Marie Goegg-Pouchoulin (1826 – 1899)

Marie Goegg-Pouchoulin gründet 1868 die erste Frauenrechtsorganisation in der Schweiz, die Association internationale des femmes. Dieser Verein strebt die umfassende Gleichberechtigung der Frauen an. Herausragendes Merkmal der Association ist die internationale Vernetzung. Aber die Genferin ist noch in weiterer Hinsicht eine Pionierin: Sie gründet 1869 Le journal des femmes, die erste feministische Zeitschrift der Schweiz. In dieser berichtet Marie Goegg-Pouchoulin über Frauenbewegungen aus aller Welt. 

Wie viele Mädchen im 19. Jahrhundert erhält auch Marie Pouchoulin nur eine geringe Schulbildung. Sie beginnt bereits im Alter von 13 Jahren im Uhrmachergeschäft ihres Vaters zu arbeiten. Gleichzeitig bildet sich die junge Frau autodidaktisch in Literatur und Geschichte weiter. Später lernt sie Englisch und Deutsch. 1845, mit 19 Jahren, heiratet sie den Kaufmann Marc-Antoine Mercier. Doch die Ehe dauert nur kurze Zeit und die junge Frau zieht mit ihrem Sohn zurück ins Elternhaus. So kommt sie in Kontakt mit den zeitgenössischen radikaldemokratischen Ansichten, denn ihre Eltern beherbergen Ende der 1840er Jahre revolutionäre Flüchtlinge aus umliegenden Ländern. In diesem Milieu lernt sie den badischen Revolutionär und Juristen Amand Goegg kennen, der aufgrund einer drohenden lebenslangen Gefängnisstrafe nach Genf geflüchtet ist. Sie gibt ihre gesicherte Existenz in Genf auf und folgt, zusammen mit ihrem Sohn, Amand Goegg nach England. Drei Jahre bleibt das Paar in England, wo ihre zwei gemeinsamen Söhne zur Welt kommen. Später lebt die Familie in Genf, Offenburg und Biel, bevor sie sich Ende der 1860er Jahre erneut in Genf niederlässt. 

Amand Goegg pflegt Kontakte zu pazifistischen Gruppen und zur entstehenden Arbeiterbewegung. Als die Familie wieder in Genf ansässig wird, gründet er 1867 mit anderen die Ligue de la paix et de la liberté. Ein Jahr später wird Marie Goegg-Pouchoulin ins Zentralkomitee der Liga und die Redaktion des Publikumsorgans Les Etats-Unis d’Europe gewählt. Neben der internationalen «Verbrüderung der Arbeiterklasse» diskutiert die Liga auch die Gleichberechtigung der Frauen. Marie Goegg-Pouchoulin nutzt die Gunst der Stunde und veröffentlicht im März 1868 in der Vereinszeitschrift einen Aufruf zur Bildung einer internationalen Frauenorgani-sation. Im Appell kommt die kämpferische Seele der Visionärin zum Ausdruck: «Mut also, Ihr Gründerinnen von Komitees, ihr für alles Gute begeisterten Frauen! Schreckt nicht zurück vor der Schwierigkeit des Unternehmens und der Kargheit eurer Mittel!» Trotz geringer Resonanz kommt es im Juli 1868 zur Gründung der Association inter-nationale des femmes. Die Frauenrechtsorganisation bezweckt, sich für die gesell-schaftliche, rechtliche und politische Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Die Frauen fordern etwa das Recht auf Bildung für Mädchen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit oder das Frauenstimm- und -wahlrecht. Als Präsidentin korrespondiert Marie Goegg-Pouchoulin mit bekannten Frauenrechtlerinnen im Ausland und motiviert diese, lokale Komitees ins Leben zu rufen. 

1869 gründet die engagierte Genferin die erste feministische Zeitschrift der Schweiz: Le journal des femmes. Dass sie sich einer internationalen Perspektive verpflichtet fühlt, zeigt sich bereits in der ersten Ausgabe, in der sie einen Überblick über die Frauenbewegung weltweit liefert. Gleichzeitig verläuft der Aufbau der Association internationale des femmes harzig. Im Frühjahr 1870 zählt der Verein zwar 15 Komi-tees; in Frankreich, Italien, Portugal, der Schweiz, Deutschland, England und den USA. Doch der Einfluss der Vereinigung bleibt gering und der Deutsch-Französische Krieg schwächt die Frauenorganisation zusätzlich. Auch die finanziellen Mittel werden knapper und der Mehrheit der bürgerlichen Frauen ist Marie Goegg-Pouchoulins Kurs zu radikal. 1872 löst sich die Association auf. 

Im gleichen Jahr gründet die Frauenrechtlerin mit der Bernerin Julie de May die Association pour la défense des droits de la femme, die meist nach ihrer Vereinszeitschrift Solidarité benannt wird. Schwerpunkt des Vereins ist die zivilrechtliche Gleichstellung der Frauen. So macht Marie Goegg-Pouchoulin als erste Schweizerin von ihrem Petitionsrecht Gebrauch und erreicht, dass an der Universität Genf ab 1872 auch Frauen studieren dürfen. Zwei Jahre später erstreitet sie die Abschaffung der Geschlechtsvormundschaft für ledige und verwitwete Frauen im Kanton Waadt. Trotz dieser Erfolge mangelt es der Solidarité an Mitstreiterinnen und 1880 löst Marie Goegg-Pouchoulin Verein und Zeitschrift auf. Der Frauenbewegung bleibt sie bis an ihr Lebensende verbunden. 1891 wird sie Vizepräsidentin der neu gegründeten Union des femmes de Genève und 1896, drei Jahre vor ihrem Tod, nimmt die mittlerweile 70-Jährige am ersten Schweizer Frauenkongress teil (Quelle: EKF)

„Wir fordern das Stimmrecht, weil jeder wirkliche Fortschritt durch Ausübung dieses Rechts entstanden ist; weil es für uns Frauen Zeit ist, nicht mehr eine besondere Gesellschaftsklasse zu bilden; weil wir die Notwendigkeit einsehen, dass auch wir unsere Ideen vor die Behörden, vor die Kommissionen, kurz überallhin, wo Menschen diskutieren, bringen sollen.“