50 Jahre Frauenstimmrecht 2021 – (k)eine Selbstverständlichkeit

Maria Bonina

Zu Beginn meiner Arbeit als Geschäftsführerin vom Verein CH2021 habe ich mich mit dem Thema Frauenstimmrecht vertraut gemacht. Die erste Überraschung war, dass die umliegenden Länder das Frauenstimmrecht viel früher erhalten hatten: Deutschland und Österreich 1918, Frankreich 1944 und Italien 1946. 50 Jahre Frauenstimmrecht sind also ziemlich jung. Ich habe mir auch Gedanken gemacht, wie das Stimmrecht und die Gleichberechtigung mein Leben beeinflusst haben.

Eine bleibende Erinnerung ist auf jeden Fall die Abstimmung vom 7. Juni 1970, die «Schwarzenbach-Initiative» zur sogenannten Überfremdung der Schweiz. Ich war zwar erst 4 Jahre alt, doch ich bekam die Anspannung und Angst trotzdem mit. Meine Eltern waren in den 50er Jahren zum Arbeiten aus Italien in die Schweiz gekommen; ich bin also eine sogenannte «Seconda». An diesem Sonntag sassen wir gebannt vor dem Radio und warteten auf das Resultat. Wir hatten Angst, dass wir die Koffer packen müssen und zurück in das Land sollten – ein Land, welches ich kaum kannte. Die Vorlage wurde zum Glück abgelehnt, doch das Gefühl, dass wir nicht willkommen waren, blieb lange Zeit bestehen.

Nach der obligatorischen Schule entschied ich mich für eine Lehre als Schriftsetzerin. Damals wurde dieser Beruf von Männern dominiert. Das erste halbe Jahr durfte ich noch die Kunst des Bleisatzes erlernen, dabei waren die schweren Druckformen oft eine körperliche Herausforderung. Als ich Jahre später als Produktionsleiterin in der Werbebranche arbeitete, musste ich zur Druckabnahme einer Zeitschrift oft spätabends in die Druckerei (die Druckmaschinen laufen auch nachts). Die meist gestandenen Männer waren manchmal überrascht, wenn da eine Frau kam. Als ich das erste Mal die Maschinen stoppen liess, weil ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden war, haben mich die Herren ziemlich kritisch beäugt, doch am Schluss behielt ich recht; die Qualität war nicht perfekt.

1982 absolvierte ich einen Kurs als Sportjournalistin. Wir waren damals nur drei Frauen und beinahe 60 Männer. Meinen Traum Sportjournalistin zu werden, habe ich leider rasch begraben. Die Hürden waren zu dieser Zeit immens, Frauen als Sportjournalisten gab es damals praktisch noch nicht. Ich schrieb vorwiegend über Eishockey und Fussball, das war dann sowieso überhaupt nicht gern gesehen.

Meine Leidenschaft für Fussball hat es mit sich gebracht, dass ich mit Frauenfussball begonnen habe. Dieser steckte damals noch in den Anfängen und es waren nur wenige Teams, die an der Meisterschaft teilgenommen haben. Heute ist der Frauenfussball etwas populärer, aber noch immer wird dieser belächelt. Aktuell findet im FCZ Museum eine Sonderausstellung zum 50-jährigen Frauenfussball-Jubiläum in der Schweiz statt.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich keine Erklärung dafür habe, wieso ich an klassischen «Männerberufen» oder an «Männersportarten» Gefallen fand.

Was das Stimmrecht angeht, so musste ich lange auf die Gelegenheit warten abstimmen zu dürfen. Als Ausländerin, die in der Schweiz geboren ist und hier die Schulen besucht hat, stand für mich irgendwann fest, dass ich und meine Familie das Schweizer Bürgerrecht beantragen sollten. Die Hürden für diesen Schritt waren hoch und die Behandlung war oft auch erniedrigend, wir mussten dafür kämpfen. Es war dann ein besonderer Moment, als ich zum ersten Mal das graue Abstimmungscouvert per Post auf meinen Namen erhielt.

Als meine ältere Tochter kurz nach ihrem 18. Geburtstag ihre Abstimmungsunterlagen erhielt, war ich froh, dass ihr vor 50 Jahren der Weg geebnet wurde und sie als Frau von heute nicht mehr dafür kämpfen muss.

Vergessen wir aber nicht, wie beschwerlich der Weg zum Frauenstimmrecht oder zum Stimmrecht allgemein war und immer noch ist. Auch der Weg zur Gleichstellung ist immer noch ziemlich lang und leider auch heute immer wieder eine Herausforderung.