Jetzt handeln, um 2021 Grund zum Feiern zu haben

Marialuisa Parodi

Während wir uns fragen, wohin uns die Krise, die wir gerade erleben, führen wird, bereitet ein Thema Anlass zu grosser Sorge. Wie werden sich die Arbeitsbedingungen derjenigen entwickeln, die bereits den höchsten Preis zahlen, dabei aber bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen keinerlei Mitspracherecht haben (oder je hatten): die Frauen.

Sie stehen bei den Gesundheits- und Pflegeberufen an vorderster Front. Weltweit machen sie 70 % der Belegschaft aus, besetzen gleichzeitig aber nur ein Viertel der Führungspositionen und werden laut WHO und UNO im Durchschnitt 28 % schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Bedingungen, die schlicht nicht mehr hinnehmbar sind, angesichts der Risiken und Anstrengungen, denen die Frauen ausgesetzt sind, während sie sich für die gesamte Menschheit aufopfern.

Überall auf der Welt waren es die Frauen, die bei Ausbruch der Epidemie als Erste ihre bezahlte Arbeit aufgaben, um sich ohne Wenn und Aber um ihre Familien zu kümmern. Ob selbstständige Kosmetikerin oder Geschäftsführerin eines Grossunternehmens: Wir alle haben sofort auf die Notwendigkeit reagiert, uns um unsere Familien zu kümmern, insbesondere nachdem die Schulen schliessen mussten, die Krankenhäuser Infizierte mit schwachen Symptomen nicht mehr aufgenommen haben und ältere Menschen auf Hilfe angewiesen waren, um sich nicht der Ansteckungsgefahr auszusetzen.

Ganz zu schweigen von den zahllosen Frauen, die auf Abruf arbeiten: die Verkäuferinnen, die Coiffeusen, die Arbeiterinnen, aber auch die weiblichen Haushaltshilfen, die Babysitterinnen, die Betreuerinnen, sprich die ganze Bandbreite an wenig respektierten und schlecht bezahlten Jobs, die die Zeitung Repubblica als „den harten Kern der italienischen Wohlfahrt“ definiert hat. Man könnte auch sagen: der weltweiten Wohlfahrt. Bei all den Hilfsmassnahmen, die die Staaten derzeit ergreifen, gibt es keinerlei Unterstützung für die Berufe, denen Frauen im Zusammenhang mit ihrer unbezahlten Arbeit in den eigenen vier Wänden nachgehen und die laut McKinsey sage und schreibe 10 Billionen US-Dollar bzw. 13 % des globalen BIP ausmachen.

Das alleine wäre schon genug. Aber es kommt noch schlimmer, nämlich in Form von häuslicher Gewalt, die buchstäblich explodiert ist, seit sich die Familien in häusliche Zwangsquarantäne begeben mussten. Der Alarm, der von China in die Welt hinausging, hat sich in allen Ländern, die sich im Lockdown befinden, in derselben Geschwindigkeit verbreitet wie das Virus selbst.

Daher ist es nicht hinnehmbar, dass Frauen bei der Ausarbeitung von wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbauplänen fehlen und die Beseitigung der Geschlechterungleichheit kein strategisches und wirtschaftliches Ziel ist.

Die Federazione delle Associazioni Femminili Ticinesi FAFTPlus hat sich schriftlich an die Tessiner Regierung gewandt und anschliessend eine Online-Petition gestartet, in der sie Folgendes fordert:

  1. Qualifizierte Repräsentantinnen an den Orten des Wiederaufbaus zu Arbeits- und Entscheidungsprozessen, die eine Vielfalt an Visionen, die Erweiterung des Kompetenzspektrums und die Integration verschiedener Teile der Gesellschaft gewährleisten.
  2. Schliessung des Gender-Gaps als strategisches Ziel, insbesondere bei Prozessen der öffentlichen Ausgaben, unter Einbeziehung der auf dem Gebiet bereits vorhandenen Erfahrungen und Ressourcen zum Gender Budgeting, auch durch eine spezielle Task Force.
  3. Gender-Statistiken als Leitfaden für Interventionspläne nach Krisen und Gewährleistung effizienter Wiederaufbaumassnahmen unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt und der unterschiedlichen Auswirkungen der Gesundheits- und Wirtschaftskrise.
  4. Die Sichtbarkeit weiblicher Kompetenz und der Rolle der Frauen bei Sanierungsaktivitäten, um die Präsenz von Frauen in den Medien und im öffentlichen und politischen Raum zu fördern, insbesondere von Expertinnen, die auf verschiedenen Ebenen in Arbeitsgruppen tätig sind. Die Vermittlung eines neuen Konzepts einer inklusiven Führung ist notwendig und entscheidend.

Der enorme Erfolg dieser Petition belegt, dass alle Bürger, Frauen wie Männer, die Gleichstellung der Geschlechter als ein Ziel betrachten, das nicht mehr aufgeschoben werden darf. Es ist Aufgabe der Politik, trotz und gerade angesichts der Notlage, in der wir uns befinden, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Im Jahr 2021 jährt sich das Frauenstimmrecht in der Schweiz zum 50. Mal, aber die aktuelle Pandemie droht den Status der Frauen noch weiter zu untergraben.

Wir müssen jetzt darüber nachdenken, welche Zukunft wir uns wünschen und welche Vision die Politik von sich, der Welt und der Rolle der Frau haben will. Nur so können wir dieses Jubiläum 2021 mit gutem Grund und Gewissen feiern.