Frauenstreik 14. Juni 2019 „Wir machen weiter“ – 14. Juni 2020

Cécile Speitel

Vor einem Jahr war frau am Formulieren, am Organisieren, am Transparente malen für den zweiten nationalen Frauenstreik. Gleiche Rechte für alle* stehen als Forderung über allen Ansprüchen, die bis heute unerfüllt sind, wie Anerkennung und gerechte Verteilung der Haus- und Care-Arbeit, gleicher Lohn für Frau und Mann, Stopp häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung, Stopp geschlechtsspezifische Stereotypen in Kultur, Medien, Erziehung und Werbung. Was am 14. Juni 2019 geschah, übertraf alle Erwartungen: Bis in die Winkel der Schweiz gingen Frauen* und auch Männer – über 500 000 Menschen – auf die Strasse: freudvoll, friedlich und gleichwohl sehr bestimmt. Ein unvergesslicher Tag für viele, auch für mich.

Foto: C. Speitel

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Bildet Banden! Dieser Aufruf befeuerte. Inspiriert vom 14. Juni 2019 verbündeten sich zum Beispiel Schauspielerinnen. Im Januar 2020 publizierten sie ihr „Manifest für Gleichstellung und Diversität im Film und auf der Bühne. Wo sind die weiblichen Rollen, die für Inhalt stehen statt für Dekoration? Wo bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Wo gibt es im Drehbuch Rollen für Frauen über 40ig? Die Frauen von FemaleAct verlangen „ein Umdenken und Aktualisieren veralteter, diskriminierender und stereotyper Geschlechterrollen und deren Darstellung. (…) Wir fordern mehr diverse Sichtbarkeit in Bezug auf Alter, soziale sowie geografische Herkunft, Aussehen, sexuelle Orientierung und Be-Hinderung im Film und auf der Bühne.“ www.femaleact.ch

Foto: FemaleAct

Foto: C. Speitel

 

 

 

 

 

 

Die vom nationalen Frauenstreik 2019 ausgelösten Kräfte manifestieren sich in der aktuell von Covid-19 bestimmten Zeit umso nachdrücklicher. Mitglieder der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen EKF haben aus wissenschaftlicher und beruflicher Sicht ihre ersten Erkenntnisse publiziert unter dem Titel „Stimmen zu Corona“:

  1. Beobachtungen zum Arbeitsmarkt: Warum klatschen nicht reicht und welche Unterstützung Care Arbeiterinnen in Privathaushalten bräuchten.
  2. Das männliche Gesicht der Krise – ein feministischer Ausstieg?
  3. Care, häusliche Gewalt und Freiwilligenarbeit: Erkenntnisse und Empfehlungen zur Corona Krise

Fragen und Forderungen werden aus Frauen- und Geschlechterperspektive auf den Punkt gebracht. www.frauenkommission.ch und auf Twitter @ekf_cfqf.  

Ich empfehle die Lektüre dieser Serie.

Foto: C. Speitel

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Im Vorfeld der jetzigen Sommersession der eidgenössischen Räte verbündeten sich über fünfzig Frauenorganisationen mit mehr als zwei Millionen Frauen. Auch unser Verein CH2021 hat den dringenden Appell unterschrieben. Er richtet sich an den Bundesrat und das Parlament: „Vergesst die Frauen* nicht! Ihre geleistete Arbeit in der Krise ist lebenswichtig!“ Die zentrale Forderung für die Bewältigung der Corona Krise heisst in diesem Appell: „Wir bestimmen mit am Verhandlungstisch. (….) Die Finanzierung der Krise in der Schweiz darf nicht auf dem Rücken der Frauen* geschehen.“

Lesen Sie den Appell an den Bundesrat und das Parlament

Foto: Grève féministe Genève

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Der Appell an den Bundesrat und das Parlament ist ein medienwirksames, starkes Manifest – aber dieses ist längst nicht das einzige. Für den 8. März und mit Blick auf den 14. Juni 2020 sind lokale Gruppierungen wieder aktiv geworden. Sie haben sich online getroffen und ausgetauscht, teilweise über die Sprachgrenzen hinaus. Mehrere Frauen*Streik-Kollektive haben ihre eigenen Grundsatz-Texte formuliert und verabschiedet, z.B. in Zürich oder in Genf.

Foto: Grève féministe Genève

Foto: C. Speitel

 

 

 

 

 

 

Im März 2020, als die behördlichen Anordnungen infolge des Coronavirus unser Leben immer stärker beeinflussten, begannen einige junge und ältere Frauen* vom feministischen Streikkomitee Basel die Situation zu beobachten. Sie analysierten, wie sich das Leben gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich immer aussergewöhnlicher entwickelte. Daraus entstand das aus ihrer Sicht verfasste CAREONA Manifest zu Umverteilung von Macht, Geld, Zeit und Raum. Es sind visionäre Forderungen, aus denen sie in einem nächsten Schritt politische Forderungen ableiten wollen, um diese in entsprechender Form auf Kantons- oder Bundesebene einzubringen.

Foto: C. Speitel

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Die Liste der Forderungen lässt mich an die Philosophin Carolin Emcke denken, die kürzlich in der Sternstunde von srf zu Gast war (Zum Video, Gespräch ab 30:05 Min). Sie sprach darüber, wie die Corona Krise uns dazu bringe, viele unserer Gewohnheiten, die wir bisher lebten, zu befragen und zu verhandeln. In diesem Sinne verstehe ich die Stimmen vom CAREONA Manifest des feministischen Streikkomitees Basel.

 

Forderungen

Wir sind nicht mehr bereit, das aktuelle System mit seiner Verteilung von Macht, Geld, Zeit und Raum zu akzeptieren, sondern fordern eine solidarische, basisdemokratische, ökologische, diskriminierungsfreie und umsorgende Gesellschaft ohne Maximierung von Profiten.

Umverteilung von Macht

  1. Der Care-Bereich soll sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Der Care-Bereich darf nicht nach kommerziellen Prinzipien der Wirtschaftlichkeit wie die Güterproduktion funktionieren! Menschen sind keine Waren!
  2. Wir fordern den Einbezug der Kompetenzen der Arbeitenden durch ein Mitbestimmungsrecht zur Art und Weise, wie betreut, gepflegt, unterrichtet und gereinigt wird.
  3. Gesellschaftlich unerlässliche Infrastrukturen wie Spitäler, Pflegeheime, Kitas müssen als Service Public organisiert sein und als bedürfnisorientierte Dienstleistungen allen zur Verfügung stehen.
  4. Keine Toleranz gegenüber physischer und struktureller Gewalt aufgrund des Geschlechts, der Hautfarbe oder der Sexualität.
  5. Dort wo Menschen leben und arbeiten, muss ihr Aufenthalt gesichert und ihre politischen Rechte müssen garantiert sein. Ein ernstgemeinter Applaus fordert daher die dringende Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse von Care-Arbeitenden, u.a. mit geregeltem, unabhängigem, gesichertem und auch verbessertem Aufenthalts- oder Bürgerrecht und die Garantie der politischen Teilnahme.

Lesen Sie das vollständige CAREONA Manifest: Forderungen zu Umverteilung von Macht, Umverteilung von Geld, Umverteilung von Zeit, Umverteilung von Raum

 

#fraulenzen #queerstellen lauten Parolen für den bevorstehenden Frauenstreiktag. Trotz erschwerter Bedingungen durch Corona laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Schutzkonzepte werden formuliert, Anträge für Gruppendemonstrationen geschrieben, Banner gemalt… Wer, wie, wo für Frauen*rechte einstehen, demonstrieren, reden, singen, tanzen, spielen, Lärm machen oder eine Fahne aufhängen wird, das bewahrheitet sich am Sonntag 14. Juni 2020.

Lesen Sie den Aufruf „Feministisch Pausieren, Kollektiv Organisieren“