Ökumenische Aktion „HELVETIA predigt!“

Ökumenische Aktion „HELVETIA predigt!“ der Evangelischen Frauen Schweiz (EFS) und des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes (SKF): Frauen predigen am Sonntag, 1. August 2021

Neun Thesen zu 50 Jahre Frauenstimmrecht und 102 Jahre Frauenpfarramt

Vorbemerkung: Im Folgenden geht es um eine historische Analyse und nicht um konfessionelle Polemik.

1. Erst 50 Jahre Frauenstimmrecht und schon 102 Jahre Frauen im Pfarramt?

Am 7. Februar 1971 nahmen die stimmberechtigten Männer im zweiten Anlauf die Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene an. Elise Pfister (1886-1944) hat in der Kirchgemeinde Zürich-Neumünster „als erste in ein Pfarramt (…) eintreten dürfen. Das war am 19. Januar 1919“. Das schrieb Rosa Gutknecht (1885-1959) in ihrem Nachruf auf Pfister. Gutknecht trat am 16. Juni 1919 am Grossmünster als zweite Frau ins Pfarramt. Seither sind bei den Schweizer Reformierten Frauen im Pfarramt präsent. Allerdings wurden sie erst in den „langen 1960er-Jahren“ (Mitte der 1950-Jahre bis zum Ausbruch der Ölkrise 1973), einer Zeit der Reformideen und des gesellschaftlichen Aufbruchs, durch kantonale oder kirchliche Volksabstimmungen mit den Pfarrern gleichgestellt. In diesem Zeitraum wurde auch in Gemeinde, Kanton und Bund das Frauenstimmrecht eingeführt – in ein paar unrühmlichen Ausnahmen sogar noch später. In einigen Kantonen hatten die Frauen vor dem Stimmrecht das passive Wahlrecht in einzelne Behörden erhalten: So wurde die Pazifistin und Frauenrechtlerin Clara Ragaz-Nadig 1912 in die Kreisschulpflege in Zürich gewählt.

Elise Pfister in Neumünster 1939

2. Mehrere Hundert Volksabstimmungen in Gemeinde, Kanton und Bund zwischen 1900 und 1990

Einführung des Frauenstimmrechts meint die politische Gleichberechtigung der Frau, die Erteilung des Aktivbürgerrechts. Dieses umfasst die Ausübung des Stimmrechts in Sachfragen, das aktive und passive Wahlrecht sowie das Recht, Initiativen und Referenden zu unterschreiben: in der Gemeinde, im Kanton und im Bund. Dazu waren zwei eidgenössische, mehr als 100 kantonale und mehrere Hundert Gemeinde-Abstimmungen der stimmberechtigten Männer erforderlich. In einigen Kantonen erfolgte die Einführung des Frauenstimmrechts nicht integral, sondern es wurde den Gemeinden überlassen. In Graubünden beispielsweise wurde in jeder politischen Gemeinde darüber abgestimmt, total 217 Männerabstimmungen zwischen 1968 und 1983.

3. Frauenstimmrecht und Frauenpfarramt gehören inhaltlich und rechtlich zusammen

Das reformierte Pfarramt war ein öffentliches Amt. Wäre in einer kantonalen Volksabstimmung das integrale Frauenstimmrecht angenommen worden, hätte dies das passive Wahlrecht auf alle öffentlichen Ämter bedeutet. Theologinnen hätten auf die ordentlichen, vom Kanton bezahlten Pfarrstellen gewählt werden können, wären gleichgestellt worden. Der andere Weg führte über die Einführung des passiven Frauenwahlrechts für einzelne Ämter wie das Pfarr-Amt, durch eine kantonale Männerabstimmung. So war es z. B. in der Zürcher Staatskirche. In andern Kantonalkirchen war für die Gleichstellung der Theologinnen eine kantonalkirchliche Volksabstimmung erforderlich. Als 1928 in der privatrechtlich organisierten Genfer Kantonalkirche die weiblichen und männlichen Kirchenmitglieder das Frauenpfarramt annahmen, schrieb Emilie Gourd (1879-1946), eine der profiliertesten Schweizer Frauenrechtlerinnen, in ihrem Abstimmungsaufruf, dass es hier auch um „une question de féminisme“ gehe. Ein Nein hätte verheerende Folgen „pour la cause du suffrage féminin“ (Le Mouvement Féministe 23.11.1928).

4. Für Frauenstimmrecht und Frauenpfarramt gilt: „Das kommt so wie so“ (1917) 

Als die Basler Kirchensynode 1917 das kirchliche Frauenstimmrecht behandelte, schlug ein liberaler Pfarrer gleich auch noch das passive Wahlrecht für Pfarrerinnen vor: „das kommt so wie so“. Zur gleichen Zeit gestand ein Pfarrer der konservativen Richtung ebenfalls ein, dass «der weibliche Pfarrer» kommen werde, weil «nun einmal im Zuge der Zeit liegend». Auf politischer Ebene forderten die freisinnigen Aargauer Nachrichten 1917 bürgerliche Parteien auf, für Frauenrechte einzutreten und die Frage nicht der Sozialdemokratischen Partei zu überlassen, „da das Frauenstimmrecht ja doch kommt“. Befürworter des Frauenstimmrechts teilten diese Einschätzung ohnehin. Doch auch nüchtern denkende Gegner mussten zwangsläufig zu dieser Einsicht kommen. Für sie ging es darum, die Einführung möglichst lange hinauszuzögern. Sie wurden umso heftiger, je auswegloser ihr Kampf war.

5. Das Frauenstimmrecht wurde zunächst in den Kantonalkirchen und später in den jeweiligen Kantonen eingeführt

Aus dieser Tatsache schlossen im Jubiläumsjahr einzelne Kirchenzeitungen, dass die Kirchen fortschrittlicher gewesen seien als der Staat. Das ist ein Trugschluss und stimmt nicht mit den Fakten überein: In mehreren Kantonen (z. B. BE, GL, SO, ZH) entschied der politische Männersouverän über die Einführung des Frauenstimmrechts in der jeweiligen Kantonalkirche und nicht die Kirchenmitglieder. Hier war das kirchliche Frauenstimmrecht noch ein Bestandteil des Aktivbürgerrechts. In anderen Kantonen (z. B. SG, SH) wurde quasi doppelt über das Frauenstimmrecht abgestimmt: Zunächst erlaubte eine staatliche Männerabstimmung durch eine Änderung der Kantonsverfassung den Kirchen, das Frauenstimmrecht einzuführen. Anschliessend führte eine kantonalkirchliche Männerabstimmung das kirchliche Frauenstimmrecht dann faktisch ein. Hier stimmte der Mann einmal als Staatsbürger, das andere Mal als reformiertes Kirchenmitglied, beides gehörte für ihn zusammen. Der Antagonismus zwischen Kirche und Staat ist ein Phänomen, das erst mit den nach „1968“ kontinuierlich steigenden Kirchenaustritten und dem massiven Bedeutungsverlust der Kantonalkirchen nach 2000 auftrat. Dem föderalistischen Staatsaufbau entsprechend strebte die Politik, auch die SP, die Einführung des Frauenstimmrechts zunächst in Kirche und Schule und anschliessend im Staat an. Die Stimmrechtlerinnen unterstützten diese Strategie, auch wenn sie immer am vollen Stimmrecht festhielten. Sie forderten es in zahlreichen Petitionen und Eingaben. Aufgeschlossene Pfarrer und Politiker reagierten positiv darauf,  reaktionäre Kirchen- und Staatsmänner kämpften dagegen. Die reformierten Kantonalkirchen sind kein homogener Block. Kirchenpolitik und Theologie werden durch Gruppen bestimmt: Liberale, Religiös-Soziale, Konservative (sog. Positive).

6. Im Ja bzw. Nein zum Frauenstimmrecht und zum Frauenpfarramt widerspiegelt sich die persönliche Haltung des Stimmberechtigten zur Frau

Gegen Frauenstimmrecht und Frauenpfarramt wurde u. a. mit dem sog. Schweigegebot („Das Weib schweige in der Gemeinde“, 1. Korintherbrief 14, 34f.) argumentiert. Hinter diesem und allen anderen vorgebrachten Argumenten verbargen sich jedoch die eigentlichen Motive wie Neid, Angst vor Machtverlust und Konkurrenz. Im Kern ging es um das Frauenbild des Mannes: Ist die Frau ihm untertan als Sklavin, Magd, Dienerin? Oder ist sie ein gleichwertiger, vielleicht sogar gleichgestellter Mensch? Ein Sekundarlehrer lehnte 1921 in der Zürcher Kirchensynode die Pfarrerin ab: „Die Frau kann doch nicht die Seelsorge auch der Männerwelt übernehmen.“ Und: „Rückt die Frau in erste Linie, dann steht es nach dem Volksempfinden nicht gut.“ Deshalb seien Lehrerin und Pfarrer zweierlei: „Die Lehrerin erzieht die Jugend, der Pfarrer aber hat die Gemeinde der Erwachsenen zu erziehen.“ Erst mit dem Mentalitätswandel in den „langen 1960er Jahren“ begannen die Rollenbilder der Geschlechter langsam zu ändern, ein gesellschaftlicher Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist.

7. Frauenordination bedeutet nicht Gleichstellung

Schon am 27. Oktober 1918 waren in der Kirche St. Peter in Zürich Rosa Gutknecht und Elise Pfister durch den Zürcher Kirchenrat „zum geistlichen Amt“ ordiniert worden – die erste Frauenordination in der Schweiz. Drei Faktoren gaben den Ausschlag: 1. glaubwürdige Gesuchstellerinnen, 2. aufgeschlossene Behörde (Entscheidträger), 3. günstige Zeitstimmung („Zeitgeist“). Mit der Ordination anerkennt die Kantonalkirche die ergangene Berufung. Doch damit konnten die Theologinnen nicht automatisch wie die Männer auf ordentliche Pfarrstellen gewählt werden, sondern mussten bis zur Gleichstellung auf gemeindeeigenen Pfarrstellen amten. Wichtiger als die Ordination war den Theologinnen primär die Möglichkeit, im Pfarramt wirken und so ihrer Berufung nachkommen zu können.

Rosa Gutknecht

8. „Denkt an eure Pfarrerinnen, die euch das Wort Gottes gepredigt haben. Schaut auf ihren Lebenswandel und ahmt ihren Glauben nach“ (Hebräerbrief 13,7) – die frühen Pfarrerinnen: Wegbereiterinnen der Frauenemanzipation

Die Pfarrerinnen vor der Gleichstellung arbeiteten mit der Frauenbewegung zusammen: Rosa Gutknecht etwa hielt 1929 an der Jahresversammlung des Bundes schweizerischer Frauenvereine (heute alliance f) in Herisau AR den Gottesdienst: „Vielleicht hat diese Predigt mehr als unsere ganze Versammlung den Boden für die Frauensache im Appenzellerland gelockert“, schrieb das Schweizer Frauenblatt (SFB 11.10.1929). Seit 1919 bestiegen Frauen die Kanzel und überzeugten insbesondere an Abdankungen auch ein kirchenfernes Publikum, dass Pfarrerinnen den Pfarrern (zumindest) ebenbürtig sind. Rednerinnen im öffentlichen Raum waren damals selten. Am 1. August bestiegen sie beispielsweise die Redekanzel. Rosa Neuenschwander in Bern tat das 1941 als erste Frau in der Schweiz. Ab 1957 wurden dann Frauen vermehrt als 1.August-Rednerinnen eingeladen. Die frühen Pfarrerinnen wurden für viele zum Vorbild: «Ich glaube diese Zeit mit Frl. Pfr. Merz war für viele von uns mitbestimmend, und grundlegend, für den späteren Einsatz für die Gleichberechtigung von Mann und Frau», schrieb eine Lenzburger Konfirmandin beim Tod von Mathilde Merz (1899-1987).

9. „Wir Männer sind gegen das Frauenstimmrecht, weil nur Männer Priester sein dürfen“ (Karl Wick, 1891-1969, katholisch-konservativer Ständerat LU und Chefredaktor der Tageszeitung Vaterland)  

Die katholische Amtskirche lehnte aufgrund ihres reaktionären Frauenbildes lange das Frauenstimmrecht ab. Politiker und Katholikinnen übernahmen beide Positionen. Erst im Vorfeld der ersten eidgenössischen Abstimmung über das Frauenstimmrecht am 1. Februar 1959 emanzipierte sich der Schweizerische Katholische Frauenbund von der klerikalen Bevormundung und gab die Ja-Parole heraus. Geblieben ist das kategorische Nein zur Frauenordination, das sich mit These 7 erklären lässt: Glaubwürdige Kandidatinnen sind da (1; dazu: Philippa Rath (Hg.), „Weil Gott es so will“. Frauen erzählen von ihrer Berufung zur Diakonin und Priesterin, Freiburg i.B. 2021), der Entscheidträger (Vatikan) ist der demokratischen Kontrolle jedoch entzogen und kann die Frage konstant blockieren (2), und die allgemeine Zeitstimmung im Moment ist nicht auf Reformen ausgerichtet (3).

Über den Autor: 

Pierre Aerne ist Mitglied des Vereins CH2021. Er forscht und publiziert über Frauenpfarramt und Frauenstimmrecht.

Links:

Wie beurteilen wir ein halbes Jahrhundert?

Ein halbes Jahrhundert ist es also her, seit Frauen in der Schweiz auch von dem demokratischen Grundrecht schlechthin Gebrauch machen dürfen. Wir blicken (zum zigtausendsten Mal seit Mitte des letzten Jahres) zurück und fragen uns: Wo stehen wir heute?

Exemplarisch verfolgen uns dabei die Evaluationen anhand der am leichtesten verfügbaren Zahlen: den Frauenanteilen in politischen Gremien (Derungs et al., 2014, S.60). 2019 schien es auf den ersten Blick, als könnten wir eine ausgezeichnete Bilanz ziehen. Sowohl im Nationalrat als auch im Ständerat lag der prozentuale Anteil der Parlamentarierinnen so hoch wie nie zu vor (DSJ, 2020). Bilden diese Zahlen bereits alles ab, was sich in diesen 50 Jahren getan hat?

Lückenhafte Datenlage

Zum einen können wir uns fragen, wie repräsentativ der Überbegriff der „Frauen“ ist. Denn ein zweiter Blick zeigt, dass Politikerinnen im Schnitt gut ausgebildet und nur wenig jünger als ihr Stimmrecht sind. Wie steht es denn um die Beteiligung junger Frauen? Um die Partizipation nicht-weisser Menschen, um die nicht-Akademikerinnen oder um queere Menschen in der Politik – oder um Menschen, die in mehrere dieser Kategorien fallen? Die Datenlage lässt dazu auch in der Schweiz noch wenig Schlüsse zu (Derungs et al., 2014, S. 96).

Gleichzeitig stellt sich auch die Frage, wie aussagekräftig der Blick auf die Aufteilung des Parlaments ist. Schliesslich stellen parlamentarische Aktivitäten nur einen Teil der politischen Partizipation dar. Andere Aspekte davon liessen sich etwa über die Entwicklung der Stimm- und Wahlbeteiligung von Frauen oder die Engagements im Rahmen von nicht-institutionalisierten politischen Bewegungen untersuchen (DSJ, 2021b). Oder darüber, warum Frauen sich trotz Interesse und vergleichsweise hoher Chancen seltener zur Wahl stellen (DSJ, 2021a).

Partizipation abseits der Zahlen

Aber auch abseits dieser Zahlen können wir fragen, wie die gemessene Partizipation in der Praxis aussieht. So kommen auch in Gremien mit höherem Frauenanteil tendenziell eher Männer zur Sprache (Beobachter, 2019). Und Politikerinnen erfahren unter anderem durch ihre Präsenz in der Öffentlichkeit verstärkt rassistische und sexistische Angriffe (Republik, 2021). Wie nehmen sich Politikerinnen in ihrer Rolle wahr? Wie gehen sie mit den Strukturen um, in welchen sie arbeiten? Auch dazu fehlen bisher repräsentative Umfragen für die Schweiz.

Dabei wäre gerade diese Forschung für die Evaluation der vergangenen 50 Jahre zentral. Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass das Ziel des Stimmrechts darin besteht, dass mündige Personen an politischen Entscheidungen teilhaben (Küng, 2020), müssten wir uns auch bei einem Rückblick daran orientieren. Dazu müssten wir uns drei Themenfelder genauer anschauen.

Was heisst Mitsprache?

Erstens wäre ein Blick darauf angemessen, was vor der Partizipation geschieht bzw. geschehen muss. Wenn Frauen sich nicht in einem Milizamt sehen (wollen), müssten wir uns fragen, woran das liegt. Und wenn wir die Miliztätigkeit fördern wollen, müsste die Frage lauten, wie potenzielle Kandidat*innen bestmöglich gefördert werden können.

Zweitens müsste klarer sein, was wir unter „Beteiligung“ verstehen. Geht es um die Erhöhung eines numerischen Anteils, oder gehören auch qualitative Merkmale dazu? Sowohl die Begrifflichkeiten als auch die Zielsetzung scheinen in den Diskussionen zum Fortschritt seit 1971 nicht ganz klar zu sein.

Und drittens müssen die Massstäbe definiert werden, anhand welcher wir die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte beurteilen. Gewisse Massstäbe setzen wir bereits implizit, wenn wir darüber sprechen, wie viel weiter wir seit der Einführung des Frauenstimmrechts gekommen seien. Aber erst die explizite Auseinandersetzung damit erlaubt uns, Lücken sichtbar zu machen. Wie sehr berücksichtigen wir die unterschiedlichen Erfahrungen innerhalb des Oberbegriffs „der politisch aktiven Frau“? Wie beurteilen wir die Teilhabe von Menschen, die nicht in eine oder in mehr als eine Schublade passen? Ab wann gilt die Mitsprache als vollständig – reichen 42% im Nationalrat aus?

Solche und ähnliche Fragen wären für Diskussionen über politische Beteiligung gerade in diesem Jubiläumsjahr zentral. Die eine, richtige Antwort gibt es darauf natürlich nicht. Wenn wir uns diesen Fragen aber deshalb einfach nicht stellen, wird eine angemessene Evaluation schwierig.

Die Autorin

Léonie Hagen ist Präsidentin des Jugendrat Brig-Glis und Vorstandsmitglied beim Dachverband Schweizer Jugendparlamente (DSJ).

Quellenverzeichnis

Beobachter, 2019. Im Bundeshaus reden Frauen weniger.

Derungs, Flurina, Lüthi, Janine, Schnegg, Brigitte, Wenger, Nadine, Ganzfried, Miriam. 2014. Gleichstellung von Frau und Mann. Aktionsplan der Schweiz: Bilanz 1999-2014. Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann.

DSJ, 2021. Geht der Siegeszug der Frauen durch alle föderalen Ebenen weiter?

DSJ, 2021. Partizipieren Frauen politisch anders als Männer?

DSJ, 2020. Das Parlament 2019–2023 – repräsentativ für die Jugend?

Küng, Zita. 2020. Demokratie denken. CH2021.

Republik, 2021. Aber wehe, sie machen den Mund auf.

#NCCRWomen-Kampagne

Welche Rolle spielen Frauen in der wissenschaftlichen Forschung in der Schweiz? Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Stimm- und Wahlrechts für Frauen in der Schweiz haben sich die Nationalen Forschungsschwerpunkte für eine Videokampagne zusammengeschlossen, um die Bedeutung der Frauen in der Schweizer Forschungslandschaft hervorzuheben.  

Ein Nationaler Forschungsschwerpunkt, kurz NFS, ist ein Förderungsinstrument des Schweizerischen Nationalfonds zum Aufbau eines Forschungsnetzwerks aus in der Schweiz ansässigen Wissenschaftlern, die gemeinsam an der Lösung eines Problems oder einer Fragestellung arbeiten. Derzeit befassen sich 22 NFS mit fast allen erdenklichen Themen: von der Quantenphysik oder dem Einsatz von Robotern für eine nachhaltigere Architektur bis hin zu den physiologischen Ursachen von psychischen Erkrankungen oder der Entstehung und Evolution von Planeten. Vor 50 Jahren stellten Frauen in der Forschung eine sehr kleine Minderheit dar: Nur 1% der Frauen hatten in der Schweiz überhaupt einen Hochschulabschluss (Ein Portrait der Schweiz: Ergebnisse aus den Volkszählungen 2010-2014). Auch heute noch ist die Geschlechterparität vor allem in den technischen und ingenieurwissenschaftlichen Fächern bei weitem nicht erreicht, und der Anteil der Wissenschaftlerinnen sinkt, je höher man in der Hierarchie aufsteigt. Die Situation hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten stark verbessert, und heute spielen Frauen in der Schweiz in allen Forschungsbereichen eine zentrale Rolle.

Die Schweizer NFS wollen der Öffentlichkeit zeigen, dass Forscherinnen in allen Bereichen der Wissenschaft aktiv und unverzichtbar sind. Frauen sind Mathematikerinnen, Chemikerinnen, Ingenieurinnen, Biologinnen, Ärztinnen, Soziologinnen, Architektinnen, Linguistinnen, Astronominnen… Wir wollen junge Mädchen und Frauen für eine Karriere in der Forschung begeistern, indem wir ihnen zeigen, wie der Alltag einer Wissenschaftlerin aussieht und indem wir unsere Leidenschaft für die Forschung mit ihnen teilen.

Vom 8. März, dem Internationalen Frauentag, bis zum 31. Oktober 2021, auf den Tag genau 50 Jahre nach dem ersten Bundeswahlrecht, an dem Frauen teilnehmen durften, wird jeder NFS eine Reihe von Videos ausstrahlen, die die Arbeit einiger seiner inspirierenden Wissenschaftlerinnen vorstellen.

Die Videos sind auf Französisch, Deutsch und Englisch untertitelt und auf YouTube und Instagram verfügbar:

Videos auf Englisch / Videos auf Französisch

Ich bin wirklich fasziniert von der Welt der Quantenphysik. Sie fühlt sich so weit weg von unserer Realität an, und doch ist sie ihr Stoff.“ Chiara Decaroli

Habt keine Angst, neue Dinge auszuprobieren und euch selbst herauszufordern. Es öffnet neue Türen und Möglichkeiten.“ Mahsa Rahimi-Siegrist

Als ich in einer kleinen Stadt in Kentucky aufwuchs, hätte ich mir nie vorstellen können, Wissenschaftlerin zu werden. Aber ich habe es von Anfang an geliebt, in einem Labor zu arbeiten.“ Alyson Hockenberry

Für mich läuft es auf die Neugierde hinaus. Eine Frage führt zur nächsten. Zu versuchen, sie zu beantworten, ist herausfordernd, macht aber viel Spass.“ Inés Ariza:

„Das bisschen Haushalt …“ zum Zweiten

Esther Gisler Fischer Pfarrerin / lic. sc. rel.

„Das bisschen Haushalt macht sich von allein“ sagt mein Mann
„Das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein“ sagt mein Mann
„Wie eine Frau sich überhaupt beklagen kann, ist unbegreiflich“ sagt mein Mann.“

Mit diesem Lied schaffte es die Hamburger Schlagersängerin Johanna von Koczian im Jahre 1977 in die deutsche Hitparade. Mehr als 40 lange Jahre sind das her und nach wie vor wird tagtäglich geputzt, gekocht, Kinder und alte Menschen versorgt etc. etc. Dabei wird diese Art von Arbeit meist unbezahlt geleistet, meist in Privathaushalten und nach wie vor mehrheitlich von Frauen. Seit 1997 erhebt in unserem Land das Bundesamt für Statistik im sogenannten «Satellitenkonto Haushaltsproduktion» die entsprechenden Zahlen für die Schweiz. Am 11. Dezember 2017 wurden die neusten Daten publiziert:

„9,2 Milliarden Stunden sind im Jahr 2016 in der Schweiz unbezahlt gearbeitet worden. Das ist mehr als für bezahlte Arbeit aufgewendet wurde (7,9 Milliarden Stunden). Die gesamte im Jahr 2016 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 408 Milliarden Franken geschätzt… Die Frauen übernehmen 61,3% des unbezahlten Arbeitsvolumens, die Männer 61,6% des bezahlten Arbeitsvolumens… Die Hausarbeiten (ohne Betreuungsaufgaben) machen mit 7,1 Milliarden Stunden gut drei Viertel des Gesamtvolumens an unbezahlter Arbeit aus (77%). Die Betreuungsaufgaben für Kinder und Erwachsene im eigenen Haushalt lassen sich mit 1,5 Milliarden Stunden pro Jahr beziffern (16% des Gesamtvolumens) …“

Wo stehen wir heute im Jubiläumsjahr von 50 Jahren Frauenstimm- und -wahlrecht? Wie können Frauen Erwerbs- und Care-Arbeit befriedigend unter den sprichwörtlichen Hut bringen?Wie kann die unbezahlte Arbeit angemessen anerkannt werden? Sind wir inzwischen gar einer Wirtschaft, die nicht mehr das Geld, sondern die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ins Zentrum stellt, näher gerückt? Wie muss Wirtschaft neu gedacht werden, wenn offensichtlich in der Praxis etwas anderes als Geld im Zentrum steht? Wie haben die Politik, die Medien, die Wissenschaft, die Kirchen das Datenmaterial in diesem Sinne genutzt? Wie sieht die care-zentrierte Wirtschaft der Zukunft aus?

Diesen Fragen geht dieser Jahr die „7. Schweizer Frauensynode“ nach. Sie findet in der Corona-Variante dieses Jahr zum Thema ‚Wirtschaft ist Care‘ dezentral statt. Die erste Schweizer Frauensynode trug übrigens dazu bei, dass die unbezahlte Arbeit überhaupt statistisch erfasst wird: Mehr als tausend Frauen diskutierten am 6. Mai 1995 in der St. Galler OLMA-Halle zum Thema „Frauenarbeit zwischen Chrampf und Befreiung“. Sie unterstützten die entscheidende Motion 94.33-09 von Nationalrätin Christine Goll. Die Frauensynode wie auch die einschlägigen parlamentarischen Vorstösse stehen in der Tradition der feministischen Hausarbeitsdebatte der 1970er und 1980er Jahre. Fragen rund um Care-Arbeit, ausserhäusliche Kinderbetreuung und was sie kosten darf, sowie Care-Migrantinnen nahmen im Vorfeld, während und im Nachgang zum zweiten schweizerischen Frauenstreik vom 14. Juni  2019 wieder Fahrt auf.

Die Frauensynode2021 möchte zu diesem Perspektiven- und Paradigmawechsel beitragen: Weg vom Kreisen ums Geld hin zum Kerngeschäft der Wirtschaft, der Befriedigung von grundlegenden menschlichen Bedürfnissen und zwar für möglichst alle Menschen in unserem Land wie auf diesem unserem so schönen und verletzlichen Planeten.

Und zwischendurch putze und koche ich. Denn: „Das bisschen Haushalt …!

Links zum Thema:

Lied von Johanna von Koczian:
https://www.youtube.com/watch?v=NoZ050vCa8c

Satellitenkonto Haushaltproduktion:
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/unbezahlte-arbeit/satellitenkonto-haushaltsproduktion.html

Zur Frauensynode:
https://www.frauensynode2021.ch/

Frauenstreik 14. Juni 2021

Demokratie: Dampf machen

Liebe Leser*innen
Der 14. Juni ist für unsere Demokratie ein wichtiges Datum. 1981 haben die Schweizerinnen und Schweizer dem Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Gleiche Rechte für Mann und Frau» zugestimmt und diesen Grundsatz in die Verfassung aufgenommen. Pikantes Detail: Hätten die Männer allein abgestimmt, wäre der Grundsatz abgelehnt worden.
Es waren also mehrheitlich die Frauen, die auf die gleichen Rechte pochten. Seither wird immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass den gleichen Rechten auch die tatsächliche Gleichstellung im gelebten Leben folgen müsse. Damit tut sich unsere Gesellschaft nach wie vor schwer.

«Viele Frauen (und Männer) sind noch unzufrieden mit der Umsetzung dieses Demokratieaspektes. Sie sind auch bereit, das in der Öffentlichkeit zu zeigen, die Diskussion dazu zu führen.» Zita Küng
Wenn wir die Programmpunkte am 14. Juni 2021 schweizweit anschauen, dann ist klar: Viele Frauen (und Männer) sind noch unzufrieden mit der Umsetzung dieses Demokratieaspektes. Sie sind auch bereit, das in der Öffentlichkeit zu zeigen, die Diskussion dazu zu führen. Das ist nötig. Unsere Verfassung ist eben nicht «toter Buchstabe», sondern ein Recht!
Warum hat der Vorstand des Vereins CH2021 ein Manifest zum 7. Februar 2021 verfasst? Weil einerseits Bewusstsein geschaffen werden soll, dass selbst das Stimm- und Wahlrecht für die Schweizerinnen nicht automatisch über uns kam, sondern von Generationen von Frauen (und Männern) erkämpft werden musste. Andererseits weil den Leuten von heute auch deutlich werden soll, wie unwürdig und verachtend es für die Frauen vor 1971 war, dass ihnen dieses fundamentale Recht vorenthalten wurde.Im dritten Punkt fordert das Manifest: «Blick nach vorn: Call for Action! «Dampf machen». Wir fordern den Bundesrat auf, in der nächsten Session einen Tag des Erkennens und Anerkennens des Unrechts und der Konsequenzen der Verweigerung des Frauenstimmrechts anzusetzen. Ziel ist es, aus den identifizierten Defiziten einen zeitlich verbindlichen Aktionsplan zur Verwirklichung der rechtlichen und tatsächlichen Gleichstellung zu verfassen. Das gewonnene Wissen und Verständnis sollen dazu führen, dass sich die vereinigte Bundesversammlung, die Regierung, aber auch die Öffentlichkeit, besonders die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen, ihrer kollektiven Verantwortung für die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse bewusst werden, um Diskriminierung zu überwinden – in jeglicher Form.»Die Verantwortlichen und das gesamte Volk sind aufgerufen, diese Anliegen ernst zu nehmen.
Wir wünschen deshalb allen aktiven Frauen und Männern am 14. Juni 2021 viel Erfolg!Zita Küng, Präsidentin Verein CH2021

Die einzig denkbare Zukunft

Auch das Schweizer Frauenstimmrecht hat endlich einen runden Geburtstag erreicht – und wir Frauen, Femist*innen, Kämpfer*innen, Töchter und Mütter schauen zurück.

Zum Vergleich: Österreich feierte 2018 hundert Jahre Frauenstimmrecht. 2021 feiern wir 50 Jahre; dank Frauen wie Emilie Gourd, Antoinette Quinche oder die ehemalige SP-Ständerätin Emilie Lieberherr, die nicht locker liessen. Sie wollten die Frauen rechtlich  den Männern gleichgestellt sehen – das war ihre Vision.

Sie führten nach und nach das Frauenstimmrecht auf kommunalen Ebenen ein und sie warfen den Bettel nicht hin als die Schweizer Männer im Februar 1959 das Frauenstimmrecht ablehnten. Viel zu wichtig, viel zu grundsätzlich war dieses demokratische Anliegen der sogenannten ersten feministischen Welle, der Suffragetten und Egalitätsfeminist*innen.

Es waren auch diese Egalitätsfeminist*innen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgreich für die Ausweitung der Bildung auf Frauen* und ein Recht auf Arbeit einsetzten. Frauen und Männer sollten Gleichstellung erfahren. Auf den Schultern dieser stolzen Gigantinnen baut unser heutiger Kampf. Ein Kampf, der sich weiterentwickelt hat; inklusiver und differenzierter wurde. Anders als bei den Egalitätsfeminist*innen vor 50 Jahren und den liberalen Feminist*innen sind unsere Ziele radikaler, unsere Kämpfe vielfältiger.

Wenn der Frauen*streik 2019 fordert “Lohn, Zeit, Respekt”, dann wollen wir linken FINTs keine Gleichstellung mit den ebenfalls durch den Kapitalismus und das Patriarchat ausgebeuteten cis-Männern. Wir wollen keine Chancengleichheit in diesem maroden System, das endliche Ressourcen und die Natur behandelt, als wäre es Mary Poppins magische Reisetasche. Wir wollen nicht möglichst viele FINTs in die Teppichetagen der Konzerne pushen. Das wäre eine weitere Form der Meritokratie und damit geben wir uns nicht (mehr) zufrieden.

Wir wollen die feministische Revolution.

Unser Feminismus bedeutet mehr als Gleichstellung, manchmal vergisst das die Linke. Feminismus bedeutet für die Freiheit jedes einzelnen Menschen dieser Erde zu kämpfen, Unterschiede wahrzunehmen und zu respektieren. Es bedeutet “jede*r nach seinen*ihren Bedürfnisse und Möglichkeiten” statt “jedem Chancengleichheit auf gleiche Ausbeutung in der kapitalistischen Lotterie des Lebens”.

Linker Feminismus definiert Arbeit neu, integriert die unbezahlte Care Arbeit in ihre Überlegungen und anerkennt, wer den Löw*innenanteil eben dieser Arbeit in der Schweiz und global leistet. Eben nicht die Teppichetagen. Es sind die Mütter, die Pfleger*innen, die Kinderbetreuer*innen, die Putzkräfte, die Detailhandelsangestellten. Es sind die Näher*innen, Fabrikarbeiter*innen und Feldarbeiter*innen im globalen Süden. Alles mehrheitlich FINTs. Würden sie alle nur eine Stunde streiken, die Welt würde im Chaos versinken. Und dennoch wird diese Arbeit grossmehrheitlich gratis oder unter miserabler Entlohnung, sowie enormen Zeitdruck geleistet. Diese Arbeit muss erkannt und respektiert werden. Sie braucht Zeit und öffentliche Gelder.

Feminismus fordert ein gutes Leben für alle. Ein freies Leben. Wir FINTs müssen die Selbstbestimmung über unsere Körper, unsere Beziehungen, unsere Identitäten haben. Wir sind keine Geburtsmaschinen für neue Arbeitskräfte des Kapitalismus, Abtreibungen müssen allen zugänglich sein und bleiben. Wenn wir aber Kinder wollen, dann muss sich die Wirtschafts an uns orientieren – und nicht wir uns an der Wirtschaft.

Wir müssen nicht herkömmlichen Mustern wie Heteropartnerschaften, Ehen, Geschlechtern wie Mann und Frau folgen – wir können es, wenn wir wünschen. Wir sind divers; wir haben verschiedene Körperformen, Kulturen, Erfahrungen und Hautfarben. Wir haben verschiedene Bedürfnisse – ein Fakt der respektiert, ja gefeiert werden muss und nicht unter den Teppich gekehrt werden soll.

Unser Feminismus bekämpft strukturelle Gewalt – auch in den eigenen Reihen. Das heisst, wir fordern Platz und Repräsentation für alle. Unsere Forderungen müssen gehört und als gleichwertig angesehen werden.  Unser Kampf braucht Ressourcen.

Unser linker Feminismus ist mehr als Gleichstellung. Es ist ein Analyseinstrument, eine politische Praxis und die Utopie einer demokratischen Wirtschaft, die sich an den unterschiedlichen Bedürfnissen aller orientiert, einer Welt ohne Ausbeutung, Gewalt und Diskriminierung verlangt und Freiheit für alle garantiert.

Kurz: Es ist die einzig denkbare Zukunft.

Zu den Autor*innen: 

Tamara Funiciello ist Sozialistin und Feministin, Berner SP-Nationalrätin, Vorständin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und Co-Präsidentin der SP Frauen Schweiz.

Mia Jenni ist Sozialistin und Feministin, Teil der Geschäftsleitung der JUSO Schweiz und SP-Einwohnerrätin in Obersiggenthal (AG).

50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz

Das Irish Business Network Switzerland (IBN) ist ein Netzwerk aus Geschäftsleuten, die in der Schweiz leben und/oder arbeiten und irisch sind oder eine enge Verbindung zu Irland haben.

Am 4. März 2021 organisierte das Irish Business Network eine zum Nachdenken anregende Diskussion mit einer erlesenen Runde: Zita Küng, Präsidentin von CH2021 und erste Leiterin des «Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann» der Stadt Zürich; Alkistis Petropaki, General Manager von WeAdvanceMarialuisa Parodi, Präsidentin von FAFTplus, Tessin, und Tabi Haller-Jorden, ehemalige Leiterin von Catalyst, Europa, Präsidentin und CEO des Paradigm Forum. Die Expertinnen beleuchteten das Schweizer Frauenstimmrecht auf Bundesebene, das vor Kurzem sein 50. Jubiläum feierte, und teilten ihre reichen Erfahrungen mit dem Publikum.

Die Diskussionsteilnehmerinnen skizzierten die Geschichte dieses Stimmrechts und den steinigen Weg zur Gleichberechtigung, der noch lange nicht zu Ende ist. Beim Versuch, die aktuelle Situation zu verstehen, erinnerte IBN-Co-Präsidentin Geraldine O‘Grady an die «verinnerlichte Unterdrückung» der Frauen in der Schweiz, die angesprochen wurde. Geraldine O‘Grady fühlte sich an das erinnert, was einige Historiker und Historikerinnen als «erlernte Hilflosigkeit» bezeichnen, unter der die bitterarmen irischen Bauern zur Zeit der irischen Hungersnot litten.  Ein tragischer Fakt in der irischen Geschichte. Aber auch Fakt für die Schweiz und die Schweizerinnen, selbst heutzutage?

Infrastruktur und Hindernisse

Eine Diskussion über die aktuelle Situation, Fortschrittsbarrieren und die Notwendigkeit eines Kultur- und Mentalitätswandels brachte den Stein ins Rollen. Das Fehlen männlicher Teilnehmer an der Veranstaltung wurde mit Bedauern zur Kenntnis genommen, schliesslich seien Probleme im Zusammenhang mit der Gleichstellung der Geschlechter keine reine «Frauenangelegenheit». Vielmehr wirken sie sich auf alle Mitglieder einer Gesellschaft negativ aus – hier und überall.

Die Infrastrukturprobleme in der Schweiz mit lückenhaften Stundenplänen, mangelnder Kinderbetreuung, Erwartungen an den Platz der Frau in der Gesellschaft und die Zahl der teilzeitarbeitenden Frauen – die höchste in allen OECD-Mitgliedsstaaten – waren Teil der Diskussion. Während Teilzeitarbeit angesichts der familienunfreundlichen Schul- und Kinderbetreuungsinfrastruktur kurzfristig eine gute Lösung zu sein scheint, ist die Zahl der Frauen, die im Rentenalter keinen Zugang zu angemessenen finanziellen Mitteln haben, inakzeptabel – die Feminisierung der Armut ist ein sehr reales Problem.

Finanzielle Unabhängigkeit

Angesprochen wurden auch die Themen finanzielle Unabhängigkeit und Sicherheit und es wurde betont, wie wichtig es ist, dass Frauen finanziell für ihr Wohl verantwortlich sind.  Wir erfuhren, dass in den USA zwar fast 30 % der Frauen zwischen 18 und 35 Jahren mehr verdienen als ihre Partner, doch eine Verschiebung sehr wahrscheinlich wird, sobald Kinder ins Spiel kommen. Ab diesem Augenblick stossen Frauen in der Regel auf Barrieren und müssen harte Entscheidungen treffen. Diese Situation führte bzw. führt zu einer starken Abhängigkeit der Frauen von ihren Partnern. Daher ist es notwendig, dass junge Menschen über finanzielle Verantwortung aufgeklärt werden, und zwar schon in jungen Jahren.

Mentalitätswandel

Was ist nötig, um die Mentalität einer Gesellschaft zu ändern, damit Gleichbehandlung und Chancengleichheit gewährleistet sind? Die Wahrnehmung, dass Kinder darunter leiden, wenn Frauen paritätisch im Berufsleben vertreten sind, muss dringend geändert werden. Tatsächlich belegen mehrere Schweizer Studien einen positiven Zusammenhang zwischen dem Besuch von qualitativ hochwertigen Kindertagesstätten und schulischen Fortschritten, wie IBN Co-Präsidentin Brigid O‘Donovan im Chat mitteilte.

Müssen wir uns verändern oder das System, in dem wir arbeiten? In der anschliessenden Diskussion wurden wichtige Themen beleuchtet, nämlich die Aufklärung und Sensibilisierung in Unternehmen sowie die notwendige Zivilcourage, für sich selbst einzustehen. Die Moderatorin dieser Diskussion, Mary Mayenfisch, bestand auf der Notwendigkeit eines besseren Schutzes und einer besseren Gesetzgebung, damit solch mutige Menschen gehört und geschützt werden. Interessanter Fakt am Rande: Bis heute ist der Schutz von unbequemen Stimmen und Whistleblowern nicht im Schweizer Gesetz verankert. Es braucht Zivilcourage, um notwendige gesellschaftliche Veränderungen zu realisieren, genauso wichtig aber ist der gesetzliche Schutz derjenigen, die solche Veränderungen fordern. Die Teilnehmenden wurden aufgerufen, nicht einfach auf die notwendigen politischen Veränderungen zu warten, sondern sich zu fragen, ob sie selbst Role Models für die Werte sind, die sie in Bezug auf Gerechtigkeit vertreten. Was hat jede Einzelne und jeder Einzelne von uns unternommen, um unser Engagement für diese Zielsetzung zu zeigen?

Frauen in Politik und Wirtschaft

Die Diskussion ging über zur Bedeutung von Frauen in der Politik; dazu wurde auf zwei kürzlich in der Schweiz durchgeführte Studien verwiesen1]. Zu den angesprochenen Themen gehörten der Konflikt zwischen Wirtschaft und Betreuung, die grosse Menge an unbezahlter und wenig beachteter Care-Arbeit, die Frauen für die Gesellschaft leisten, und der erfreuliche Anstieg der Zahl von Frauen, die in die Politik eintreten.

Mit Blick auf den Unternehmenssektor verwies Alkistis Petropaki auf die Arbeit mit der Universität St. Gallen, den Gender Intelligence Report und den Maturity Compass sowie die Messung der vier Stufen der Gender Maturity.

Die anwesenden Rednerinnen merkten an, dass ein höherer Frauenanteil in den Vorständen zu höheren Gewinnen führt. Eine der Teilnehmerinnen in der Diskussionsrunde zitierte dazu Viviane Reding, ehemalige Vizepräsidentin der Europäischen Kommission: «I don’t like quotas, but I like what they do» (Ich mag keine Quoten, aber ich mag, was sie tun). Angesichts der eindeutigen Faktenlage, nämlich dass vielfältige Teams und Vorstände von Unternehmen für bessere Retouren sorgen, stellt sich die sehr berechtigte Frage, warum es in der Schweiz nicht mehr Frauen in den Vorständen gibt.[2]

Und wie sieht es mit der Schnittmenge zwischen Frauen in der Politik und Frauen in der Wirtschaft aus? Könnte man in der Schweiz eine Allianz bilden, um Veränderungen stärker voranzutreiben? Viele multinationale Unternehmen, die hier tätig sind, sind sehr um Vielfalt, Inklusion und Gleichberechtigung bemüht, aber gehen sie auf die Schweizer Politikerinnen und Politiker zu, die für dieselben Rechte kämpfen?

Beim Blick auf andere Länder – hier Ruanda – wurde bemerkt, dass dieses Land die höchste Anzahl von weiblichen Parlamentariern in der Welt und eine unglaublich effektive Regierung hat. Ein gutes Role Model also für die Schweiz?

Schliesslich wurden die Nutzung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) durch Unternehmen, um eine bessere Leistung und Governance zu gewährleisten, angesprochen, die geringe Anzahl von Frauen in der Schweiz, die bereit sind, sich frühzeitig unternehmerisch zu betätigen (7,3 % im Vergleich zu 12,3 % der Männer), die Notwendigkeit, Frauen zu sponsern statt zu betreuen, die Rolle der Soziologie und ihre Bedeutung für den Fortschritt sowie die ungleiche Verteilung der Arbeit. So viele interessante Themen, für die am Ende leider viel zu wenig Zeit war.

Falls Sie sich weiter in die Materie einlesen möchten, legen wir Ihnen dieses Manifest ans Herz, das Zita Küng und der Vorstand von CH2021 am 7. Februar 2021, dem 50. Jahrestag des Frauenstimmrechts, an den Bundesrat geschickt haben und in dem die Schweizer Regierung dringend aufgefordert wird, einen Aktionsplan für eine echte Gleichstellung zu erstellen … und zwar jetzt!

[1] Tresch, Anke; Lauener, Lukas; Bernhard, Laurent; Lutz, Georg et Laura Scaperrotta (2020). Élections fédérales 2019. Participation et choix électoral. FORS-Lausanne. DOI: 10.24447/SLC-2020-00002.

Seitz, Werner (2020). Die Frauen bei den eidgenössischen Wahlen 2019: Ein grosser Schritt nach vorne – im Bundeshaus. Mit einem Exkurs zu den Frauen bei den Wahlen in den kantonalen Parlamenten und Regierungen 2015/2019. Eidgenössische Kommission für Frauenfragen EKF. Bern, Juni 2020, S. 24

[2] https://www.schillingreport.ch/content/uploads/sites/2/2021/02/Medienmitteilung_2020.pdf

Über Mary Mayenfisch-Tobin

Die irische Anwältin Mary Mayenfisch-Tobin arbeitete in verschiedenen privaten Rechtsanwaltskanzleien in Irland, bevor sie 1987 nach ihrer Heirat nach Lausanne zog. Sie studierte Französisch und schloss 1992 ihr LLM in europäischem und internationalem Wirtschaftsrecht an der Universität Lausanne ab und qualifizierte sich 2017 als Mediatorin. Nach ihrer Lehrtätigkeit an der Ecole Hotelière de Lausanne, der Pepperdine University (Schweiz) und anderen akademischen Institutionen ist sie auch heute noch im Bildungsbereich tätig. Präsidentin von Business and Professional Women Lausanne (2010 bis 2014), ist sie nun Präsidentin von CLAFV Centre de Liaison des Associations Féminines, ein nominiertes Mitglied der Commission Consultative Cantonale de l’Egalité und Mitglied des Ausschusses von Politiciennes.ch im Kanton Waadt.

Swiss democracy and the public humiliation of women

Der folgende Blogbeitrag in der Originalsprache wurde uns freundlicherweise von Gender Campus, der Plattform für Gender Studies, Equality und Diversity im Schweizer Hochschulraum, zur Verfügung gestellt. Danke auch an die Autorin Patricia Purtschert.

This year, Switzerland remembers the introduction of voting rights for all its citizens. Fifty years ago, on February 7, 1971, women were enfranchised. This moment was preceded by 123 years of male-only suffrage, granted in 1848 to a selected group of men that initially excluded poor and Jewish men. Even today, voting rights are not granted for anyone without a Swiss passport.

The 50-year anniversary opens up important discussions about the injustice done to women, including the call for an official apology. The CH2021 initiative has published a manifesto proposing that the Federal Council launch an official “day of remembrance” in parliament, and commit to a “binding action plan to realize true equality”.

In this blog entry, I want to take a close look at one dimension of the injustice done to women. Referring to six moments in the lives of path-making women, my aim is to make visible the specific humiliation directed at women who have dared to enter the public space in order to raise their voice and participate in political decision-making. On the level of national politics, this history includes the social democratic politician Lilian Uchtenhagen who lost her attempt to be voted onto the Federal Council in 1983; the forced resignation of the first female Federal Councilor Elisabeth Kopp in 1988; and the parliament’s refusal to re-elect Ruth Metzler as the third female Federal Councilor in 2003. However, and as the stories below demonstrate, the long and largely unacknowledged history of women’s humiliation in the public sphere both affects and transcends the realm of parliamentary politics. That’s why I start narrating this history of humiliation not from within the parliament – the building itself – but from the public square right in front of it.

On the 22nd of September 2020, a Black woman whose name remains unknown, marches in a demonstration, initiated by illegalized people from different parts of Switzerland. The protest raises the unbearable conditions in which people must live when denied the right to asylum in Switzerland. The protestors, mainly people of color, hold posters with slogans like, “Don’t deal with human lives”, “I don’t want to live in prison” and “Asylum camps are places of violence”. When the group starts marching towards the parliament building in order to take their demands to the seat of Swiss government, they are brutally stopped by the police. With rubber bullets and water cannons, the demonstrators are prevented from entering the Bundesplatz, the public square in front the parliament building. The protesting woman I just mentioned is pregnant and walks together with her child who starts crying when the tear gas hits the crowd. Imagine how it feels when a supposedly democratic state forbids you from being in a public space in order to stand up for your human rights.

On the 5th of May 2011, Maria von Känel leaves the Swiss Federal Court in Lausanne together with her partner Martina and a group of LGBTQ activists. She has just lost her case to adopt their daughter and thus receive parental rights for her own child. Imagine the vulnerability of having one’s intimate relations put on trial like this. The court has argued that the couple had been living in a so-called registered partnership for only three years whereas heterosexual couples needed to be married for five years in order to qualify for a stepchild adoption. The court did not take into consideration how married heterosexuals do not need to adopt their own children in the first place. It also did not recognize that Maria von Känel and her partner, who had been together for thirteen years, were prevented from legally registering their relationship until 2007. In 2018, stepchild adoption for same-sex parents is finally introduced in Switzerland after a continuous struggle, one in which Maria and Martina von Känel have played a decisive role. Even in 2020, when the Federal Parliament voted in support of marriage equality, recognition for children born into a marriage between two women is still restricted by arbitrary, nationalist criteria. At the time of writing, right-wing and fundamentalist religious groups are collecting signatures for a referendum to block the introduction of the marriage equality law.

On the 10th of March 1993, National Councilor Christiane Brunner stands before parliament and withdraws her candidature for a place on the Federal Council. In her speech, she condemns the underhanded culture of politics “in which women can only loose”. For weeks, she has been targeted in a media campaign initiated by an anonymous letter-writer claiming that she had had an abortion and that the writer possessed a nude photo of her. Imagine the courage it takes to hold patriarchal politics accountable at the very moment of your exclusion, all hinging on completely baseless sexist and classist accusations. The subsequent election of a male politician and the reconstitution of an all-male government brings feminist protesters from all over the country to the capital, prompting new elections one week later. It is then that the unionist Ruth Dreifuss becomes the second female and the first Jewish Federal Councilor in Swiss history. Right after her election, she addresses the crowd in front of the parliament building, with Christiane Brunner by her side. For many years, the golden sun badge that they both wear on this day is worn by Swiss women as a symbol of both hope and rage.

On the 30th of November 1971, shortly after Swiss women finally got the right to vote, the first eleven women take their seats in the National Assembly. Among them is Tilo Frey, probably the first Black parliamentarian in Switzerland. This epoch-making shift in political representation is barely touched upon in the media. When it does get mentioned, newspapers write about flowers, colorful handbags, and scarfs adorning the parliament chambers. Tilo Frey is repeatedly singled out, and her political abilities are questioned, for wearing a white dress – the color of suffragettes and festive occasions. The parliamentary dress code is, needless to say, oriented towards men: dark suits. Imagine the affront when such a historic moment is depicted as a side note, women’s political representation reduced to a matter of etiquette, and the one Black woman is portrayed as failing on both counts.

In February 1959, the Basel carnival has a predominant target: women’s struggle for suffrage thwarted by the all-male vote on February 1st. The central target of the spectacle is Basel-based author Iris von Roten, whose feminist magnum opus “Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau” (“Women in the Playpen. Plain Words about the Situation of Women”) provoked huge public debate before the vote. Many years of careful research preceded the publication of Iris von Roten’s long (600 pages), brilliant and ground-breaking book in fall 1958. Imagine the indignity of your encompassing analysis of contemporary patriarchy being ridiculed in a carnival parade celebrating another victory of men over women. Women’s suffrage is introduced in Switzerland in 1971, making Iris von Roten a full citizen at the age of 54. Her book remains an inspiration and an incentive for feminists to this day.

In February 1939, Frieda Berger, whose name is anonymized due to archival law, writes to Federal Councilor Philipp Etter. It is one of many letters she has sent to decision-makers, stating, in startlingly clear language, that the deprivation of her freedom without a trial was a severe violation of her rights. Frieda Berger earned her livelihood as a domestic worker in households and on farms. In 1930, at the age of 36, she had been placed under guardianship due to “unruly behavior”. Her main offence was her romantic and sexual relations with men she was not married to and her alleged involvement in prostitution. Over the next four decades she spent fifteen years in asylums against her will. Most of her letters to the authorities remained unanswered or poorly answered. Imagine having your freedom in the hands of men who refuse to hear your voice, even if you appeal to the rule of law. Many years after Frieda Berger’s death, historian Tanja Rietmann discovered over 130 of her letters in archives and made her story public. Then, on the 10th of September 2010, 71 years after Berger sent her letter to a member of the Federal Council, Federal Councilor Eveline Widmer-Schlumpf made an official government apology to the many people forced into administrative detention [administrative Versorgung].

These are just six out of many untold stories about Swiss democracy. They refer to various places and protagonists, to diverse struggles and victories, and to very different historical circumstances and contexts. They also make apparent how women’s ability to raise their voices and to gain access to public space is always intertwined with their class, race, sexuality, nationality, or legal status. My aim is not to claim that these women share the same or even similar experiences. Instead, I want to highlight the ongoing practice of humiliating women when they do try to enter the public arena, and the way their humiliation is normalized by the very people who are supposed to represent and uphold “Swiss democracy”.

Writing Swiss history from a feminist perspective means comprehending how the humiliation of women sets the ground for their complicated feelings of un/belonging in the public. This generates a deep sense of anxiety, uneasiness, and trepidation, one which is rarely taken into account when we talk about democracy, participation, and equality. It is a collective affect so often engraved on the faces, voices, and bodies of women exposed to public humiliation. And it is inscribed in the hearts and minds of those who watch(ed) them, including the girls who learn to imagine what their place in the world might be. Yet, the steadfastness, rage, and perseverance of these women also constitutes the ground for political action, social change, and the re-invention of the political – often in ways that could not have been imagined possible before.

Über Patricia Purtschert: 

Patricia Purtschert ist Philosophin und Kulturwissenschaftlerin sowie Professorin für Gender Studies und Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG) an der Universität Bern. 

Ein Mantra für die grossartige Emanzipation

Es ist ein Mantra, eine magische Formel, die immer und immer wieder in Kreisen braver Stimmbürgerinnen gemurmelt wird: «Zwar haben wir nun das Frauenstimm- und -wahlrecht, ABER noch ist die wirkliche Gleichberechtigung SO FURCHTBAR WEIT WEG». Stimmt – mindestens in einigen Punkten. Aber wieso wird nicht gejubelt: «Wir haben es nun geschafft, dass das Frauenstimm- und -wahlrecht eingeführt wurde, nun schaffen wir noch weitere Grossartigkeiten»?

Rogger Franziska, «Wir werden auf das Stimmrecht hinarbeiten!» NZZLibro, Basel 2021

Die Frauen, die letztlich den Sieg von 1971 lancierten, haben um 1900 sehr klein angefangen, mit minimalen Chancen und schlechten Startbedingungen. Das zeigt mein neues Buch: «Wir werden auf das Stimmrecht hinarbeiten». Nachdem das Buch «Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte» detailliert den langen aber letztlich siegreichen Kampf der Schweizerinnen bis 1971 geschildert hat, so geht es nun um die Anfänge der schweizerischen Frauengeschichte um 1900. Dieses Buch zeigt das pralle Leben und wie Frauen dank eigenen Erfahrungen dazu kamen, zu handeln. Die Geschichte ist aus weiblichem Blickwinkel und mit authentischen Quellen erzählt.

Eine dieser Frauen war die bis heute völlig ignorierte Julie Ryff, eine Mutter von 13 Kindern, eine Witwe, die mit fünfjährigen Gerichtshändeln die Auszahlung ihrer gerechten Lebensversicherung erstreiten musste, eine Stellenlose, die sich als Buchhaltungslehrerin neu erfand und die sich ans Motto hielt: «Agissons nous-même!». Ryff (1831-1908) mischte sich in die Gesetzgebung ein, leitete eine grundlegende nationale Umfrage, gab «der Stauffacherin» die Ehre und suchte, ein Frauensekretariat zu schaffen. Obwohl sie erst im Rentenalter aktiv werden konnte, schuf sie Beachtliches und wurde in der frühen Frauenpolitik und in meinem Buch zu einer Hauptfigur.

Zwei dieser Frauen trafen sich 1881 im Walliser Kurort Leukerbad. Die in Boston USA praktizierende englisch-australische Ärztin Harriet Clisby hatte nur einen bescheidenen medizinischen Abschluss erreichen können, da das gleichwertige Frauenstudium damals noch unmöglich war und hatte 1877 mitgeholfen, in Boston eine Selbsthilfe-Union zu gründen. Sie sollte Bildung und Arbeitsbedingungen der Frauen verbessern. Beim Kuren traf Clisby auf die unglücklich verheiratete Schweizerin Emma Pieczynska-Reichenbach, die kinderlos ihre «gottgegebene» Frauenrolle nicht ausfüllen konnte. Sie fand letztlich dank Clisby eine neue, ebenso erfüllende Bestimmung und die beiden wurden eine Stütze der in frühen Vereinen engagierten Schweizerinnen.

Eine dieser Frauen, Bertha Honoré Palmer Potter in Chicago, war schön, reich und einflussreich. Ihr Geld, ihre Beziehungen und ihr Tatendrang stellte sie in den Dienst der Frauen. Sie präsidierte an der Spitze der Weltausstellung von Chicago 1893 «the Women», die ein eigenes Gebäude und eine eigenständige Show schufen und deren internationaler Kongress zum Ausgangspunkt nationaler Dachverbände wurde, etwa dem deutschen und dem schweizerischen.

Eine dieser Frauen, Elise Egger-Honegger hatte mit sieben Kindern und einem Mann, der mehrfach Konkurs ging, im Gefängnis sass und sich immer wieder der Trunksucht hingab, ein bedauernswertes Eheleben. Mit ihren schmerzlichen Erfahrungen war sie frauenpolitisch gerüstet. Sie gründete 1879 die Schweizer Frauen-Zeitung und 1885 den Schweizer Frauen-Verband, engagierte sich zivilrechtlich und forderte Mädchenbildung, Frauenerwerbsarbeit und den Zugang der Frauen zu den Männerberufen ein.

Eine dieser Frauen war ein Mann. Carl Schenk, das im Internat erzogene Emmentaler Waisenkind, war 1847 Freischärler, dann Feldprediger und Bundesrat. Schenk interessierte sich für die Ursachen der Armut und die Anliegen der Frauen. Mit dem Post- und Telegrafendienst erschloss er Schweizerinnen ein neues, attraktives Berufsfeld. Als Präsident der Einwohnermädchenschule Bern sorgte er dafür, dass die Frauen das Stimmrecht in Schulfragen erhielten.

Alle begannen sie klein und erreichten viele Grossartigkeiten – damals sogar noch ohne Frauenstimm- und -wahlrecht!

Mehr Informationen über Franziska Rogger:

Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte. https://franziskarogger.com/ und https://hommage2021.ch/geschichte

*Porträtbild von Yoshiko Kusano