Rosa Bloch-Bollag (1880 – 1922)

Die «rote Rosa» ist gleichermassen angesehen wie verhasst. Denn mit ihrem rhetorischen Talent und ihrer erfolgreichen Agitation gehört Rosa Bloch-Bollag zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den herausragenden Figuren der Schweize-rischen ArbeiterInnenbewegung. Wahrscheinlich ist es auch ihr zuzuschreiben, dass die Arbeiterschaft während des Landesstreiks 1918 das Frauenstimm- und -wahlrecht fordert. 

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Rosa Bollag wächst in einer verarmten jüdischen Grosskaufmannsfamilie in Zürich auf. Ein Studium der Rechtswissenschaften bricht sie ab, da es ihr an den finanziellen Mitteln fehlt. Fortan arbeitet sie als Vertreterin in einem Zürcher Juweliergeschäft, bevor sie sich selbstständig macht. Sie heiratet Sigfried Bloch, der ab 1909 die Leitung der Zentralstelle für soziale Literatur (heute: Schweizerisches Sozialarchiv) über-nimmt. Das Paar pflegt Kontakte zur ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung. 

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verschlimmert sich die Not der Arbeiterfamilien, diese leiden unter der Verknappung der Lebensmittel und der Teuerung. Als Präsidentin des Zürcher Arbeiterinnenvereins organisiert Rosa Bloch-Bollag im Sommer 1916 Demonstrationen auf den Wochenmärkten. Zu solchen Hungerdemonstrationen kommt es in mehreren Schweizer Städten. Die Arbeiterinnen protestieren gegen die hohen Lebensmittelpreise, indem sie einen selbstgewählten Preis bezahlen oder den Verkauf der Kartoffeln gleich selbst übernehmen. Kern der Demonstrationen sind meist die regionalen Arbeiterinnenvereine. Diese entstanden Ende des 19. Jahrhunderts und schlossen sich 1890 im Schweizerischen Arbeiterin-nenverein (SAV) zusammen. Der SAV setzt sich für eine Verbesserung der Arbeits-bedingungen und der sozialen Sicherheit ein. Er fordert etwa, «die Löhne der Frauen mit denen der Männer gleichzustellen bei gleicher Arbeit und Leistung», den 9-Stun-den-Tag, einen Mutterschutz von 8 Wochen sowie eine bessere Bildung für Mädchen. 

1893 fordert der Arbeiterinnenverein als erste Organisation das Frauenstimmrecht. Als der Verein 1912 der Sozialdemokratischen Partei (SPS) beitritt, wird auch Rosa Bloch-Bollag Parteimitglied. In der Folge drängen die Arbeiterinnen die sozialdemokratische Partei, sich offiziell zum Stimm- und Wahlrecht für Frauen zu bekennen – mit Erfolg. Die SPS fordert noch im gleichen Jahr als erste Partei die politischen Rechte für die Frauen. 

1917 löst sich der SAV auf, seine Mitglieder organisieren sich fortan in sozialdemo-kratischen Frauengruppen. Ab 1918 werden diese von der neu geschaffenen Zentralen Frauenagitationskommission koordiniert, Rosa Bloch-Bollag wird deren erste Präsidentin. Gleichzeitig übernimmt sie die Redaktion der Vorkämpferin, der wichtigsten Arbeiterinnenzeitung und beeindruckt durch engagierte und hervorragend formulierte Artikel. 

Insbesondere in dieser Zeit entfaltet Rosa Bloch-Bollag ihre agitative Kraft. Im Frühjahr 1918 ist sie als einzige Frau Mitglied im Oltener Aktionskomitee, der nationalen Streikleitung des Landesstreiks vom November 1918. Ziemlich sicher ist sie dafür verantwortlich, dass an zweiter Stelle des Forderungskatalogs das «aktive und passive Frauenwahlrecht» aufgeführt ist. 

Am 10. Juni 1918 leitet sie in Zürich eine vielbeachtete Hungerdemonstration. Es nehmen nicht nur Arbeiterinnen teil, auch bürgerliche Frauen schliessen sich dem Protest an. Nach ihrer Rede überreicht die «rote Rosa» dem Kantonsrat die Erklärung der Arbeiterinnen. Diese verlangen u.a. die sofortige Beschlagnahmung der Lebensmittel sowie deren Verteilung an bedürftige Familien. Rosa Bloch-Bollag fordert gemeinsam mit einer Frauendelegation Einlass in den Kantonsrat. Denn die Zürcher Verfassung gewährt allen Bürgern das Recht, ihre Anliegen dem Kantonsrat direkt vorzutragen. Zunächst verweigert die Zürcher Regierung den Frauen eine Anhörung – bisher sprach noch keine Frau im Kantonsrat. Eine Woche später aber können Rosa Bloch-Bollag, die Lehrerin Agnes Robmann und die Arbeiterin Marie Härri als erste Frauen überhaupt ihre Forderungen persönlich im Kantonsrat einbringen. Erst 1970 – nach Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts – sprechen erneut Frauen im Zürcher Kantonsrat. 

Als das Oltener Aktionskomitee im Herbst 1918 dann den Landesstreik proklamiert, ruft Rosa Bloch-Bollag als Präsidentin der Frauenagitationskommission die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen dazu auf, sich aktiv zu beteiligen. Die Frauen organi-sieren die Lebensmittelversorgung, die Kinderbetreuung, nehmen an Versammlungen teil, demonstrieren und beteiligen sich an Gleisblockaden. Während in den Jahren nach dem Landesstreik ein Grossteil der Streikforderungen umgesetzt werden, müssen die Frauen noch viele Jahrzehnte auf das Frauenstimm- und -wahlrecht warten. 

Nach dem Ersten Weltkrieg tritt Rosa Bloch-Bollag der 1921 gegründeten Kommunisti-schen Partei Schweiz bei, stirbt jedoch 1922, erst 42-jährig, an den Folgen einer Kropfoperation. (Quelle: EKF)

Schweiz. Sozialarchiv F 5008-Fb-001

„(Die Arbeiterinnen) erklären, dass sie nicht willens sind, sich mit Gesetzesparagraphen abspeisen zu lassen oder sich auf das Geschäftsreglement verweisen zu lassen, sondern erwarten von Ihrer Einsicht, dass Sie die Gelegenheit zur gewünschten Aussprache heute geben.“

 

Erklärung der Arbeiterinnen zur Hungerdemonstration, Zürich, 10.6.1918

 

 

 

 

 

Das bisschen Haushalt

Elke Zappe

Gleichberechtigung ist keine Privatsache. Wer glaubt, dass sich die Anliegen von Frauen um das bisschen Haushalt drehen, verkennt die Tatsache, dass Frauenrechte ein wirtschaftlicher Faktor sind und dass die Präsenz von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft markante Verbesserungen nach sich zieht. Dies natürlich nicht, weil Frauen per se die besseren Menschen wären, sondern weil das Zusammenkommen unterschiedlicher Erfahrungshorizonte schlicht die besseren Resultate liefert.

Robuste Gesellschaften sind Gesellschaften, in denen «diversity» gelebt und als Chance begriffen wird. Jüngstes Beispiel ist ganz sicher die Corona-Krise, die von Regierungen mit einer Frau an der Spitze deutlich besser gemanagt wurden. Länder wie etwa Deutschland, Finnland oder Neuseeland, die von Frauen regiert werden, reagierten rasch und umsichtig und konnten so die Kurve der Neuansteckungen nach unten drücken. Angela Merkel, Sanna Marin und Jacinda Ardern haben ihren Job beneidenswert gut gemacht. Wenn man dagegen die Zahlen aus den USA studiert, wird klar: Männliche Selbstüberschätzung tötet. Das katastrophale Krisenmanagement von Donald J. Trump hat 130’000 Amerikaner das Leben gekostet. Dies und die ungebremste Rate der Neuansteckungen werden Folgen für die amerikanische Wirtschaft haben. Was die amerikanischen Bürger derzeit am meisten fürchten, ist ein ständiges Stop-and-Go zwischen Lockdown, Lockerung und erneutem Lockdown.

Vielleicht ist die Krise ein guter Moment, um daran zu erinnern, dass die Gleichstellung einen positiven Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen eines Landes hat. Wenn Frauen in sich und Gesellschaften in Frauen investieren, wird die Wirtschaft insgesamt wettbewerbsfähiger. Zum einen, weil sich der Pool an Fachkräften verdoppelt, zum anderen weil eine grössere Auswahl auch die Qualität der Leistungen verbessert. Ganz abgesehen davon, dass gemischtgeschlechtliche Gremien die besseren Entscheidungen fällen, wie man in paritätisch besetzten Verwaltungsräten gut sehen kann. 2021, wenn das Schweizer Frauenstimmrecht seinen 50. Geburtstag feiert, sollte die Gleichstellungsdiskussion erneut und sehr intensiv geführt werden. Immer noch werden Frauen in der Schweiz bei der Entfaltung ihres Potenzials stark behindert. Dies ist nicht nur für die Frauen persönlich ein Frust. Es geht hier um weit mehr, nämlich um die Frage, ob die Schweiz es sich leisten kann, auf qualifizierte und hochqualifizierte Fachkräfte zu verzichten, nachdem man sehr viel staatliches und privates Geld in deren Ausbildung investiert hat.

Um nur ein Beispiel zu nennen: In der Schweiz gibt es mehr Medizinstudentinnen als Medizinstudenten. Ausgebildete Ärztinnen jedoch werden von männlich geprägten Strukturen und von der Unmöglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, wieder aus der beruflichen Laufbahn hinauskomplimentiert. In ihrem Buch «Unsichtbare Frauen» weist die Journalistin Caroline Criado-Perez minuziös nach, wie solche Brüche zustandekommen. Im Wesentlichen gründen sie auf Datenlücken. Der unausgesprochene Standard ist das Karrieremodell des Mannes, der die Kinderbetreuung Frauen überlässt. Dieser Standard modelliert berufliche Laufbahnen und lässt die Bedürfnisse von Frauen, die in der Medizin und anderswo Karriere machen könnten und möchten, unberücksichtigt. Dies musste auch die heute 46jährige Oberärztin Natalie Urwyler erfahren, die im Juni 2020 eine Klage gegen das Berner Inselspital eingereicht hat. «Lange verlief die Karriere von Natalie Urwyler wie am Schnürchen: Medizinstudium, Doktorat, Assistenz, Forschungsstelle an der renommierten Stanford-Universität in Kalifornien, Habilitation und schliesslich ein unbefristeter Anstellungsvertrag als Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie des Inselspitals Bern», fasst Regula Freuler in der NZZ zusammen. Der Bruch kommt, als Urwyler auf Mutterschutz pocht, weil schwangere Inselspital-Angestellte bis zu 80 Stunden pro Woche arbeiteten, obwohl das gesetzliche Maximum bei 45 Stunden liegt. 2013 wird Urwyler selbst Mutter, beantragt ein 80%-Pensum, das ihr nicht bewilligt wird. Dazu noch wird ihr vom Berner Inselspital die Forschungs- und Lehrtätigkeit gestrichen. Fünf Monate nach einer aufsichtsrechtlichen Beschwerde erhält Urwyler die Kündigung, eine «Rachekündigung», wie sowohl das Regionalgericht Bern-Mittelland und das Obergericht feststellen. Urwyler hat Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden, denn sie gilt jetzt trotz exzellentem Leistungsausweis als «schwierig».

Den Schaden ihrer zerstörten Karriere beziffert Natalie Urwyler auf 5 Millionen Franken und diesen Schaden klagt sie nun ein. Dabei geht es der geschassten Oberärztin nicht nur um die persönliche Genugtuung. «Ich will, dass eine verhinderte Frauenkarriere ein Preisschild erhält», sagt die engagierte Medizinerin im Gespräch mit der NZZ. Und weiter: «Allen muss bewusst werden, was es die Volkswirtschaft kostet, wenn man Frauen ausbremst.»

Wir sollten Natalie Urwyler die Daumen drücken, denn vom Ausgang des Prozesses hängt es ab, ob im Bereich der medizinischen Berufe systemischer Wandel proaktiv gestaltet werden wird oder nicht. Und ob es einen echten Willen des Gesetzgebers gibt, mit der Gleichstellung ernst zu machen. Das Urteil wird Signalwirkung haben, auch für andere Berufe. In diesem Sinne sollten wir auf ein Urteil hoffen, das 2021 alle Ehre macht.

Meta von Salis-Marschlins (1855 – 1929)

Meta von Salis-Marschlins entstammt einer Bündner Adelsfamilie. Schon früh ist ihr das auferlegte gesellschaftliche Korsett zu eng; sie lehnt die «spezifisch weibliche Arbeitsdomäne» ab. Gegen Widerstände erlernt sie einen Beruf und promoviert als erste Historikerin der Schweiz. Darüber hinaus fordert sie als erste Frau in der Deutschschweiz öffentlich das Stimm- und Wahlrecht für Frauen. 

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Meta von Salis-Marschlins wächst auf dem Familienschloss Marschlins auf und erkennt bereits als junge Frau die Stellung des weiblichen Geschlechts in der aristokratischen Gesellschaft: «Mein erster Fehltritt in der Welt bestand in dem Erscheinen in weiblicher Gestalt.» Sie absolviert ihre Schulzeit in Töchterinstituten, die sie auf das Führen eines Haushalts vorbereiten. Diese «Hausfrauen-Züchtungs-anstalten» – wie sie die Institute nennt – machen sie unzufrieden. «[N]icht nur mein Vater, fast alle Männer, mit denen ich bis zu meinem 24. Jahre in Berührung kam, dachten der Frau eine Stellung zu, die ich ihrer, beziehungsweise jedenfalls meiner, unwürdig fand. […] So bin ich denn eigentlich in der Opposition gegen den Mann gross geworden.» Der strenge Vater verbietet der lesebegeisterten Tochter das Studium und weist seine Ehefrau an, ihr nur wenig Geld für Bücher zu geben. Trotzdem bildet sich Meta von Salis-Marschlins im Selbststudium weiter und wird Erzieherin, eine der wenigen Berufsmöglichkeiten für Frauen aus der Oberschicht. Diese Tätigkeit führt sie zu wohlhabenden Familien in Deutschland, England sowie Irland und ermöglicht ihr ökonomische Unabhängigkeit – eine nicht zu unterschätzende Freiheit. 

Nun kann Meta von Salis-Marschlins doch noch das ersehnte Studium in Angriff nehmen. Sie studiert ab 1883 Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. 1887 promoviert sie als erste Historikerin der Schweiz im gleichen Jahr, in dem Emilie Kempin-Spyri als erste Schweizerin den Doktortitel in Rechts-wissenschaften erhält. Frauen stellen an der Universität Zürich allerdings noch eine marginale Minderheit dar. So schreibt Meta von Salis-Marschlins 1884 in einem Artikel für die Thurgauer Zeitung: «Wir stehen Allem zum Trotz noch immer am Anfang der Bewegung.» Sie ermutigt die Studentinnen und ruft ins Bewusstsein, «dass wir Pioniere sind und wie die ersten Ansiedler im Urwald jeden Fussbreit Boden erkämpfen müssen.» 

Studienabgängerinnen haben zu dieser Zeit nur sehr geringe Berufschancen. Meta von Salis-Marschlins arbeitet als freie Journalistin, Schriftstellerin und Vortrags-rednerin. Am 1. Januar 1887 veröffentlicht die Zürcher Post ihren Artikel Ketzerische Neujahrsgedanken einer Frau. Darin fordert sie erstmalig für die deutschsprachige Schweiz die volle Gleichberechtigung der Schweizerinnen, unter anderem auch «Stimmrecht und Wahlfähigkeit» für Frauen. Die eloquente Rednerin tritt auch öffentlich auf. Im Rahmen ihrer Vortragsreihe Frauenstimmrecht und die Wahl der Frau bereist sie 1894 mehrere Schweizer Städte. Sie kämpft insbesondere auch für die Gleichberechtigung unverheirateter Frauen. Einige Aufmerksamkeit erregt die Bündnerin 1892–94, als sie sich publizistisch für ihre Freundin, die Zürcher Ärztin und Frauenrechtlerin Caroline Farner, sowie deren Lebensgefährtin Anna Pfrunder einsetzt. Diese wurden nach einer Hetzkampagne wegen angeblicher Veruntreuung verhaftet und angeklagt, dann aber freigesprochen. Meta von Salis-Marschlins prangert den in ihren Augen befangenen Richter an, woraufhin sie wegen Ehrverletzung angeklagt und zu einer hohen Geldstrafe sowie 7 Tagen Gefängnis verurteilt wird. 

Diese Erfahrung führt dazu, dass sie sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht. 1897 veröffentlicht sie ein Buch (Philosoph und Edelmensch) über ihre Freundschaft mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche. Zur Frauenfrage aber äussert sie sich nicht mehr. Denn für Meta von Salis-Marschlins haben Frauen zwei Möglichkeiten, «[e]ntweder das Vaterland nötigen, ihre Rechte anzuerkennen, ihre Ehre und Menschenrechte zu schützen, oder auszuwandern!» Und tatsächlich wandert die Bündnerin einige Jahre später mit ihrer Freundin Hedwig Kym nach Capri aus. Als diese 1910 den Anwalt Ernst Feigenwinter heiratet, zieht auch Meta von Salis-Marschlins nach Basel und wohnt gemeinsam mit dem Ehepaar. In den folgenden Jahren lebt sie zurückgezogen in Basel und beschäftigt sich vermehrt mit den Rassentheorien von Joseph Arthur de Gobineau und anderen konservativen Denkern. Denn trotz ihres Einsatzes für die Emanzipation der Frauen vertritt Meta von Salis-Marschlins in anderen gesellschaftlichen Fragen eine überzeugt konservative, aristokratische und antidemokratische Haltung. Im Zuge des Ersten Weltkriegs spitzt sich ihr antisemitisches und deutschnationales Denken weiter zu. Wohin diese Ideen einige Jahre später führen, erlebt sie nicht mehr, sie stirbt 1929. (Quelle: EKF)

„Solange der Mann die Gleichberechtigung der Frau im Staate nicht anerkennt, ihre Mündigkeit nicht eine Tatsache ist, bleibt sie allen Zufällen des Schicksals preisgegeben.“

Meta von Salis-Marschlins, Vortragsrede 1894

 

 

 

 

 

Wie kann Eigentum Eigentum besitzen?

Elli von Planta

Am Anlass einer Non-Profit-Organisation wurde uns das sogenannte Conference-Pack in einer Tasche ausgehändigt, die diese Organisation von Frauen in der dritten Welt für Frauen in der ersten Welt herstellen lässt, um erstere finanziell unabhängig(er) zu machen. Den Frauen werden Nähmaschinen und Material (Reissäcke, die zur Weiterverarbeitung auseinandergeschnitten und in verschiedenen Farben gefärbt werden) überlassen, aus denen sie dann –­ nach einer Vorlage – diese Taschen fertigen. So können sie sich Geld verdienen, um sich und ihre Kinder durchzubringen, denn ihre oft trinkenden Ehemänner sind dazu oft weder willens noch fähig. Eines Tages wurde die Projektleiterin von einer der Frauen gerufen, die verzweifelt war, weil ihr Ehemann ihre Nähmaschine verkauft und den Verkaufserlös für sich eingestrichen hatte. Die Projektleiterin versuchte dem Ehemann nun klar zu machen, dass die Nähmaschine nicht ihm, sondern seiner Frau gehöre und er kein Recht hätte, diesen Gegenstand zu verkaufen. Der Ehemann reagierte völlig verständnislos auf diese sachenrechtliche Ausgangslage und fragte verdutzt: „How can property own property?“ (Wie kann Eigentum Eigentum besitzen?)

An diese Geschichte muss ich immer denken, wenn Frauen Männern erklären wollen, wie unsere Realitäten aussehen, wie wir die Dinge erleben, sehen, einordnen; wenn wir also nicht in der Lage sind, unser mind-set mit dem mind-set unseres Gegenübers bündig zu bringen; wenn wir einfach nicht in der Lage sind, uns verständlich zu machen, wenn Mentalitäten aufeinandertreffen, die für den einen einfach unerklärlich für den anderen unglaublich sind: „How can property own property?“

„Alle Einsicht beginnt mit den Sinnen“ hat einer dieser grossen italienischen Renaissance-Künstler gesagt. (Ich kann Michelangelo und Leonardo da Vinci ganz schlecht auseinanderhalten – einer von beiden war‘s). Was wir nicht wirklich erlebt und empfunden (gefühlt) und so buchstäblich erfahren haben, können wir uns schlecht vorstellen, glauben es nicht, (wenn es uns nicht in den Kram passt), und wehren uns dagegen reflexartig, (wenn wir uns von der damit verbundenen ‚Sicht der Dinge‘ oder Wahrheit bedroht fühlen.) Und der grosse Wissenschaftler Max Planck hat gesagt: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“  Das – so denke ich – gilt auch für politische Wahrheiten:

Das Frauenstimmrecht ist eine solche politische Wahrheit.

Das Urteil darüber, in wie weit diejenigen ausgestorben sind, die die Rechte der Frauen, die Gleichstellung des Weiblichen, die Realitäten, Nöte und Bedürfnisse weiblicher Existenzen nicht wahrnehmen und nicht wahrhaben wollen, geschweige denn, für wichtig halten was Frauen in ein – oft sehr männliches dominiertes Umfeld –  einbringen können, überlasse ich der Erfahrung und Beobachtungen meiner LeserInnen.