Die Männer waren das Nadelöhr

Josef Lang

Warum stimmten zwei Drittel des Männervolks 1959 gegen das Frauenstimmrecht? Wie erklärt es sich, dass zwölf Jahre später zwei Drittel der Männer dafür waren? Das sind die beiden Schlüsselfragen, um für den Schweizer Sonderfall eine Erklärung zu finden. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs kannten auch andere europäischen Länder, insbesondere die drei katholischen Frankreich (1944), Italien (1946) und Belgien (1948), kein Frauenstimmrecht. Der Sonderfall beginnt gleich danach. Dazu gehörten noch eine faschistische Diktatur (Portugal, 1974) und ein reaktionäres Fürstentum (Lichtenstein, 1984).

Regression zwischen 1929 und 1959

Die Frage nach dem eidgenössischen Sonderfall wird noch schärfer angesichts der Tatsache, dass die Schweiz 1929 dem Frauenstimmrecht näher stand als 1959. 1929 kamen für eine von 13 Frauenverbänden gestartete und den beiden Linksparteien unterstützte Petition 250‘000 Unterschriften zusammen. Das entspräche heute 600‘000 Unterschriften. Gut 170‘000 Frauen und knapp 80‘000 Männer hatten unterschrieben. Das Frauenstimmrecht dürfte zwar auch 1929 an einer Mehrheit der Stimmen und erst recht der Stände gescheitert sein. Aber das Resultat wäre nicht so katastrophal ausgefallen wie dreissig Jahre später.

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Eine erste Regression bedeutete die Infragestellung der weiblichen Berufstätigkeit in den 1930er Jahren. So führten die Katholisch-Konservativen eine Kampagne gegen das „Doppelverdienertum“ durch. Jungkonservative wollten den Frauen die ausserhäusliche Arbeit völlig verbieten. Der Katholische Frauenbund, der selber das Frauenstimmrecht ablehnte, war über die eigene Parteijugend derart entsetzt, dass er sie mit den „Herrenmenschen Mussolinis“ und „Hitler-Deutschland“ verglich. Aber etliche der Jungen der 1930er Jahre waren die Politiker der 1950er Jahre.

Während des Krieges wurde die faktisch gestiegene Berufstätigkeit der Frauen statistisch unterschlagen. Diese fand vor allem in karitativen Bereichen und in der Landwirtschaft statt oder war Teilzeitarbeit. Die Basler Historikerin Regina Wecker verbindet die Verschleierung der weiblichen Leistungen und die Überbetonung der männlichen mit der Verschleierung der „Nützlichkeit für den Gegner“ und der Überbetonung der militärischen „Abwehr gegen den Feind“. Der Rückzug ins Reduit, der aus dem meisten Grenzsoldaten wieder Arbeiter und Angestellte machte, diente nicht zuletzt der „Aufrechterhaltung der (Geschlechter-)Ordnung“. Ein „stärkerer“ und damit „sichtbarerer Einbezug von Frauen in die marktorientierte Wirtschaft hätte sowohl die männliche Hegemonie gefährdet, als auch die Siegerpose der Armee unglaubwürdig gemacht.“

Wehrmann und Hausfrau

Die Lebenslüge der Nachkriegs-Schweiz, sie verdanke ihre Verschonung primär der militärischen Abwehrbereitschaft und nicht der wirtschaftlichen Kollaboration, hängt eng mit der verschärften Ausgrenzung der Frauen zusammen. Zudem erlaubte es das Reduit, die Einheit von Männer-Staat und Männer-Heer und den Gegensatz von Wehrmann und Hausfrau im Kalten Krieg zu reaktivieren.

Der Bundesrat brachte diese Geschlechtertrennung 1958 in seiner Botschaft zum Frauenstimmrecht auf den Punkt: „Das Stimmrecht wird als Korrelat der Wehrpflicht aufgefasst.“ Unter Verweis auf die Landsgemeinde schreibt er weiter: „An ihr konnte nämlich nur der waffenfähige Bürger mitreden. Da als waffenfähig der Mann allein galt, konnte nur er als stimm- und wahlberechtigt angesehen werden.“ Diese Ideologie, die ein fester Bestandteil der Geistigen Landesverteidigung war, war in der Romandie viel schwächer verankert. Hier liegt die Haupterklärung für die Ja-Mehrheiten in den Kantonen Genf, Waadt und Neuenburg.

Neben dem grossen Röstigraben gab es einen – allerdings kleineren – Konfessionsgraben. Bei einem durchschnittlichen Ja-Anteil von 33,1 Prozent lag der protestantische bei gut 37% und der katholische bei etwa 25%. Bei den Katholiken, deren Kirche selbst in den Städten immer noch im Dorf stand, wirkte das, was der nationalrätliche Hauptsprecher gegen das Frauenstimmrecht so formulierte: „Der männliche Priesterstand schliesst in allen Graden und Funktionen die Frau aus“.

Krise von Militarismus und Männlichkeit

Ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erfahren sowohl der Militarismus als auch der Klerikalismus eine Aufweichung. Es ist kein Zufall, nimmt die Zahl der Militärverweigerer zwischen 1966 und 1971 ebenso spektakulär zu wie die der männlichen Frauenstimmrechtsbefürworter. Die Zahl der Verweigerer wuchs von 40 (1965) auf 122 (1966) und steigerte sich bis 1971 auf 227. Wie dramatisch die Erosion der Einheit von Bürgersoldat und Männlichkeit war, zeigen die zahllosen Konflikte um die Haarlänge im Militär und im Zivilen. Lange Haare waren der doppelte Beweis für eine unmilitärisch-weibliche Haltung und für eine armeekritische Einstellung. Die Schweizer Männer wurden reif für das Frauenstimmrecht, als sie begannen, längere Haare zu tragen. Gemäss bundesrätlicher Einschätzung vom Sommer 1969 seien „bei den Jungen wohl 90% oder noch mehr für das Frauenstimmrecht“.

Innerhalb des Katholizismus kam es zwar nicht zur kirchlichen Gleichberechtigung der Frauen, aber zu einer allgemeinen Liberalisierung. Und diese fand ihren stärksten Ausdruck in der Stimmrechtsfrage. Der Ja-Anteil der katholischen Männer stieg zwischen 1959 und 1971 von 25% auf gut 60%. Damit lag er immer noch unter dem Durchschnitt von 65,7%, aber der konfessionelle Graben war kleiner geworden. Immer noch gross war der Sprachengraben. Lag der Ja-Anteil 1971 in der Romandie deutlich über 80 Prozent, gelangte in der Deutschschweiz nur Baselstadt auf diese Höhe.

Für den spektakulären Ja-Sprung von 33,1 Prozent auf 65,7 Prozent innert zwölf Jahren werden auch andere Erklärungen vorgebracht. Die am stärksten verbreitete ist gleichzeitig die falscheste: die Modernisierung von Haushalt und Arbeit. Die weibliche Berufstätigkeit war seit den 1880er Jahren nie so tief wie 1971. Sie betrug bloss 28 Prozent, obwohl die Ausländerinnen, die zur drei Vierteln berufstätig waren, den Durchschnitt anhoben. Wer das deutliche Ja zum Frauenstimmrecht 1971 mit strukturellen Veränderungen in der Frauenwelt erklärt, ist daran zu erinnern, dass die meisten Frauen bereits in den 1950er, wahrscheinlich schon in den späten 1920er Jahren für das Frauenstimmrecht waren. Das „Nadelöhr“ für das Frauenstimmrecht bildeten, wie das Peter von Roten, der Ehemann der „Laufgitter“-Autorin Iris von Roten, schon in den 1950er Jahren betont hat, die Männer.

Über Josef Lang:

Josef Lang, alt Nationalrat, Historiker, Dr. Phil. Er veröffentlichte im Mai 2020 das Buch „Demokratie in der Schweiz“ (Verlag Hier und Jetzt), das dem Kampf um das Frauenstimmrecht breiten Platz einräumt.

Ein neuer Roman inspiriert durch die Geschichte von Schweizer Frauen

«Die Vergangenheit ist ein fremdes Land; dort gelten andere Regeln.» Dieses berühmte Zitat von L.P. Hartley entspricht bis zu einem gewissen Punkt der Wahrheit, aber Dinge, die seit Menschengedenken geschehen sind, sind nicht wirklich fremd oder vergangen. Denken wir an all die Personen, welche in einer Schweiz aufgewachsen sind, in der es für Frauen völlig normal war, nicht abzustimmen, nicht über ihr eigenes Geld bestimmen zu können oder im öffentlichen Leben sichtbar zu sein.

Mein Roman «Der Tag, an dem die Männer Nein sagten», spielt sich am 1. Februar 1959 ab –  an dem Tag, an dem die Männer eine Abstimmung über das Frauenstimmrecht abgelehnt haben. Das Parlament hatte im Jahr 1958 der längst fälligen Einführung des Frauenstimmrechts bereits zugestimmt, aber es brauchte auch die Zustimmung des Schweizer Stimmvolkes. Entgegen dem Willen des Parlaments scheiterte die Abstimmung mit 66.9% Nein-Stimmen.

Ich wohne seit 2003 in der Schweiz und in meiner Tätigkeit als Journalistin haben sich mir gegenüber viele ältere Leute – Frauen und Männer – betreffend ihrer Erfahrungen mit Ausgrenzung in dieser Ära geöffnet. Nun ist mein Interesse aber nicht nur beruflicher Art.  Ich diskutiere diese Themen immer wieder gerne in meinem Privatleben mit Freunden und Familie. Einmal hat mich eine Frau auf der Strasse angehalten, um meine Zwillingsmädchen zu bewundern. Schnell waren wir in ein Gespräch verwickelt. Sie hat mir gesagt, sie sei auch ein Zwilling, in den fünfziger Jahren geboren. Ihre Eltern hatten sie als Baby in ein Kinderheim gesandt, weil ihre Mutter es nicht bewältigen konnte, sich um zwei Säuglinge zu kümmern. Die Frau hat sich immer gefragt: «Wieso ich und nicht meine Schwester?». In ihrem Fall war Armut wahrscheinlich die Antwort darauf, aber viele andere Menschen haben wegen starrem Denken und systematischer Diskriminierung gelitten.

Mein Roman ist zum Teil von der Schweizer Feministinnen-Ikone Iris von Roten inspiriert, die 1958 mit ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» eine detaillierte Analyse der Schweizer Gesellschaft der 1950er-Jahre vorlegte. Als ich ihre Texte übersetzt habe, hat es mir geholfen, mich in die Lebensbedingungen meiner vier Hauptcharaktere hineinzuversetzen – eine Bauernfrau, ein «Bürofräulein», eine alleinerziehende Mutter Jenischer Abstammung und eine gebildete Berufsfrau. Anscheinend wird die französische Übersetzung von Frauen im Laufgitter nächstes Jahr erscheinen. Endlich!

Wenn wir über die Vergangenheit sprechen, ist es wichtig, Frauen nicht auf ihre Opferrolle zu reduzieren. Genau wie wir, konnten die Frauen von damals lieb oder egoistisch sein, realistisch oder idealistisch. Sie hatten Spass, hatten Liebesaffären und ihnen gefiel es, Mutter zu sein. Auch mir gefiel es, mich in ihre Situation hineinzuversetzen.

Da wir uns dem 50-jährigen Jubiläum des Frauenstimmrechts in der Schweiz nähern, ist es bedeutsam, sich zu überlegen, was es für Frauen hiess, so lange politisch ausgeschlossen zu sein. Geschichten erzählen ist eine wundervolle Art um bei Menschen Empathie und Verständnis für die damalige Situation von Frauen zu wecken. Aus diesem Grunde freue ich mich, dass mein Roman sowohl auf Französisch, Deutsch und Italienisch, als auch auf Englisch publiziert wird. Dies vor allem, um Schweizer Leserinnen und Leser zu erreichen. Um mehr über das Projekt zu erfahren und es zu unterstützen, können Sie einen Blick auf das Crowdfunding werfen, welches noch bis zum 22. Dezember andauert.

In meinem Sachbuch über die Schweiz, The Naked Swiss (Die wahre Schweiz / La Suisse mise à nu), habe ich ein Kapital der Situation der Frauen in der Schweiz gewidmet. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass nicht mehr so stark zwischen sogenannter Männer- und Frauensache unterschieden wird, wodurch Frauen und Männer ihre Horizonte auf erfüllende Art und Weise erweitern können. Die Schweiz darf in dieser Hinsicht jedoch sicher noch innovativer und genderkompetenter werden.

Über Clare O‘ Dea:

Bevor Clare O’Dea als Autorin mit «The Naked Swiss: A Nation Behind 10 Myths» (Die wahre Schweiz: Ein Volk und seine 10 Mythen / La Suisse mise à nu: Un peuple et ses 10 Myths) durchstartete, war sie zehn Jahren lang Journalistin bei der SRG SSR (swissinfo.ch). Die irische Doppelbürgerin und ehemalige Irish Times Journalistin wohnt auf der Sprachgrenze im Kanton Freiburg. «Der Tag, an dem die Männer Nein sagten» ist ihr erster Roman.

„…damit wir uns mit der Geschichte unserer Demokratie auseinandersetzen!“

Cécile Speitel

Ein weiteres Buch zu «50 Jahre Frauenstimmrecht» ist druckfrisch erschienen im Limmat Verlag: 25 Frauen äussern sich zu Demokratie, Macht und Gleichberechtigung! Eine Kulturwissenschaftlerin und eine Journalistin haben diese Zeitzeugnisse zusammengetragen, Isabel Rohner in Berlin und Irène Schäppi in Zürich. Welche Absichten verfolgen sie mit diesem Buch, wie haben sie die Stimmen ausgewählt, warum haben sie das Buch zu zweit erarbeitet? Cécile Speitel hat mit den Herausgeberinnen via Zoom gesprochen.

Cécile Speitel: Isabel Rohner und Irène Schäppi, wie haben Sie sich für dieses Buch gefunden?

Isabel Rohner: Für mich war es wichtig, eine patente Partnerin zu finden, die ganz anders aufgestellt ist als ich, die nicht aus der Geschichtsforschung kommt, sondern aus dem Journalismus. Deshalb habe ich mich an Irène Schäppi gewendet.

CS: Und wie haben Sie, Irène Schäppi, reagiert?

Irène Schäppi: Ich freute mich sehr über ihre Anfrage, gleichzeitig hatte ich Riesenrespekt. Ich gelte in der Schweizer Journalismus-Szene nicht als Expertin für Frauenthemen, weil ich als Journalistin hauptberuflich Lifestyle-Themen betreue, aber privat habe ich mich immer dafür interessiert. An «50 Jahre Frauenstimmrecht» mitzuarbeiten, war und ist eine Möglichkeit, meinem Umfeld zu zeigen, dass noch anderes in mir steckt.

Isabel Rohner: Ich war der festen Überzeugung, ein solches Projekt darf nicht in der Academia stecken bleiben. Das Buch brauchte ein Herausgeberinnen-Team, das eine grosse Bandbreite abdeckt, weil feministische Themen, die Geschichte der Frauenbewegung, die Beschäftigung mit Demokratie und Frauenrechten, alle Frauen in der Schweiz betrifft. Wir wollten unsere beiden Stärken zusammenbringen.

CS: Sie haben aus vielen möglichen Namen 25 Frauen ausgewählt. Wie sind Sie mit Ihrem Anspruch auf eine grosse Bandbreite vorgegangen?

Irène Schäppi: Wir haben beide Vorschläge gemacht und uns aufgrund unserer sehr unterschiedlichen Hintergründe sowie Schwerpunkten dabei sehr gut ergänzt. Wir haben uns lange über jede einzelne Person unterhalten. Uns war wichtig, «jede» Frau an Bord zu bekommen –  ich versuche das mal pointiert auszudrücken: von der Oma bis zur Enkelin, egal welches Berufsfeld, welcher kultureller Hintergrund. Darum haben wir auch bestimmte Celebrities angefragt wie Christa Rigozzi, die frühere Miss Schweiz.

Isabel Rohner: Wir haben uns für die Bereiche Recht, Wirtschaft, Kultur, Politik, Journalismus und Diplomatie entschieden. Ich gestehe: Einige Frauen, die Irène vorgeschlagen hat und die wir jetzt im Buch haben, kannte ich gar nicht, weil ich seit zwanzig Jahren nicht mehr in der Schweiz lebe – und Irène ging es bei einigen meiner Vorschläge aus Wissenschaft und Wirtschaft genau so. Ich bin Irène enorm dankbar für diese Entdeckungen, z.B. Lea Lu, die grossartige Sängerin und Songwriterin, von der ich Fan geworden bin und die für unser Buch extra das Lied «We Have A Voice» geschrieben hat.

Foto: Claudio Strüby

CS: Die Moderatorin Christa Rigozzi stammt aus dem Tessin, die Verwaltungsrätin und Wissenschaftlerin Adrienne Corboud Fumagalli und ihre Tochter Clelia, Juristin – sie reden über Normen, Karriere und Familie – , kommen aus der Suisse Romande…  

Irène Schäppi: Wir haben sehr darauf geachtet, Frauen aus allen Landesteilen anzufragen. Aus Graubünden stammt Fanni Fetzer, die Direktorin vom Kunstmuseum Luzern. Es sind auch Personen dabei, die Migrationshintergrund haben oder mit mehreren Nationalitäten.

CS: In den verschiedenen Portraits, Gesprächen oder Text-Beiträgen ist mir das Wort «Vorurteil» oftmals aufgefallen. Die Frauen unterschiedlicher Generationen stellen fest, wie häufig Vorurteile in der Gesellschaft noch vorhanden sind gegenüber ihrem Auftreten, ihren Leistungen.

Isabel Rohner: Ja, Vorurteile gegenüber Frauen werden in vielen Beiträgen thematisiert. Ein anderer Aspekt, der mir bei unseren Begegnungen aufgefallen ist, ist Humor. Viele Frauen, gerade die Pionierinnen, die erste Bundesrätin Elisabeth Kopp oder die erste Bundesrichterin Margrith Bigler-Eggenberger, verfügen über einen ausgeprägten Humor. Bei den persönlichen Treffen haben wir auch nachgefragt, ob ihnen der Humor auf ihrem Weg geholfen hat  – und fast alle haben dies bejaht. Dieser Druck, der auf diesen ersten Frauen lastete, der war ja nochmals viel, viel stärker als der heutige Druck, den Frauen immer noch spüren. Aber allein zu sein, immer angegriffen zu werden, immer als anders wahrgenommen zu werden, immer als unterschiedlich zur Norm bewertet zu werden  Margrit Bigler-Eggenberger zum Beispiel hat als Bundesrichterin erlebt, dass Kollegen nicht mit ihr gesprochen haben, weil sie eine Frau war das sind Erfahrungen, die nur ganz starke Persönlichkeiten aushalten konnten. Und Persönlichkeiten mit Humor.

Irène Schäppi: Auch was Frauen heute noch aushalten müssen, hat mich aufgewühlt, z.B. Nathalie Wappler, die Direktorin Schweizer Radio und Fernsehen, im Vergleich dazu, wenn ein Mann an ihrer Stelle sitzen würde er würde nicht in diesem Ausmass kritisiert. Oder wie Lea Lou, die von der SVP als Kampagnengesicht missbraucht worden ist, das wäre einem männlichen Sänger niemals passiert, ich glaube nicht, dass Baschi oder Crimer damit hätten rechnen müssen. Ich finde es heftig, dass in der Schweiz, die sich fortschrittlich und betont demokratisch gibt, die «White Old Men» so stark verankert sind. Die Arbeit an diesem Buch hat mich ein bisschen aus der Bubble auftauchen und die Realität krass wahrnehmen lassen. Ich selbst bin durch die Arbeit an diesem Buch noch politischer geworden.

CS: Sie haben das Buch Ihren Müttern und Grossmüttern gewidmet…

Isabel Rohner: Ja, sehr bewusst. Wir verdanken unseren Müttern und Grossmüttern die Möglichkeiten, die wir heute haben. Wir wollen das Buch aber tatsächlich allen Frauen widmen. Wir wollten ein Buch machen, das nicht nur in feministischen Vereinen gelesen wird, sondern von einer breiten Öffentlichkeit. Das Buch nimmt die Leserinnen und Leser mit in die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Frauen in der Schweiz. Frauenrechte gehen wirklich alle an, Frauen wie Männer. Und Frauen ganz besonders sollten sich mit der Geschichte unserer Demokratie in der Schweiz auseinandersetzen, mit unseren Lebensbereichen, wo es immer noch eine grosse Rolle spielt, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Es betrifft wirklich alle, ob wir wollen oder nicht.

Irene Schäppi: Ich finde zudem, unser Buch inspiriert zum Lesen und sich Weiterbilden, dient aber auch als Nachschlagewerk oder einfach, um darin zu schmökern und Entdeckungen zu machen, wie etwa die Comics von Serpentina Hagner oder eindrückliche Zitate.

Isabel Rohner: Was uns wichtig war: Wir haben viele der Frauen auch nach ganz konkreten Tipps gefragt für den Alltag, für beruflichen Erfolg, für durchsetzungsfähiges Handeln in Männerrunden, Frauen aus der Wirtschaft wie Bea Knecht, aus der Filmbranche wie Petra Volpe oder aus der Politik wie Viola Amherd und Samira Marti. Viele unserer Beiträgerinnen haben aus ihrem jeweiligen Tätigkeitsfeld Empfehlungen zusammengestellt, die sie jüngeren Frauen weitergeben wollen. Die Leserinnen sollen konkrete Ermutigungen finden, um die Zukunft zu gestalten und sie zu verändern.

«Zeigt Mut. Werdet Expertinnen. Nutzt Werkzeuge. Kommuniziert direkt. Übt Resilienz.» Bea Knecht, Unternehmerin

«Die Geschichte der Frauen ist keine kleine Nebengeschichte. Das ist eine grosse Geschichte, die viel aussagt über unser Land.» Petra Volpe, Regisseurin

«Als ich Clownin werden wollte, war der meistgehörte Satz: Männer sind komisch, Frauen sind tragisch. Biologisch bedingt!» Gardi Hutter, Clownin

Comic aus „Eine Strassenumfrage“, 1970 von Serpentina Hagner, Comiczeichnerin

Die Herausgeberinnen

Dr. Isabel Rohner wurde 1979 in St. Gallen geboren. Sie studierte in Zürich und Köln Germanistik, Romanistik und Philosophie und promovierte in Giessen über die Werkrezeption der feministischen Pionierin Hedwig Dohm (1831–1919). Zusammen mit Nikola Müller gibt sie die Edition Hedwig Dohm heraus. Sie ist zudem die Autorin der Dohm-Biografie «Spuren ins Jetzt» sowie Herausgeberin und Initiatorin des Sammelbandes «100 Jahre Frauenwahlrecht. Ziel erreicht! … und weiter?» (beides Ulrike Helmer Verlag) über das Jubiläum in Deutschland. Zusammen mit der Politphilosophin Dr. Regula Stämpfli ist sie Host des wöchentlichen feministischen Podcasts «Die Podcastin».

Isabel Rohner (Foto: Christian Kruppa)

Irène Schäppi, geboren 1978 in St. Gallen, hat an der Universität Zürich Germanistik und Publizistik studiert und leitet seit 2009 das Beauty-Ressort von «20 Minuten». Damit gehört Irène Schäppi zu den wichtigsten Vertreterinnen des Schweizer Lifestyle-Journalismus. Als Frau für die Promi-Interviews – darunter unter anderen Hollywoodikone und Politaktivistin Jane Fonda – und internationale Beauty- sowie Lifestylereportagen ist sie bestens vernetzt, analog wie digital.

Irène Schäppi (Foto: Xandra M. Linsin)

50 Jahre Frauenstimmrecht – 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung, Herausgeberinnen Isabel Rohner / Irène Schäppi

Mit Porträts, Gesprächen und Beiträgen von Viola Amherd, Kathrin Bertschy, Margrith Bigler-Eggenberger, Adrienne Corboud, Fanni Fetzer, Fina Girard, Serpentina Hagner, Gardi Hutter, Cloé Jans, Anne-Sophie Keller, Bea Knecht, Elisabeth Kopp, Zita Küng, Lea Lu, Andrea Maihofer, Samira Marti, Christa Rigozzi, Ellen Ringier, Isabel Rohner, Irène Schäppi, Christine Schraner Burgener, Regula Stämpfli, Katja Stauber, Petra Volpe und Nathalie Wappler

Erschienen im Limmat-Verlag, November 2020

Andrea Maihofer und Zita Küng mit ihren Beiträgen sind Mitbegründerinnen und Vorstandsmitglieder vom Verein CH2021.

Gewinnspiel: Auf Facebook verlosen übrigens wir zwei Buchexemplare. Nehmen Sie hier an der Verlosung teil.

Stimmrecht, Demokratie und die Frage nach der Perspektive

Ingrid Rusterholtz

Das Frauenstimmrecht! Es verfolgt mich. Oft halte ich diskret den Mund, doch ab und zu geht es nicht anders und ich sage geradeaus, dass mich das Wort nervt. Dann muss ich etwas ausholen, damit es keine Missverständnisse gibt. Es ist, dies vorweg, absolut verständlich, dass dieser Begriff als allseits gebräuchlicher Mehrheitsbegriff in unserem Sprachgebrauch festsitzt. Aber…

Ich sehe sie jubeln, die grosse Schar der Siegreichen, an jenem Sonntagabend im Februar 1971. „Es ist geschafft, wir haben es, endlich, das Frauenstimmrecht, endlich auch in der Schweiz!“ Präziser: das Stimm- und Wahlrecht für Frauen, gutgeheissen von der Mehrheit der Schweizer Männer in einer eidgenössischen Volksabstimmung – eh, Männerabstimmung. Neu zählt staatsrechtliche Menschwerdung der Bevölkerungsmehrheit, Erwachsenenstimmrecht.

Nehmen wir es genau, so lässt sich sagen: Unsere gerne als älteste Demokratie Mitteleuropas bezeichnete Demokratie ist jung. Es gibt sie seit gerade mal 50 Jahren. Verwirrend? Gut möglich. Denn so denken wir nicht. Und sprechen wir nicht. Der Begriff Frauenstimmrecht ist ein gutes Beispiel dafür. Das Stimmrecht ist der allgemeine Begriff, das Frauenstimmrecht die spezifizierte Besonderheit. Das ist aber keine sachlich korrekte Wahrnehmung. Korrekt müssten wir bis 1971 vom Männerstimmrecht sprechen – spezifiziert für eine bestimmte Menschengruppe, die Schweizer Männer – und von da weg vom allgemeinen Stimmrecht oder kurz Stimmrecht. Die Männer sind nicht das Volk, auch nicht die Allgemeinheit. Ja, nicht einmal die Mehrheit.

Nun könnte eine solche Betrachtung als spitzfindig, als Wortklauberei ohne Bedeutung bezeichnet werden. Schön wäre es, es wäre so. Was als Gedankenspielerei, als nebensächlich oder auch als überholt erscheinen mag – haben wir nicht Wichtigeres zu tun? – ist das, was die androzentrische Perspektive ausmacht: der Blick auf die Welt aus männlicher Sicht. Sie ist uns so vertraut, so allgegenwärtig, dass die Wahrnehmung dafür weitgehend fehlt. Und beides – die einseitige Perspektive wie auch die fehlende Wahrnehmung – ist sehr wohl von Bedeutung.

Nochmals zu unserem Beispiel: Das Begriffspaar „Stimmrecht und Frauenstimmrecht“ kennzeichnet das Schauen aus der gewohnten, am Mann orientierten Optik, die androzentrische Perspektive: das Allgemeine und das Spezielle. Oder: die Norm und die Abweichung. Das Begriffspaar „Männerstimmrecht und Stimmrecht“ hingegen – wiewohl es ungewohnt, ja befremdlich wirken mag –   verweist auf die korrekte Sichtweise: hier die Männer, bis 1971, nachher die stimmberechtigte Allgemeinheit.

Was also, exemplarisch gezeigt, wie eine sprachliche Spitzfindigkeit wirken könnte, erweist sich – inhaltlich gesehen – als gravierende Fehlentwicklung im Hinblick auf Welterklärung. Eine Aussage der Sprachforscherin Luise F. Pusch lässt die Dimension der Schräglage erahnen, mit der wir es zu tun haben. Ihre Erkenntnis, sinngemäss wiedergegeben: „Es war ein genialer Schachzug, Männerdemokratie einfach Demokratie zu nennen, Männerforschung einfach Forschung, Männergeschichte einfach Geschichte, Männersprache einfach Sprache etc.“ Diese strukturellen Bedingtheiten verschwinden in den gegenwärtigen Zeiten des favorisierten Individualismus erst recht aus der gesellschaftspolitischen Betrachtung – auch in feministischen Auseinandersetzungen, will mir scheinen.

Sprachgepflogenheiten zu verändern ist nicht einfach. Auf individueller Ebene kann es fürs Erste genügen, wenn beim Wort Frauenstimmrecht – gehört oder gesprochen – vor dem inneren Auge ein Bild für die Schräglage aufscheint: Achtung Rutschgefahr, zum Beispiel.

Ingrid Rusterholtz, 1949, Lehrerin und Heilpädagogin, Dozentin, Gleichstellungsbeauftragte Basel-Stadt. Mit meinem Lebens- und Sharing-Partner zwei Töchter 1980/1982 und drei Grosskinder. Kurse, Referate, Aufsätze im Themenspektrum Schule, Sprache, Gewalt,  un-/bezahlte Arbeit, Gender und Perspektive.

 

50 Jahre Frauenstimmrecht 2021 – (k)eine Selbstverständlichkeit

Maria Bonina

Zu Beginn meiner Arbeit als Geschäftsführerin vom Verein CH2021 habe ich mich mit dem Thema Frauenstimmrecht vertraut gemacht. Die erste Überraschung war, dass die umliegenden Länder das Frauenstimmrecht viel früher erhalten hatten: Deutschland und Österreich 1918, Frankreich 1944 und Italien 1946. 50 Jahre Frauenstimmrecht sind also ziemlich jung. Ich habe mir auch Gedanken gemacht, wie das Stimmrecht und die Gleichberechtigung mein Leben beeinflusst haben.

Eine bleibende Erinnerung ist auf jeden Fall die Abstimmung vom 7. Juni 1970, die «Schwarzenbach-Initiative» zur sogenannten Überfremdung der Schweiz. Ich war zwar erst 4 Jahre alt, doch ich bekam die Anspannung und Angst trotzdem mit. Meine Eltern waren in den 50er Jahren zum Arbeiten aus Italien in die Schweiz gekommen; ich bin also eine sogenannte «Seconda». An diesem Sonntag sassen wir gebannt vor dem Radio und warteten auf das Resultat. Wir hatten Angst, dass wir die Koffer packen müssen und zurück in das Land sollten – ein Land, welches ich kaum kannte. Die Vorlage wurde zum Glück abgelehnt, doch das Gefühl, dass wir nicht willkommen waren, blieb lange Zeit bestehen.

Nach der obligatorischen Schule entschied ich mich für eine Lehre als Schriftsetzerin. Damals wurde dieser Beruf von Männern dominiert. Das erste halbe Jahr durfte ich noch die Kunst des Bleisatzes erlernen, dabei waren die schweren Druckformen oft eine körperliche Herausforderung. Als ich Jahre später als Produktionsleiterin in der Werbebranche arbeitete, musste ich zur Druckabnahme einer Zeitschrift oft spätabends in die Druckerei (die Druckmaschinen laufen auch nachts). Die meist gestandenen Männer waren manchmal überrascht, wenn da eine Frau kam. Als ich das erste Mal die Maschinen stoppen liess, weil ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden war, haben mich die Herren ziemlich kritisch beäugt, doch am Schluss behielt ich recht; die Qualität war nicht perfekt.

1982 absolvierte ich einen Kurs als Sportjournalistin. Wir waren damals nur drei Frauen und beinahe 60 Männer. Meinen Traum Sportjournalistin zu werden, habe ich leider rasch begraben. Die Hürden waren zu dieser Zeit immens, Frauen als Sportjournalisten gab es damals praktisch noch nicht. Ich schrieb vorwiegend über Eishockey und Fussball, das war dann sowieso überhaupt nicht gern gesehen.

Meine Leidenschaft für Fussball hat es mit sich gebracht, dass ich mit Frauenfussball begonnen habe. Dieser steckte damals noch in den Anfängen und es waren nur wenige Teams, die an der Meisterschaft teilgenommen haben. Heute ist der Frauenfussball etwas populärer, aber noch immer wird dieser belächelt. Aktuell findet im FCZ Museum eine Sonderausstellung zum 50-jährigen Frauenfussball-Jubiläum in der Schweiz statt.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich keine Erklärung dafür habe, wieso ich an klassischen «Männerberufen» oder an «Männersportarten» Gefallen fand.

Was das Stimmrecht angeht, so musste ich lange auf die Gelegenheit warten abstimmen zu dürfen. Als Ausländerin, die in der Schweiz geboren ist und hier die Schulen besucht hat, stand für mich irgendwann fest, dass ich und meine Familie das Schweizer Bürgerrecht beantragen sollten. Die Hürden für diesen Schritt waren hoch und die Behandlung war oft auch erniedrigend, wir mussten dafür kämpfen. Es war dann ein besonderer Moment, als ich zum ersten Mal das graue Abstimmungscouvert per Post auf meinen Namen erhielt.

Als meine ältere Tochter kurz nach ihrem 18. Geburtstag ihre Abstimmungsunterlagen erhielt, war ich froh, dass ihr vor 50 Jahren der Weg geebnet wurde und sie als Frau von heute nicht mehr dafür kämpfen muss.

Vergessen wir aber nicht, wie beschwerlich der Weg zum Frauenstimmrecht oder zum Stimmrecht allgemein war und immer noch ist. Auch der Weg zur Gleichstellung ist immer noch ziemlich lang und leider auch heute immer wieder eine Herausforderung.

Anfänge des Frauenstimmrechts in der reformierten Kirche

Edith Siegenthaler

Jahrzehnte vor der Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler und kantonaler Ebene gab es in der Schweiz Kirchen und Kirchgemeinden, die ihren weiblichen Mitgliedern das Stimmrecht gaben. Als allererste Kirche in der Schweiz führte die Eglise évangélique libre de Genève 1891 das Frauenstimmrecht ein. Die Eglise évangélique libre war in den 1840er-Jahren aus der Genfer Erweckungsbewegung entstanden. In der Revision ihrer Constitution erwähnte sie 1891 explizit, dass ihre Assemblée, aus allen Mitgliedern – „frères et soeurs“ – bestehe. Sie alle wählten die pasteurs, anciens et diacres in ihre kirchlichen Ämter. Damit hatten die Frauen erstmals in der Schweiz in kirchlichen Angelegenheiten das aktive Stimmrecht erlangt.

Im Kanton Zürich gab es 1902 einen Vorstoss, um das kirchliche Frauenstimmrecht einzuführen. Emma Boos-Jegher brachte die Frage auf. Sie hatte unter anderem 1887 zu den Gründerinnen des Zürcher Frauenbundes zur Hebung der Sittlichkeit gehört, dem heutigen Evangelischen Frauenbund Zürich, einem Mitgliedverband der Evangelischen Frauen Schweiz. In ihrer Funktion als Präsidentin der Union für Frauenbestrebungen, reichte Boos-Jegher eine Eingabe an den Kantonsrat des Kantons Zürich zum Stimmrecht von Frauen in kirchlichen Angelegenheiten ein. Damals wurde das Kirchengesetz des Kantons Zürich überarbeitet. In diesem Zusammenhang argumentierte Boos-Jegher für die Einführung des Frauenstimmrechts in der Zürcher Landeskirche. Die Zürcher Landeskirche meldete anschliessend in den 1910er-Jahren bei der Zürcher Regierung ihren Wunsch nach Einführung des Frauenstimmrechts an. Das Begehren versandete allerdings während des Ersten Weltkriegs und 1923 lehnten die Stimmbürger im Kanton Zürich ein Gesetz ab, das den Frauen das Wahlrecht in Kirchen-, Schul- und Armenpflegen geben wollte.

Anfang der 1930er gab es einen neuen Anlauf, um das kirchliche Frauenstimmrecht in Zürich einzuführen. Inzwischen hatten die Landeskirchen in Genf, Waadt, Baselstadt, Bern, Aargau, Thurgau und Graubünden Regelungen zum kirchlichen Frauenstimmrecht erlassen. In einigen Kantonalkirchen hatten die Frauen das aktive und das passive kirchliche Frauenstimmrecht erreicht, in anderen nur das aktive Stimmrecht und in wieder anderen wie Bern, war es den einzelnen Kirchgemeinden freigestellt, ob sie ihren weiblichen Mitgliedern das Stimmrecht gewähren wollten. Definitiv eingeführt wurde das kirchliche Stimm- und Wahlrecht für Frauen im Kanton Zürich allerdings erst 1963, acht Jahre vor der Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler Ebene.

Edith Siegenthaler, Dr. phil. hist., Leiterin Geschäftsstelle Evangelische Frauen Schweiz EFS

Quellen und Literatur:

  • Brocher, Emile: Notice sur l’église évangélique libre de Genève publiée à l’occasion du cinquantenaire de sa fondation. Genève 1899.
  • Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (EKF): Frauen Macht Geschichte 2.2. Politische Teilrechte für Frauen in Kantonen und Gemeinden. www.ekf.ch
  • Locher, Albert: Vom Frauenstimmrecht insbesondere in kirchlichen Angelegenheiten. Zürich 1903.

 

Lassen Sie es krachen!

Denise Schmid

Wo waren Sie, als das Frauenstimmrecht 1971 in der Schweiz eingeführt wurde? In der Schule, am Arbeiten oder noch gar nicht geboren? Geschichte ist nichts Abstraktes, Weltfremdes – sollte es zumindest nicht sein. Geschichte ist das, was wir heute leben und worüber unsere Nachfahrinnen in fünfzig oder fünfhundert Jahren berichten werden. Sie werden auf uns zurückschauen, sich wundern, erzählen und interpretieren.

Für Historikerinnen und Historiker ist die allerjüngste Geschichte, die sogenannte Zeitgeschichte, immer ein etwas heisses Eisen, wegen der Betriebsblindheit, des mangelnden Abstands. Wir haben uns dennoch auf dieses Abenteuer eingelassen mit dem Buch «Jeder Frau ihre Stimme. 50 Jahre Schweizer Frauengeschichte 1971–2021».

Mit «wir» sind sieben Historikerinnen gemeint. Caroline Arni beginnt ihre Einführung zur Vorgeschichte mit dem Ausruf «Endlich!». Und Elisabeth Joris, Anja Suter, Fabienne Amlinger, Leena Schmitter und Angelika Hardegger haben je einen längeren Essay zu jedem Jahrzehnt zwischen 1970 und 2020 verfasst. Ich habe als Herausgeberin das Projekt betreut.

Eine Bildstrecke vor jedem Essay erzählt die Geschichte der Frauenbewegung, von Frauenpower, von Demos, Politik, Lust und Frust auf ihre eigene Art. Und zu jedem Jahrzehnt wird eine spannende Frau porträtiert. Alles Persönlichkeiten, die ihre Sache mit viel Verve verfolgen – sei es die Frauengesundheit, eine nachhaltigere Finanzwelt oder der Bäuerinnenlohn. Es ist ein historisch fundiertes und zugleich leicht lesbares Buch geworden, der erste umfassende Überblick über die letzten 50 Jahre.

Im Spannungsbogen erkennt man, wie die Diskussionen und Kämpfe vonstattengingen, wie gerungen und wiederholt abgestimmt werden musste. Aber es war nicht nur Kampf. Die Frauen gingen ebenso lustvoll und neugierig wie kritisch an Themen heran, gründeten Frauenbands, publizierten, vernetzten sich global und reklamierten Öffentlichkeit für Themen wie Rassismus, Gewalt, Homosexualität und vieles mehr.

Die Autorinnen von «Jeder Frau ihre Stimme» werfen ihren je eigenen Blick auf die letzten fünfzig Jahre und zeigen, wie vielstimmig der Feminismus von Anfang an war. «Die Frau» und «den Feminismus» gibt es nicht. Fordernd und laut waren die einen, zahmer und um Integration bemüht die anderen. Und während einige sich von der rechtlichen Gleichstellung die grösste Hebelwirkung versprachen, träumten die anderen vom hierarchiefreien Frauenutopia.

Vieles, was ab den 1970er-Jahren zunächst nur als Forderung linker Aktivistinnen galt, wird heute von einer Mehrheit als Selbstverständlichkeit wahrgenommen: vom straflosen Schwangerschaftsabbruch, über Gleichstellungsbeauftragte bis zur Mutterschaftsversicherung. Die Schweiz sah 1971 deutlich anders aus als heute. Und der Blick zurück zeigt vor allem eines: wie unheimlich wichtig es war, dass Frauen endlich mitbestimmen durften. Dass sie Themen in Politik und Gesellschaft platzierten, die den Männern zuvor einfach nicht genügend relevant erschienen waren. Den Pionierinnen, die zäh durchhielten, gilt meine Bewunderung und mein Dank. Ohne sie wäre mein heutiges Leben kaum denkbar. Denn ja, das Private ist politisch.

Als 1971 das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, war ich sechs Jahre alt und wurde im April in Zürich eingeschult. Mein Vater war damals überzeugt, dass Mädchen nicht studieren sollten. Während ich zur Schule ging, stiegen Frauen auf die Barrikaden, gingen in die Politik, wurden Nationalrätinnen, weibelten für ein neues Eherecht und gleiche Bildungschancen. Angesichts des grossen gesellschaftlichen Wandels verblasste das väterliche Diktat. Die Tochter wurde nicht Sekretärin, sondern Verlegerin. Geschichte ist die Essenz unzähliger Biografien – meiner und Ihrer.

Wo werden Sie am 7. Februar 2021 sein? Schauen Sie sich die Aktionslandkarte von CH2021 an, und lassen Sie es krachen. Wer «Jeder Frau ihre Stimme» liest, versteht, dass gewiss nicht alles erreicht ist, dass aber kaum eine von uns das Rad fünfzig Jahre zurückdrehen möchte. Es wird ein Tag zum Feiern! Und zum Weitermachen!

«Jeder Frau ihre Stimme. 50 Jahre Schweizer Frauengeschichte 1971–2021», herausgegeben von Denise Schmid, ist im Oktober 2020 im Verlag Hier und Jetzt erschienen.

 

 

Selbstbewusstsein muss her!

Franziska Rogger

100 Jahre lang haben engagierte Schweizerinnen auf das Frauenstimm- und Wahlrecht hingearbeitet, dass EINZIG in der direkten Konfrontation mit den Schweizern, nämlich mit einem Urnengang des männlichen «Souveräns» entschieden werden konnte. Anders als im Ausland, wo dieses Recht – und zwar NUR das Wahlrecht – den Frauen von einigen wenigen hochstehenden Männern meist in Krisenzeiten «gegeben» wurde. Der schweizerische Weg dauerte, bis nach unermüdlicher Arbeit und Ausprobieren verschiedener Taktiken die endlich erfolgreiche Strategie der Verweigerung gefunden wurde: die grossen Frauenverbände verhinderten, dass die von den Männern gewünschte Zivildienstordnung und Menschenrechtskonvention ohne Frauenstimm- und Wahlrecht eingeführt werden konnten und erreichten mit dieser «Erpressung» 1971 endlich, dass diese Frauenrechte vom «Souverän» akzeptiert werden mussten.

Doch nun jammern Schweizerinnen seit 50 Jahren, dass es so lange ging, ja sie schämen sich geradezu. Das muss aufhören. Das Jubiläum 2021 soll das wirklich Wichtige in den Vordergrund rücken: das Ringen dauerte zwar lange, war aber erfolgreich und aus eigener Kraft und es schuf eine eigene, auf sich selbst aufbauende und unverwechselbare Geschichte der Schweizerinnen.

Nur wer eine Gruppe erniedrigen will, macht sie unbedeutend, lächerlich oder stellt sie als ewigen Verlierer dar. Schweizer Frauen wollen eine andere Geschichte: eine, die zu Recht auf die stolze Vergangenheit hinweist und selbstbewusst macht.

Franziska Rogger: Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte. https://franziskarogger.com/ und https://hommage2021.ch/geschichte

*Porträtbild von Yoshiko Kusano 

Gedanken einer Bäuerin und Landfrau zu 50 Jahre Frauenstimmrecht

Lotti Baumann

Als Mädchen mit Jahrgang 74 habe ich das Frauenstimmrecht als Geburtsrecht mitbekommen. Jahrelang lebte ich in der selbstverständlichen Annahme, dass das schon immer so war. Logisch, dürfen Frauen wählen, wieso auch nicht? Bei uns war es sogar so, dass die Mutter die Wahlzettel ausfüllte und sie war die treibende Kraft, dass Vater und sie am Sonntagmorgen zum Gesamtschulhaus in unserem Weiler fuhren, um die Kuverts in die Urne zu werfen. Um 10.00 Uhr hatten wir dort dann Sonntagschule.

Auch auf unserem Landwirtschaftsbetrieb war meine Mutter immer die treibende Kraft. Frauenpower wurde mir und meinen fünf jüngeren Geschwistern vorgelebt. Und doch begann mich ab einem gewissen Alter zu wurmen, dass mein Bruder offenbar gewisse Vorzüge genoss. Er musste weder Tisch decken, noch abwaschen und ganz sicher nicht beim Putzen helfen. Er konnte sich nach dem Essen hinter den Tisch fläzen, während die Schwestern und ich den Abwasch machten. Wir hatten doch auch beim Kartoffelerlesen geholfen? Uns tat auch der Rücken weh. Meine Mutter, die 16 Jahre alt war, als das Frauenstimmrecht angenommen wurde, lebte noch voll und ganz im alten Rollenbild.

Die Frau hatte sich zu kümmern. Um jeden und alles. Als junge Frau (sie war 19, als ich geboren wurde), kümmerte sie sich auch um den pflegebedürftigen Schwiegervater. Und half im Stall mit, und war schon bald mit Kind Nr2 und Nr3 schwanger. Bei der Hofübergabe fragte der Anwalt, ob denn die junge Frau auch etwas zugute habe, anrechnen lassen könne. «Die arbeitet ja nichts», war die Antwort des Schwiegervaters und dabei blieb es. Ich weiss, dass diese Ungerechtigkeit tiefe Spuren hinterlassen hat. Und obwohl meine Mutter taff ist und klug und keine Arbeit scheut, konnte sie sich nicht durchsetzen gegen dieses Jahrhunderte alte Rollenbild. Das Dienen und sich fügen und still hinnehmen hatte sie von ihrer Mutter, deren Mutter, seit Generationen mitbekommen. Natürlich konnte sie auch mir und meinen Schwestern nicht viel anderes mitgeben.

Und das ist der Grund, weshalb die 50 Jahre Frauenstimmrecht zwar gut und schön sein mögen: Aber sie sind nichts in den Augen der Generationen. Noch haben viel zu viele Frauen diese Urgefühle des nicht ganz so viel wert sein in sich. Sie müssen kämpfen und sich behaupten. Gleichstellung ist immer noch keine Selbstverständlichkeit. Je mehr alle Frauen sich selbst wertschätzen, sich alles zutrauen und zugestehen und das ihren Kindern (Mädchen wie Knaben) weitergeben, umso schneller wird die Zeit von vor 1971 eine unfassbare, unglaubliche Zeit.

Die Krux ist, dass sich anpassen einfacher und friedlicher ist. Sich dem Frieden zuliebe zu fügen, kann auch eine Lebensaufgabe sein. Sogar eine vordergründig erfüllende.  Früher oder später kommt jedoch die Frustration über verpasste Chancen. Die Ungerechtigkeit in Form von zu wenig Anerkennung, zu wenig Lohn, zu schlechter Sozialversicherung, von zu geringen Chancen für den Wiedereinstieg ins Berufsleben etc. Wer sich erst dann zu wehren beginnt, windet sich in einer Negativspirale. Viel schöner ist es, sich von Anfang an ganz ehrlich zu hinterfragen, was die eigenen Wünsche und Bedürfnisse sind. Und diese dann auch gegen Widerstand zu verteidigen.

Das kann sehr anstrengend sein, zahlt sich aber schlussendlich auf jeden Fall für alle aus.

Wir Frauen von heute (wenigstens hier in der Schweiz) haben diese Möglichkeiten. Wir sind nur noch wenige Schritte davon entfernt, dass Gleichberechtigung selbstverständlich ist und Frauen in Politik und Leitfunktionen genau so viele Sitze haben, wie die Männer.

Das müssen wir durchsetzen. Unseren Vorfrauen zu Ehren und unseren Kindern zuliebe. Aber in erster Linie für uns selbst.