Die Maturandin, die im Frauenkulturarchiv Graubünden recherchiert hat, erstellt eine Webseite zum Frauenstimmrechtsjubiläum. Darin wird sie ihre Forschungsergebnisse als Multimedia Reportage veröffentlichen. Darauf dürfen wir gespannt sein!

Dr. phil. Silke Margherita Redolfi, Leiterin Frauenkulturarchiv Graubünden, www.frauenkulturarchiv.ch

Silke Margherita Redolfi ist freischaffende Historikerin und Archivarin sowie Leiterin des Frauenkulturarchivs Graubünden, das sie 1997 mitbegründet hat. Sie hat 2019 ihre Dissertation „Die verlorenen Töchter“ zum Verlust des Schweizer Bürgerrechts bei der Heirat eines Ausländers veröffentlicht. Silke Margherita Redolfi wohnt in Masein (GR).

Gosteli-Stiftung – das Gedächtnis der Schweizer Frauen

Silvia Bühler

Wussten Sie, dass …

  • Frauen in der Schweiz bereits im Jahr 1905 eine bessere Versorgung der Verdingkinder anstrebten und im selben Jahr den Slogan „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ propagierten?
  • sich 1896 schon rund 100’000 Frauen in etwa 5’000 Vereinen für die Allgemeinheit und das öffentliche Wohl engagierten?
  • sich der Bundesrat bereits 1957 vorbehaltlos für das Frauenstimmrecht aussprach?
  • es aber auch Frauen gab, die kategorisch gegen das Stimmrecht waren?
  • die Frauen auch zu „sogenannt“ männlichen Themen wie dem Fabrikgesetz, wirtschaftlichen Fragen oder der Atomenergie Stellungnahme bezogen?

Banner der Frauenkonferenzen Bern, 1905 (AGoF Bro 8977)

Alle Informationen zu diesen Tatsachen und manches mehr sind in der Gosteli-Stiftung, dem Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, zu finden.

Wir beherbergen über 450 Archivbestände, davon etwa die Hälfte von Organisationen und Vereinen, z.B. Alliance F, Evangelische Frauen Schweiz EFS, Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen SGBK. Die andere Hälfte umfasst persönliche Nachlässe von Frauen, die in Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur oder Gesellschaft in den letzten 150 Jahren eine wichtige Rolle gespielt haben, z.B. die Politikerin Marie Boehlen, die Juristin Gertrud Heinzelmann oder die Unternehmerin und Wirtschaftspionierin Else Züblin-Spiller. Zum Archiv gehören auch eine Fachbibliothek und eine über 10’000 Dossiers umfassende Zeitungsausschnittsammlung. Aneinandergereiht würden alle Unterlagen in unserem Archiv etwa einen Kilometer ergeben.

Einblick in eine der Soldatenstuben, die Else Züblin-Spiller gründete (AGoF 180 : 81-37)

Diese Dokumente zeugen davon, wie sich Frauen seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Schweiz in vielfältigster Art engagiert und die neuere Geschichte der Schweiz, ohne selber politische Rechte zu besitzen, trotzdem mitgeprägt haben. Die Frauen erhielten die politischen Rechte auf nationaler Ebene bekanntlich erst 1971, sie nahmen aber mit ihren Organisationen an der Gestaltung der Gesellschaft wirksam teil.

Marthe Gosteli im Archiv, Foto: Elsbeth Boss

Unsere Gründerin und Stifterin Marthe Gosteli (22.12.1917 – 17.04.2017) war selbst aktiv in der Frauenbewegung und kämpfte für das Frauenstimmrecht. Sie erkannte, dass die Frauenverbände über umfangreiches Archivmaterial verfügten, diese Dokumente aber verstreut, schwer zugänglich und ungeordnet waren. Die Historikerin Prof. Beatrix Mesmer der Universität Bern bestätigte diese Missstände.1982 gründete Marthe Gosteli die Stiftung und das Archiv mit der Überzeugung, dass „ohne Gleichberechtigung in der Geschichte die Frau nie gleichberechtigt sein wird“. Die grossen Leistungen ihrer Vorgängerinnen und Mitstreiterinnen durften nicht in Vergessenheit geraten. Es war das Ziel von Marthe Gosteli, mit ihrem Archiv die Taten von Frauen für künftige Generationen zu sichern und im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Marthe Gosteli hat damit nicht nur als Frauenrechtlerin, sondern auch als Archivarin und Chronistin der Frauenbewegung Pionierarbeit geleistet. Sie hat den Grundstein dazu gelegt, dass wir heute im Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung einen landesweiten professionellen Service public leisten können.

Die Archivalien und Dokumente aufzuarbeiten und zugänglich zu machen, sind zentrale Aufgaben der Stiftung. Damit werden die Unterlagen für Forschung und Öffentlichkeit verfügbar und können in Wissenschaft, Bildung und Allgemeinwissen einfliessen. So erschliessen wir die Unterlagen in Online-Datenbanken nach internationalen Archiv- und Bibliotheksstandards. Die Materialien sind öffentlich, d.h. für alle Interessierten unentgeltlich zugänglich.

Archiv Verband bernischer Landfrauenvereine, bei den Hühnern, ca. 1928 (AGoF 139-41-08)

Wir – ein Team von drei Fachfrauen mit Teilzeitpensen – legen grossen Wert auf die Beratung im Archiv vor Ort. Wir pflegen aber auch vielfältige Kontakte mit schriftlichen und telefonischen Auskünften. Wir beantworten nicht nur Anfragen zu den Hintergründen des Frauenstimmrechts, sondern recherchieren z.B. nach Eingaben der Frauenorganisationen zum Eherecht, stellen Unterlagen zur Hühnerhaltung, zur Geschichte des Welschlandjahrs oder zur Entwicklung der Pflegeberufe zusammen oder gehen der Frage eines Frauenverbands nach, woher die Biene in ihrem Logo stammt.

Wer recherchiert im Archiv? Unsere Benutzerinnen und Benutzer sind unterschiedlich: Viele Studierende und Forschende besuchen uns, so entstehen jedes Jahr Hochschularbeiten auf der Grundlage unserer Bestände. Schülerinnen melden sich, die für ihre Maturarbeiten überhaupt erstmals in Kontakt mit Archivalien und alten Handschriften kommen, oder Medienschaffende, die nach Bild- oder Informationsmaterial für ihre Beiträge recherchieren. Auch Vertreterinnen von Frauenorganisationen kommen, um Einblick in ihre Geschichte zu erhalten, wenn beispielsweise ein Jubiläum vor der Türe steht. Filme entstehen dank unserem Archiv: Die Regisseurin Petra Volpe hat für „Die göttliche Ordnung“ intensiv in unseren Beständen recherchiert.

Im Hinblick auf 2021 „50 Jahre Frauenstimm- und -wahlrecht“ sind wir in regem Kontakt mit verschiedenen Museen und ProjektmitarbeiterInnen, die für ihre Vorhaben zum Jubiläumsjahr Materialien und Informationen aus unserem Archiv zusammentragen.

Petition für das Frauenstimmrecht, 1929 (AGoF Fotosammlung)

Die Frauenbewegung hat ihre Anliegen und die Vorgehensweise der jeweiligen Zeit angepasst. Als Dokumentationsstelle verfolgen wir auch die aktuellen Debatten und haben z.B. Zeitungsartikel, Broschüren, Flyer und Aufrufe zum Frauenstreik 2019 bei uns archiviert. Wir übernehmen weiterhin gezielt Bestände und Nachlässe von Frauen und Frauenorganisationen. So durften wir vor kurzem den Nachlass von Annemarie Rey entgegen nehmen, die sich unermüdlich für die Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs einsetzte, oder das Archiv des Schweizerischen Gärtnerinnenvereins, der sich für bessere und gerechtere Arbeitsbedingungen engagierte und sich nach 102 Jahren Vereinstätigkeit aufgelöst hat.

Flugblatt aus dem Archiv der Vereinigung für straflosen Schwangerschaftsabbruch (AGOF 326)

Archivierung und Wissensvermittlung sind nicht gratis. Die Stiftung muss jährlich ein Defizit von durchschnittlich CHF 120‘000 aus ihrem schrumpfenden Vermögen decken. Für die langfristige Sicherung von Stiftung und Archiv und um mit dem digitalen Zeitalter Schritt zu halten, sind Beiträge Dritter notwendig. Der Stiftungsrat strebt eine Mehrsäulenfinanzierung an: Eigenwirtschaftlichkeit, Spenden, Unterstützung durch die abliefernden Frauenorganisationen sowie regelmässige Beiträge der öffentlichen Hand. Der Kanton Bern hat in Beantwortung einer Motion aus dem Jahr 2017 Beiträge in Aussicht gestellt, sofern auch der Bund Beiträge spricht.

Im Juni 2019 hat die Gosteli-Stiftung ein Gesuch um Fördergelder an den Bund eingereicht. Das Gesuch wird derzeit vom Schweizerischen Wissenschaftsrat und vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) geprüft. Der Nationalrat und die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerats haben bereits beantragt, den Erhalt und die Weiterentwicklung des Archivs sicherzustellen: https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20203006

Die Quellen zur Geschichte der Frauen und Frauenbewegung in der Schweiz sind kontinuierlich am Wachsen. Die Gosteli-Stiftung stellt die Grundlagen sicher, um die Schweizer Frauengeschichte jetzt und zukünftig zu erforschen. Willkommen zum Besuch und zur Recherche!

Besuch im Archiv digital: Video Porträt über die Gosteli-Stiftung produziert anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der Burgergemeinde Bern 2017. 

 

Frauenstreik 14. Juni 2019 „Wir machen weiter“ – 14. Juni 2020

Cécile Speitel

Vor einem Jahr war frau am Formulieren, am Organisieren, am Transparente malen für den zweiten nationalen Frauenstreik. Gleiche Rechte für alle* stehen als Forderung über allen Ansprüchen, die bis heute unerfüllt sind, wie Anerkennung und gerechte Verteilung der Haus- und Care-Arbeit, gleicher Lohn für Frau und Mann, Stopp häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung, Stopp geschlechtsspezifische Stereotypen in Kultur, Medien, Erziehung und Werbung. Was am 14. Juni 2019 geschah, übertraf alle Erwartungen: Bis in die Winkel der Schweiz gingen Frauen* und auch Männer – über 500 000 Menschen – auf die Strasse: freudvoll, friedlich und gleichwohl sehr bestimmt. Ein unvergesslicher Tag für viele, auch für mich.

Foto: C. Speitel

Foto: C. Speitel

 

 

 

 

 

 

Bildet Banden! Dieser Aufruf befeuerte. Inspiriert vom 14. Juni 2019 verbündeten sich zum Beispiel Schauspielerinnen. Im Januar 2020 publizierten sie ihr „Manifest für Gleichstellung und Diversität im Film und auf der Bühne. Wo sind die weiblichen Rollen, die für Inhalt stehen statt für Dekoration? Wo bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Wo gibt es im Drehbuch Rollen für Frauen über 40ig? Die Frauen von FemaleAct verlangen „ein Umdenken und Aktualisieren veralteter, diskriminierender und stereotyper Geschlechterrollen und deren Darstellung. (…) Wir fordern mehr diverse Sichtbarkeit in Bezug auf Alter, soziale sowie geografische Herkunft, Aussehen, sexuelle Orientierung und Be-Hinderung im Film und auf der Bühne.“ www.femaleact.ch

Foto: FemaleAct

Foto: C. Speitel

 

 

 

 

 

 

Die vom nationalen Frauenstreik 2019 ausgelösten Kräfte manifestieren sich in der aktuell von Covid-19 bestimmten Zeit umso nachdrücklicher. Mitglieder der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen EKF haben aus wissenschaftlicher und beruflicher Sicht ihre ersten Erkenntnisse publiziert unter dem Titel „Stimmen zu Corona“:

  1. Beobachtungen zum Arbeitsmarkt: Warum klatschen nicht reicht und welche Unterstützung Care Arbeiterinnen in Privathaushalten bräuchten.
  2. Das männliche Gesicht der Krise – ein feministischer Ausstieg?
  3. Care, häusliche Gewalt und Freiwilligenarbeit: Erkenntnisse und Empfehlungen zur Corona Krise

Fragen und Forderungen werden aus Frauen- und Geschlechterperspektive auf den Punkt gebracht. www.frauenkommission.ch und auf Twitter @ekf_cfqf.  

Ich empfehle die Lektüre dieser Serie.

Foto: C. Speitel

Foto: C. Speitel

 

 

 

 

 

 

Im Vorfeld der jetzigen Sommersession der eidgenössischen Räte verbündeten sich über fünfzig Frauenorganisationen mit mehr als zwei Millionen Frauen. Auch unser Verein CH2021 hat den dringenden Appell unterschrieben. Er richtet sich an den Bundesrat und das Parlament: „Vergesst die Frauen* nicht! Ihre geleistete Arbeit in der Krise ist lebenswichtig!“ Die zentrale Forderung für die Bewältigung der Corona Krise heisst in diesem Appell: „Wir bestimmen mit am Verhandlungstisch. (….) Die Finanzierung der Krise in der Schweiz darf nicht auf dem Rücken der Frauen* geschehen.“

Lesen Sie den Appell an den Bundesrat und das Parlament

Foto: Grève féministe Genève

Foto: Grève féministe Genève

 

 

 

 

 

 

Der Appell an den Bundesrat und das Parlament ist ein medienwirksames, starkes Manifest – aber dieses ist längst nicht das einzige. Für den 8. März und mit Blick auf den 14. Juni 2020 sind lokale Gruppierungen wieder aktiv geworden. Sie haben sich online getroffen und ausgetauscht, teilweise über die Sprachgrenzen hinaus. Mehrere Frauen*Streik-Kollektive haben ihre eigenen Grundsatz-Texte formuliert und verabschiedet, z.B. in Zürich oder in Genf.

Foto: Grève féministe Genève

Foto: C. Speitel

 

 

 

 

 

 

Im März 2020, als die behördlichen Anordnungen infolge des Coronavirus unser Leben immer stärker beeinflussten, begannen einige junge und ältere Frauen* vom feministischen Streikkomitee Basel die Situation zu beobachten. Sie analysierten, wie sich das Leben gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich immer aussergewöhnlicher entwickelte. Daraus entstand das aus ihrer Sicht verfasste CAREONA Manifest zu Umverteilung von Macht, Geld, Zeit und Raum. Es sind visionäre Forderungen, aus denen sie in einem nächsten Schritt politische Forderungen ableiten wollen, um diese in entsprechender Form auf Kantons- oder Bundesebene einzubringen.

Foto: C. Speitel

Foto: C. Speitel

 

 

 

 

 

 

Die Liste der Forderungen lässt mich an die Philosophin Carolin Emcke denken, die kürzlich in der Sternstunde von srf zu Gast war (Zum Video, Gespräch ab 30:05 Min). Sie sprach darüber, wie die Corona Krise uns dazu bringe, viele unserer Gewohnheiten, die wir bisher lebten, zu befragen und zu verhandeln. In diesem Sinne verstehe ich die Stimmen vom CAREONA Manifest des feministischen Streikkomitees Basel.

 

Forderungen

Wir sind nicht mehr bereit, das aktuelle System mit seiner Verteilung von Macht, Geld, Zeit und Raum zu akzeptieren, sondern fordern eine solidarische, basisdemokratische, ökologische, diskriminierungsfreie und umsorgende Gesellschaft ohne Maximierung von Profiten.

Umverteilung von Macht

  1. Der Care-Bereich soll sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Der Care-Bereich darf nicht nach kommerziellen Prinzipien der Wirtschaftlichkeit wie die Güterproduktion funktionieren! Menschen sind keine Waren!
  2. Wir fordern den Einbezug der Kompetenzen der Arbeitenden durch ein Mitbestimmungsrecht zur Art und Weise, wie betreut, gepflegt, unterrichtet und gereinigt wird.
  3. Gesellschaftlich unerlässliche Infrastrukturen wie Spitäler, Pflegeheime, Kitas müssen als Service Public organisiert sein und als bedürfnisorientierte Dienstleistungen allen zur Verfügung stehen.
  4. Keine Toleranz gegenüber physischer und struktureller Gewalt aufgrund des Geschlechts, der Hautfarbe oder der Sexualität.
  5. Dort wo Menschen leben und arbeiten, muss ihr Aufenthalt gesichert und ihre politischen Rechte müssen garantiert sein. Ein ernstgemeinter Applaus fordert daher die dringende Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse von Care-Arbeitenden, u.a. mit geregeltem, unabhängigem, gesichertem und auch verbessertem Aufenthalts- oder Bürgerrecht und die Garantie der politischen Teilnahme.

Lesen Sie das vollständige CAREONA Manifest: Forderungen zu Umverteilung von Macht, Umverteilung von Geld, Umverteilung von Zeit, Umverteilung von Raum

 

#fraulenzen #queerstellen lauten Parolen für den bevorstehenden Frauenstreiktag. Trotz erschwerter Bedingungen durch Corona laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Schutzkonzepte werden formuliert, Anträge für Gruppendemonstrationen geschrieben, Banner gemalt… Wer, wie, wo für Frauen*rechte einstehen, demonstrieren, reden, singen, tanzen, spielen, Lärm machen oder eine Fahne aufhängen wird, das bewahrheitet sich am Sonntag 14. Juni 2020.

Lesen Sie den Aufruf „Feministisch Pausieren, Kollektiv Organisieren“

Vom Frauenstimmrecht zur Repräsentation und weiter

Sarah Paciarelli

Es gibt zwei Themen, die in meinem Umfeld für kuriose Überraschungen sorgen: Das noch so junge Schweizer Frauenstimmrecht und der feministische Nährboden einer Organisation, die «katholisch» im Namen trägt, der Schweizerische Katholische Frauenbund.

Als gebürtige Berlinerin mit polnischer Mutter und italienischem Vater, dafür ohne deutsche Staatsbürgerschaft – und somit ohne Wahlrecht – habe ich früh gemerkt, was es bedeutet, politisch nicht partizipieren zu können. Zumindest nicht im Land meines dauerhaften Aufenthalts. Ich erinnere mich an die Besuche im polnischen und italienischen Konsulat, um meine Stimme abzugeben, wenn in den Heimatländern meiner Eltern Wahlen anstanden. Aber auch an das Gefühl, die politischen Debatten Deutschlands mitzufühlen, aber nicht mitzugestalten.

Katholisch und feministisch?

Wenn ich Berlin besuche und auf Menschen treffe, kommen wir schnell auf die Schweiz zu sprechen und darauf, was ich da so treibe. Sobald ich erzähle, dass ich für den Schweizerischen Katholischen Frauenbund SKF tätig bin, ernte ich oft irritierte Blicke. Sie wandeln sich jedoch schnell in staunende Anerkennung, wenn ich von den Aktivitäten des Verbandes erzähle und sein Engagement für Geschlechtergerechtigkeit in Kirche und Gesellschaft darlege. Die Überraschung ist gross – in Berlin wie in Bern. Spätestens wenn ich verkünde, dass sich der SKF für die Ehe für alle einsetzt, ist bei meinem Gegenüber der maximale Kontrast zu dem erreicht, was er oder sie sich unter einer katholischen Organisation vorstellt.

Schweiz? Da war doch was!

Die Schweiz bedeutet für viele meiner Verwandten im Ausland Berge, Schokolade und Direktdemokratie. Aber Moment, da war doch noch etwas mit dem Frauenstimmrecht, oder? In Polen erhielten Frauen ab 1918 das Wahlrecht. Sie nahmen nicht nur ihr Recht als Wählerinnen wahr, sondern kandidierten auch für das Parlament. Zu dem Zeitpunkt ist in den historischen Sitzungsprotokollen des SKF von 1919 zu lesen, dass das Frauenstimmrecht eine Überforderung der Frau sei und Leib und Seele gefährde. Diese Haltung hält sich im SKF nicht lange. Spätestens ab den 50er Jahren weht ein ganz anderer Wind durch die Aufzeichnungen.

Der SKF und das Frauenstimmrecht

1957 entschliesst sich der SKF zur aktiven Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschaft für die politischen Rechte der Frau. Ein Jahr später diskutiert der Vorstand die Ziele einer meinungsbildenden Tagung zum Thema Frauenstimmrecht. Die damalige SKF-Präsidentin Elisabeth Blunschy-Steiner (die 1977 notabene als erste Nationalratspräsidentin Geschichte schreibt) befand, «der SKF muss Stellung beziehen in einer Angelegenheit, wo es sich nicht um eine Glaubenssache handelt». Die Tagung wird als ausserordentliche Delegiertenversammlung durchgeführt und dazu genutzt, um im Rahmen der ersten nationalen Abstimmung für ein «Ja zum Frauenstimmrecht» zu politisieren.

Dass dieses von den ausschliesslich männlichen Stimmberechtigten zu zwei Dritteln abgelehnt wird, entmutigt den SKF nicht. Der Verband sensibilisiert weiter und bietet seinen Mitgliedern «staatsbürgerliche Kurse» an, in denen sich die Teilnehmerinnen mit dem Frauenstimmrecht auseinandersetzen und eine fundierte Haltung einnehmen können.

1971 – der Mauerfall der Schweizer Frauen

An der SKF-Generalversammlung vom 4. Juni 1970 hofft die abtretende Präsidentin Yvonne Darbre in ihrer Abschiedsrede, dass die «Rückständigkeit der Schweiz mit der Annahme des Frauenstimmrechts aufgeholt» werde.

Zur zweiten Abstimmung auf Bundesebene gibt der SKF keine Wahlempfehlung ab. Trotz der progressiven Haltung der scheidenden Präsidentin und ihrer Nachfolgerin Anne Marie Höchli-Zen Ruffinen, beschliesst der SKF Zurückhaltung. Grund dafür sind die unterschiedlichen Haltungen innerhalb des Verbandes. Der Verbandsvorstand aber will nur mit einer konsolidierten Haltung auftreten.

Mit der Annahme des eidgenössischen Stimm- und Wahlrechts für Frauen am 7. Februar 1971 wandelt sich der SKF. Der Verband sieht sich als Vermittler politischer Fragen und erkennt, dass es ein wichtiger Organisationszweck ist, den politischen Interessen von Frauen zum Durchbruch zu verhelfen. Heute bringt das grosse Frauennetzwerk sein Gewicht als Vernehmlassungspartner des Bundes und in Form vieler Bündnisse in die politische Diskussion ein.

Zurück in die Zukunft

Im kommenden Jahr wirft die Schweiz einen Blick zurück und honoriert die über 100 Jahre Arbeit auf allen politischen Ebenen, die nötig waren, sodass wir 2021 50 Jahre Frauenstimmrecht zelebrieren können. Wie bauen wir diese Errungenschaft weiter aus?

Der Diskurs um die politische Repräsentation von Frauen während der Schweizer Parlamentswahlen 2019 hat eindrucksvoll bewiesen, dass ein Weg vor uns liegt, den es sich zu beschreiten lohnt: Es kandidierten nicht nur mehr Frauen für politische Ämter, sie wurden auch häufiger gewählt. Sowohl im Ständerat als auch im Nationalrat stieg der Frauenanteil auf ein historisches Hoch. Der Kampf um politische Teilhabe endet nicht mit dem Frauenstimmrecht und angemessenerer Vertretung. Vielmehr sind dies die demokratischen Rahmenbedingungen dafür, dass Frauen im kooperativen Miteinander einer Demokratie Gesellschaft aktiv mitgestalten. In Zukunft wird diese Gesellschaft daran gemessen, wie sie mit der Vielfalt ihrer Bevölkerung umgeht und ob sie es schafft, ihr mit dem demokratischen Gleichheitsversprechen zu begegnen.

Demokratie ist Vielfalt

Die Vielfalt prallt noch immer auf Hürden, die der Gleichheit im Wege stehen. Gleichheit muss sich auch in Lohnabrechnungen von Männern und Frauen widerspiegeln, in gleicher Verteilung unbezahlter Familien- und Betreuungsarbeit, in gleichen Möglichkeiten nach der Geburt eines Kindes (Eltern)Zeit aufzuwenden, in gleichen Rechten für Homosexuelle eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen. Unsere Sprache kann noch einen Hauch Gleichheit vertragen. Sie ist Ausdruck des Denkens und zu oft noch Ausdruck eines patriarchalen Erbes, welches tradierte Geschlechterrollen durch Sprache zementiert. Unsere juristischen Einschränkungen könnten eine Prise Gleichheit vertragen, sodass die politischen Haltungen von Menschen mit Niederlassungsbewilligung berücksichtigt werden. Die römisch-katholische Amtskirche, die Frauen noch immer – entgegen unserer demokratischen Verfassung – aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert, könnte sogar eine ganze Menge Gleichheit vertragen. Dafür engagiert sich der SKF.

Der Vielfalt gerecht zu werden macht unsere Demokratie stärker. Haben wir den Mut, die Dinge zu ändern, die wir ändern können. Es lohnt sich! Das haben die mutigen Vorreiterinnen bewiesen, denen wir 50 Jahre Schweizer Frauenstimmrecht verdanken.

Sarah Paciarelli, SKF Schweizerischer Katholischer Frauenbund, Kommunikation