Das bisschen Haushalt

Elke Zappe

Gleichberechtigung ist keine Privatsache. Wer glaubt, dass sich die Anliegen von Frauen um das bisschen Haushalt drehen, verkennt die Tatsache, dass Frauenrechte ein wirtschaftlicher Faktor sind und dass die Präsenz von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft markante Verbesserungen nach sich zieht. Dies natürlich nicht, weil Frauen per se die besseren Menschen wären, sondern weil das Zusammenkommen unterschiedlicher Erfahrungshorizonte schlicht die besseren Resultate liefert.

Robuste Gesellschaften sind Gesellschaften, in denen «diversity» gelebt und als Chance begriffen wird. Jüngstes Beispiel ist ganz sicher die Corona-Krise, die von Regierungen mit einer Frau an der Spitze deutlich besser gemanagt wurden. Länder wie etwa Deutschland, Finnland oder Neuseeland, die von Frauen regiert werden, reagierten rasch und umsichtig und konnten so die Kurve der Neuansteckungen nach unten drücken. Angela Merkel, Sanna Marin und Jacinda Ardern haben ihren Job beneidenswert gut gemacht. Wenn man dagegen die Zahlen aus den USA studiert, wird klar: Männliche Selbstüberschätzung tötet. Das katastrophale Krisenmanagement von Donald J. Trump hat 130’000 Amerikaner das Leben gekostet. Dies und die ungebremste Rate der Neuansteckungen werden Folgen für die amerikanische Wirtschaft haben. Was die amerikanischen Bürger derzeit am meisten fürchten, ist ein ständiges Stop-and-Go zwischen Lockdown, Lockerung und erneutem Lockdown.

Vielleicht ist die Krise ein guter Moment, um daran zu erinnern, dass die Gleichstellung einen positiven Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen eines Landes hat. Wenn Frauen in sich und Gesellschaften in Frauen investieren, wird die Wirtschaft insgesamt wettbewerbsfähiger. Zum einen, weil sich der Pool an Fachkräften verdoppelt, zum anderen weil eine grössere Auswahl auch die Qualität der Leistungen verbessert. Ganz abgesehen davon, dass gemischtgeschlechtliche Gremien die besseren Entscheidungen fällen, wie man in paritätisch besetzten Verwaltungsräten gut sehen kann. 2021, wenn das Schweizer Frauenstimmrecht seinen 50. Geburtstag feiert, sollte die Gleichstellungsdiskussion erneut und sehr intensiv geführt werden. Immer noch werden Frauen in der Schweiz bei der Entfaltung ihres Potenzials stark behindert. Dies ist nicht nur für die Frauen persönlich ein Frust. Es geht hier um weit mehr, nämlich um die Frage, ob die Schweiz es sich leisten kann, auf qualifizierte und hochqualifizierte Fachkräfte zu verzichten, nachdem man sehr viel staatliches und privates Geld in deren Ausbildung investiert hat.

Um nur ein Beispiel zu nennen: In der Schweiz gibt es mehr Medizinstudentinnen als Medizinstudenten. Ausgebildete Ärztinnen jedoch werden von männlich geprägten Strukturen und von der Unmöglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, wieder aus der beruflichen Laufbahn hinauskomplimentiert. In ihrem Buch «Unsichtbare Frauen» weist die Journalistin Caroline Criado-Perez minuziös nach, wie solche Brüche zustandekommen. Im Wesentlichen gründen sie auf Datenlücken. Der unausgesprochene Standard ist das Karrieremodell des Mannes, der die Kinderbetreuung Frauen überlässt. Dieser Standard modelliert berufliche Laufbahnen und lässt die Bedürfnisse von Frauen, die in der Medizin und anderswo Karriere machen könnten und möchten, unberücksichtigt. Dies musste auch die heute 46jährige Oberärztin Natalie Urwyler erfahren, die im Juni 2020 eine Klage gegen das Berner Inselspital eingereicht hat. «Lange verlief die Karriere von Natalie Urwyler wie am Schnürchen: Medizinstudium, Doktorat, Assistenz, Forschungsstelle an der renommierten Stanford-Universität in Kalifornien, Habilitation und schliesslich ein unbefristeter Anstellungsvertrag als Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie des Inselspitals Bern», fasst Regula Freuler in der NZZ zusammen. Der Bruch kommt, als Urwyler auf Mutterschutz pocht, weil schwangere Inselspital-Angestellte bis zu 80 Stunden pro Woche arbeiteten, obwohl das gesetzliche Maximum bei 45 Stunden liegt. 2013 wird Urwyler selbst Mutter, beantragt ein 80%-Pensum, das ihr nicht bewilligt wird. Dazu noch wird ihr vom Berner Inselspital die Forschungs- und Lehrtätigkeit gestrichen. Fünf Monate nach einer aufsichtsrechtlichen Beschwerde erhält Urwyler die Kündigung, eine «Rachekündigung», wie sowohl das Regionalgericht Bern-Mittelland und das Obergericht feststellen. Urwyler hat Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden, denn sie gilt jetzt trotz exzellentem Leistungsausweis als «schwierig».

Den Schaden ihrer zerstörten Karriere beziffert Natalie Urwyler auf 5 Millionen Franken und diesen Schaden klagt sie nun ein. Dabei geht es der geschassten Oberärztin nicht nur um die persönliche Genugtuung. «Ich will, dass eine verhinderte Frauenkarriere ein Preisschild erhält», sagt die engagierte Medizinerin im Gespräch mit der NZZ. Und weiter: «Allen muss bewusst werden, was es die Volkswirtschaft kostet, wenn man Frauen ausbremst.»

Wir sollten Natalie Urwyler die Daumen drücken, denn vom Ausgang des Prozesses hängt es ab, ob im Bereich der medizinischen Berufe systemischer Wandel proaktiv gestaltet werden wird oder nicht. Und ob es einen echten Willen des Gesetzgebers gibt, mit der Gleichstellung ernst zu machen. Das Urteil wird Signalwirkung haben, auch für andere Berufe. In diesem Sinne sollten wir auf ein Urteil hoffen, das 2021 alle Ehre macht.