Marie Goegg-Pouchoulin (1826 – 1899)

Marie Goegg-Pouchoulin gründet 1868 die erste Frauenrechtsorganisation in der Schweiz, die Association internationale des femmes. Dieser Verein strebt die umfassende Gleichberechtigung der Frauen an. Herausragendes Merkmal der Association ist die internationale Vernetzung. Aber die Genferin ist noch in weiterer Hinsicht eine Pionierin: Sie gründet 1869 Le journal des femmes, die erste feministische Zeitschrift der Schweiz. In dieser berichtet Marie Goegg-Pouchoulin über Frauenbewegungen aus aller Welt. 

Quelle: EKF, Eidgenössische Kommission für Frauenfragen

Wie viele Mädchen im 19. Jahrhundert erhält auch Marie Pouchoulin nur eine geringe Schulbildung. Sie beginnt bereits im Alter von 13 Jahren im Uhrmachergeschäft ihres Vaters zu arbeiten. Gleichzeitig bildet sich die junge Frau autodidaktisch in Literatur und Geschichte weiter. Später lernt sie Englisch und Deutsch. 1845, mit 19 Jahren, heiratet sie den Kaufmann Marc-Antoine Mercier. Doch die Ehe dauert nur kurze Zeit und die junge Frau zieht mit ihrem Sohn zurück ins Elternhaus. So kommt sie in Kontakt mit den zeitgenössischen radikaldemokratischen Ansichten, denn ihre Eltern beherbergen Ende der 1840er Jahre revolutionäre Flüchtlinge aus umliegenden Ländern. In diesem Milieu lernt sie den badischen Revolutionär und Juristen Amand Goegg kennen, der aufgrund einer drohenden lebenslangen Gefängnisstrafe nach Genf geflüchtet ist. Sie gibt ihre gesicherte Existenz in Genf auf und folgt, zusammen mit ihrem Sohn, Amand Goegg nach England. Drei Jahre bleibt das Paar in England, wo ihre zwei gemeinsamen Söhne zur Welt kommen. Später lebt die Familie in Genf, Offenburg und Biel, bevor sie sich Ende der 1860er Jahre erneut in Genf niederlässt. 

Amand Goegg pflegt Kontakte zu pazifistischen Gruppen und zur entstehenden Arbeiterbewegung. Als die Familie wieder in Genf ansässig wird, gründet er 1867 mit anderen die Ligue de la paix et de la liberté. Ein Jahr später wird Marie Goegg-Pouchoulin ins Zentralkomitee der Liga und die Redaktion des Publikumsorgans Les Etats-Unis d’Europe gewählt. Neben der internationalen «Verbrüderung der Arbeiterklasse» diskutiert die Liga auch die Gleichberechtigung der Frauen. Marie Goegg-Pouchoulin nutzt die Gunst der Stunde und veröffentlicht im März 1868 in der Vereinszeitschrift einen Aufruf zur Bildung einer internationalen Frauenorgani-sation. Im Appell kommt die kämpferische Seele der Visionärin zum Ausdruck: «Mut also, Ihr Gründerinnen von Komitees, ihr für alles Gute begeisterten Frauen! Schreckt nicht zurück vor der Schwierigkeit des Unternehmens und der Kargheit eurer Mittel!» Trotz geringer Resonanz kommt es im Juli 1868 zur Gründung der Association inter-nationale des femmes. Die Frauenrechtsorganisation bezweckt, sich für die gesell-schaftliche, rechtliche und politische Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Die Frauen fordern etwa das Recht auf Bildung für Mädchen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit oder das Frauenstimm- und -wahlrecht. Als Präsidentin korrespondiert Marie Goegg-Pouchoulin mit bekannten Frauenrechtlerinnen im Ausland und motiviert diese, lokale Komitees ins Leben zu rufen. 

1869 gründet die engagierte Genferin die erste feministische Zeitschrift der Schweiz: Le journal des femmes. Dass sie sich einer internationalen Perspektive verpflichtet fühlt, zeigt sich bereits in der ersten Ausgabe, in der sie einen Überblick über die Frauenbewegung weltweit liefert. Gleichzeitig verläuft der Aufbau der Association internationale des femmes harzig. Im Frühjahr 1870 zählt der Verein zwar 15 Komi-tees; in Frankreich, Italien, Portugal, der Schweiz, Deutschland, England und den USA. Doch der Einfluss der Vereinigung bleibt gering und der Deutsch-Französische Krieg schwächt die Frauenorganisation zusätzlich. Auch die finanziellen Mittel werden knapper und der Mehrheit der bürgerlichen Frauen ist Marie Goegg-Pouchoulins Kurs zu radikal. 1872 löst sich die Association auf. 

Im gleichen Jahr gründet die Frauenrechtlerin mit der Bernerin Julie de May die Association pour la défense des droits de la femme, die meist nach ihrer Vereinszeitschrift Solidarité benannt wird. Schwerpunkt des Vereins ist die zivilrechtliche Gleichstellung der Frauen. So macht Marie Goegg-Pouchoulin als erste Schweizerin von ihrem Petitionsrecht Gebrauch und erreicht, dass an der Universität Genf ab 1872 auch Frauen studieren dürfen. Zwei Jahre später erstreitet sie die Abschaffung der Geschlechtsvormundschaft für ledige und verwitwete Frauen im Kanton Waadt. Trotz dieser Erfolge mangelt es der Solidarité an Mitstreiterinnen und 1880 löst Marie Goegg-Pouchoulin Verein und Zeitschrift auf. Der Frauenbewegung bleibt sie bis an ihr Lebensende verbunden. 1891 wird sie Vizepräsidentin der neu gegründeten Union des femmes de Genève und 1896, drei Jahre vor ihrem Tod, nimmt die mittlerweile 70-Jährige am ersten Schweizer Frauenkongress teil (Quelle: EKF)

„Wir fordern das Stimmrecht, weil jeder wirkliche Fortschritt durch Ausübung dieses Rechts entstanden ist; weil es für uns Frauen Zeit ist, nicht mehr eine besondere Gesellschaftsklasse zu bilden; weil wir die Notwendigkeit einsehen, dass auch wir unsere Ideen vor die Behörden, vor die Kommissionen, kurz überallhin, wo Menschen diskutieren, bringen sollen.“

 

 

 

 

 

Vom Frauenstimmrecht zur Repräsentation und weiter

Sarah Paciarelli

Es gibt zwei Themen, die in meinem Umfeld für kuriose Überraschungen sorgen: Das noch so junge Schweizer Frauenstimmrecht und der feministische Nährboden einer Organisation, die «katholisch» im Namen trägt, der Schweizerische Katholische Frauenbund.

Als gebürtige Berlinerin mit polnischer Mutter und italienischem Vater, dafür ohne deutsche Staatsbürgerschaft – und somit ohne Wahlrecht – habe ich früh gemerkt, was es bedeutet, politisch nicht partizipieren zu können. Zumindest nicht im Land meines dauerhaften Aufenthalts. Ich erinnere mich an die Besuche im polnischen und italienischen Konsulat, um meine Stimme abzugeben, wenn in den Heimatländern meiner Eltern Wahlen anstanden. Aber auch an das Gefühl, die politischen Debatten Deutschlands mitzufühlen, aber nicht mitzugestalten.

Katholisch und feministisch?

Wenn ich Berlin besuche und auf Menschen treffe, kommen wir schnell auf die Schweiz zu sprechen und darauf, was ich da so treibe. Sobald ich erzähle, dass ich für den Schweizerischen Katholischen Frauenbund SKF tätig bin, ernte ich oft irritierte Blicke. Sie wandeln sich jedoch schnell in staunende Anerkennung, wenn ich von den Aktivitäten des Verbandes erzähle und sein Engagement für Geschlechtergerechtigkeit in Kirche und Gesellschaft darlege. Die Überraschung ist gross – in Berlin wie in Bern. Spätestens wenn ich verkünde, dass sich der SKF für die Ehe für alle einsetzt, ist bei meinem Gegenüber der maximale Kontrast zu dem erreicht, was er oder sie sich unter einer katholischen Organisation vorstellt.

Schweiz? Da war doch was!

Die Schweiz bedeutet für viele meiner Verwandten im Ausland Berge, Schokolade und Direktdemokratie. Aber Moment, da war doch noch etwas mit dem Frauenstimmrecht, oder? In Polen erhielten Frauen ab 1918 das Wahlrecht. Sie nahmen nicht nur ihr Recht als Wählerinnen wahr, sondern kandidierten auch für das Parlament. Zu dem Zeitpunkt ist in den historischen Sitzungsprotokollen des SKF von 1919 zu lesen, dass das Frauenstimmrecht eine Überforderung der Frau sei und Leib und Seele gefährde. Diese Haltung hält sich im SKF nicht lange. Spätestens ab den 50er Jahren weht ein ganz anderer Wind durch die Aufzeichnungen.

Der SKF und das Frauenstimmrecht

1957 entschliesst sich der SKF zur aktiven Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschaft für die politischen Rechte der Frau. Ein Jahr später diskutiert der Vorstand die Ziele einer meinungsbildenden Tagung zum Thema Frauenstimmrecht. Die damalige SKF-Präsidentin Elisabeth Blunschy-Steiner (die 1977 notabene als erste Nationalratspräsidentin Geschichte schreibt) befand, «der SKF muss Stellung beziehen in einer Angelegenheit, wo es sich nicht um eine Glaubenssache handelt». Die Tagung wird als ausserordentliche Delegiertenversammlung durchgeführt und dazu genutzt, um im Rahmen der ersten nationalen Abstimmung für ein «Ja zum Frauenstimmrecht» zu politisieren.

Dass dieses von den ausschliesslich männlichen Stimmberechtigten zu zwei Dritteln abgelehnt wird, entmutigt den SKF nicht. Der Verband sensibilisiert weiter und bietet seinen Mitgliedern «staatsbürgerliche Kurse» an, in denen sich die Teilnehmerinnen mit dem Frauenstimmrecht auseinandersetzen und eine fundierte Haltung einnehmen können.

1971 – der Mauerfall der Schweizer Frauen

An der SKF-Generalversammlung vom 4. Juni 1970 hofft die abtretende Präsidentin Yvonne Darbre in ihrer Abschiedsrede, dass die «Rückständigkeit der Schweiz mit der Annahme des Frauenstimmrechts aufgeholt» werde.

Zur zweiten Abstimmung auf Bundesebene gibt der SKF keine Wahlempfehlung ab. Trotz der progressiven Haltung der scheidenden Präsidentin und ihrer Nachfolgerin Anne Marie Höchli-Zen Ruffinen, beschliesst der SKF Zurückhaltung. Grund dafür sind die unterschiedlichen Haltungen innerhalb des Verbandes. Der Verbandsvorstand aber will nur mit einer konsolidierten Haltung auftreten.

Mit der Annahme des eidgenössischen Stimm- und Wahlrechts für Frauen am 7. Februar 1971 wandelt sich der SKF. Der Verband sieht sich als Vermittler politischer Fragen und erkennt, dass es ein wichtiger Organisationszweck ist, den politischen Interessen von Frauen zum Durchbruch zu verhelfen. Heute bringt das grosse Frauennetzwerk sein Gewicht als Vernehmlassungspartner des Bundes und in Form vieler Bündnisse in die politische Diskussion ein.

Zurück in die Zukunft

Im kommenden Jahr wirft die Schweiz einen Blick zurück und honoriert die über 100 Jahre Arbeit auf allen politischen Ebenen, die nötig waren, sodass wir 2021 50 Jahre Frauenstimmrecht zelebrieren können. Wie bauen wir diese Errungenschaft weiter aus?

Der Diskurs um die politische Repräsentation von Frauen während der Schweizer Parlamentswahlen 2019 hat eindrucksvoll bewiesen, dass ein Weg vor uns liegt, den es sich zu beschreiten lohnt: Es kandidierten nicht nur mehr Frauen für politische Ämter, sie wurden auch häufiger gewählt. Sowohl im Ständerat als auch im Nationalrat stieg der Frauenanteil auf ein historisches Hoch. Der Kampf um politische Teilhabe endet nicht mit dem Frauenstimmrecht und angemessenerer Vertretung. Vielmehr sind dies die demokratischen Rahmenbedingungen dafür, dass Frauen im kooperativen Miteinander einer Demokratie Gesellschaft aktiv mitgestalten. In Zukunft wird diese Gesellschaft daran gemessen, wie sie mit der Vielfalt ihrer Bevölkerung umgeht und ob sie es schafft, ihr mit dem demokratischen Gleichheitsversprechen zu begegnen.

Demokratie ist Vielfalt

Die Vielfalt prallt noch immer auf Hürden, die der Gleichheit im Wege stehen. Gleichheit muss sich auch in Lohnabrechnungen von Männern und Frauen widerspiegeln, in gleicher Verteilung unbezahlter Familien- und Betreuungsarbeit, in gleichen Möglichkeiten nach der Geburt eines Kindes (Eltern)Zeit aufzuwenden, in gleichen Rechten für Homosexuelle eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen. Unsere Sprache kann noch einen Hauch Gleichheit vertragen. Sie ist Ausdruck des Denkens und zu oft noch Ausdruck eines patriarchalen Erbes, welches tradierte Geschlechterrollen durch Sprache zementiert. Unsere juristischen Einschränkungen könnten eine Prise Gleichheit vertragen, sodass die politischen Haltungen von Menschen mit Niederlassungsbewilligung berücksichtigt werden. Die römisch-katholische Amtskirche, die Frauen noch immer – entgegen unserer demokratischen Verfassung – aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert, könnte sogar eine ganze Menge Gleichheit vertragen. Dafür engagiert sich der SKF.

Der Vielfalt gerecht zu werden macht unsere Demokratie stärker. Haben wir den Mut, die Dinge zu ändern, die wir ändern können. Es lohnt sich! Das haben die mutigen Vorreiterinnen bewiesen, denen wir 50 Jahre Schweizer Frauenstimmrecht verdanken.

Sarah Paciarelli, SKF Schweizerischer Katholischer Frauenbund, Kommunikation

Edit-a-thon „Frauen für Wikipedia“

Cécile Speitel

Wo sind die Frauen auf Wikipedia? Rund 16 % der Biografien handeln von Frauen auf der deutschsprachigen Seite von Wikipedia. Am Schweizer Edit-a-thon „Frauen für Wikipedia“ versammeln sich seit November 2018 erfahrene und lernende Schreiber*innen mit dem Ziel, Frauen auf der wichtigsten Informationsseite der Welt sichtbar zu machen, zuletzt am 30. April. Muriel Staub ist Mitbegründerin und Co-Organisatorin des Edit-a-thon. Ausgebildet an der Hochschule für Wirtschaft St. Gallen, arbeitet sie beruflich für die globale Bürgerbewegung Avaaz. Wie funktioniert Wikipedia? Wie entsteht ein Biografie Eintrag? Was kann ein Edit-a-thon für CH2021 leisten? Cécile Speitel hat mit Muriel Staub gesprochen.

CS: Muriel Staub, was fasziniert Sie an der freien Enzyklopädie Wikipedia, dass Sie sich dafür engagieren?

MS: Ganz unterschiedliche und viele Dinge. Mich fasziniert, wenn ich sehe, wie Tausende von Menschen gemeinsam an einem Projekt arbeiten, das allen Menschen zugutekommt – was ohne das Internet nicht möglich wäre. Die Wikipedia hat in diesem Zusammenhang in Polen ein Denkmal erhalten als “grösstes je von Menschen erstellte Projekt”. Ich bin begeistert von all den ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren, die jeden Tag die Wikipedia ergänzen, aktualisieren und pflegen. Jeder Wikipedia-Artikel hat eine eigene Versionsgeschichte, aus der ersichtlich wird, wann er von wem bearbeitet wurde, und was genau geändert wurde. Das finde ich etwas vom Tollsten an Wikipedia, dieses Logbuch, das volle Transparenz und Nachvollziehbarkeit garantiert. Da steckt eine unglaubliche Arbeit dahinter. Die Wikipedia ist heute nicht mehr weg zu denken und eine Wissens-Infrastruktur, die für uns inzwischen fast zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Aber das ist sie eben nicht. Nebst einer Faszination schwingt genau darum auch sehr viel Dankbarkeit mit für dieses wunderbare Projekt, das zurzeit in der Schweiz die fünft meist besuchte Webseite ist.

Um Frauen auf Wikipedia sichtbar zu machen, haben Sie, gemeinsam mit der Wirtschafts-journalistin Patricia Laeri und mit Katia Murmann, Leiterin Digital der Blick-Gruppe, den Edit-a-thon „Frauen für Wikipedia“ ins Leben gerufen. Auf der Webseite geben Bilder Einblick, wie Teilnehmer*innen konzentriert nebeneinander an ihren Laptops schreiben. Wie läuft ein solcher Edit-a-thon konkret ab?

Die letzten vier Veranstaltungen waren unglaublich gut besucht, und die Stimmung war grossartig. Urspünglich haben wir den Edit-a-thon zu dritt initiiert, aber inzwischen fühlt es sich eher an wie eine Bewegung – viele weitere Menschen sind dazugestossen. An den Anlässen selbst schauen wir zuerst, dass alle mit den notwendigen Informationen versorgt sind, damit sie anschliessend einen Wikipedia Artikel verfassen können. Wir weisen darauf hin, dass jeder Satz und Abschnitt in einem Wikipedia-Artikel mit Quellen belegt werden sollte, damit für die Leser*innen klar ist, von wo die Information im Wikipedia Artikel stammt. Und wir erklären, dass es in der Wikipedia sogenannte Relevanzkriterien gibt, an denen man sich orientieren sollte. Danach geht es los mit Recherchieren und Schreiben. Es wird aber auch diskutiert, wir tauschen uns aus und helfen einander gegenseitig. Es ist ein wahnsinnig inspirierendes und produktives Umfeld. Ich erlebe die Teilnehmenden jeweils voller Tatendrang, sie sind sehr motiviert, und ich habe immer das Gefühl, in diesem Moment Teil einer grösseren Bewegung zu sein.

Die drei Initiatorinnen Katia Murmann, Muriel Staub und Patrizia Laeri (v. l.) © CC-BY-SA Muriel Staub

Diese Relevanzkriterien, die für das Erstellen von Wikipedia Artikeln gelten, entpuppen sie sich für das Verfassen von Biografien nicht auch als Hemmschuh, weil sie aus einem wissenschaftlichen, männlich geprägten Verständnis, stammen?

Die Kriterien, wie wir sie heute vorfinden, sind vielfach Ergebnisse mehrjähriger Konsens-findungsversuche. Ich kann z.B. einen Artikel über eine Architektin schreiben, wenn sie einen national oder international bedeutsamen Architekturpreis gewonnen hat. Oder über eine Schriftstellerin, wenn sie beispielsweise zwei Monografien (Belletristik) oder vier Sachbücher geschrieben hat. Die Relevanzkriterien gelten für alle Menschen gleich, unabhängig von ihrem Geschlecht. Jedoch ist es sicher so, dass diese Kriterien die bestehenden Missverhältnisse reproduzieren. Aber das Fantastische ist: Diese Relevanzkriterien sind nicht fix, sondern können stets neu ausgehandelt werden.

Wikipedia, vor 19 Jahren gegründet, hat sich über alle Kontinente verbreitet mit Tausenden von Menschen, die an dieser Enzyklopädie mitschreiben – wer bestimmt da die Kriterien?

Das sind die ehrenamtlichen Autor*innen und Autoren – so wie sie die Wikipedia Artikel aushandeln, vereinbaren sie auch diese Relevanzkriterien. Sie können sich vorstellen: Die Community – also die ehrenamtlichen Verfasser*innen –  organisiert sich nach demokratischen und meritokratischen Grundprinzipien. Die Communityist ständig aktiv am Diskutieren und Aushandeln, das ist ein richtig lebendiges, dynamisches System. Heute finden Sie auf der deutschsprachigen Wikipedia 2‘430‘353 Artikel, und in den letzten 30 Tagen waren 20‘108 Benutzer*innen aktiv (sprich haben mindestens eine Bearbeitung vorgenommen). Die Wikipedia existiert in 308 Sprachversionen, u. a. auch in Rätoromanisch oder Esperanto.

Nun können, aus welchem Interesse auch immer, aufschlussreiche Informationen bei Seite gelassen werden. Haben Sie nie Zweifel an der Verlässlichkeit der Informationen?

Bei Wikipedia können wirklich alle Menschen mitschreiben, d.h. jeder und jede kann einen Eintrag bearbeiten oder verfassen. Die Wikipedia beruht auf dem Vielaugenprinzip, d.h.
es gibt eine Art gegenseitige Beobachtung. Da das ganze System sehr transparent ist, ist es für alle nachvollziehbar, wer was genau zu welchem Zeitpunkt ändert. Das erlaubt auch eine gewisse gegenseitige Kontrolle. Aber die Mitarbeit an der Online-Enzyklopädie appelliert auch an die Eigenverantwortung der Beitragenden – und die meisten Menschen haben zum Glück gute Absichten, das sehe ich immer wieder. Zu den Quellen gibt es in der Wikipedia Hinweise, welche Materialien als Belege genutzt werden sollten und wie man diese Belege prüfen kann.

Rund 80 Personen hatten sich für den letzten, vierten Edit-a-thon am 30. April angemeldet, der aus aktuellen Gründen digital durchgeführt wurde. Wie haben Sie dieses virtuelle Treffen bewältigt?

Die Vorbereitung war sehr intensiv. Das Event-Team vom Schweizer Radio und Fernsehen hat uns dabei sehr stark unterstützt. Vom Resultat bin ich begeistert. Die grösste Herausforderung war, die Teilnehmer*innen im Verlaufe der Veranstaltung ideal unterstützen zu können, ihre Fragen zu beantworten, wie z.B. ein Bild in einen Wikipedia Artikel eingefügt werden kann, wie es um die Bildrechte steht oder wie sich ein Artikel aus einer Sprache in eine andere übersetzen lässt. Mehr als 95 Beiträge wurden zusammengetragen. Ich bin sehr froh, haben wir diese Krise als Chance für den Edit-a-thon genutzt. Es gab sogar Live-Schaltungen zu einzelnen Teilnehmer*innen nach Hause, beispielsweise zu Nathalie Christen, Daniela Milanese, Annina Frey und Rosanna Grüter.

© CC-BY-SA Muriel Staub

Der Edit-a-thon vom vergangenen Herbst fand erstmals global statt. Zeitgleich wurde in Zürich, Berlin, London, Barcelona, Johannesburg, Buenos Aires, Ontario und Washington geschrieben. Heisst das, die Initiative „Mehr Frauen auf Wikipedia“ hat sich von der Schweiz aus über die Welt verbreitet?

Das war sicherlich ein erster Schritt in diese Richtung. Wir Organisatorinnen sind daran, uns auch vermehrt über die Schweizer Grenze hinaus zu vernetzen, mit ähnlichen Initiativen aus den deutschsprachigen Nachbarländern. Auch über die Sprachgrenze hinaus streben wir den Austausch an, z.B. mit Women in Red –einem Projekt in der englischsprachigen Wikipedia, das ebenfalls die online Enzyklopädie mit Frauenbiografien bereichern will. Wir können viel voneinander lernen.

300 neue Biografien Artikel über Frauen sind dank dem von Ihnen mitbegründeten Edit-a-thon bis heute entstanden. Gleichzeitig geht es ja darum, mehr Frauen als Autor*innen auf Wikipedia zu holen. Gemäss Umfragen sind 10 – 20 % der Autor*innen Frauen. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Das Ziel, mehr Frauen zum Mitschreiben zu bewegen, klappt mit diesem Format sehr gut. Wir stellen fest, dass einige Frauen immer wieder am Edit-a-thon teilnehmen – einige von ihnen waren bereits zum vierten Mal in Serie mit dabei, das freut uns natürlich unglaublich. Andere haben zum ersten Mal teilgenommen, was ich toll finde. Diese Mischung macht’s aus für mich. Und wenn jemand mal einen Abend lang Wikipedia-Artikel bearbeitet oder erstellt hat, dann ist die Hürde in Zukunft viel kleiner, um auch im Alltag eine kleine Korrektur oder Ergänzung vorzunehmen.

© CC-BY-SA Muriel Staub

Aus welchen Bereichen kommen die Teilnehmenden?

Die meisten haben eine journalistische Ausbildung und/oder arbeiten im Bereich Journalismus und Medien. Unser Anlass zielt auf diese Zielgruppe ab. Es gibt in der Schweiz viele weitere ehrenamtliche Wikipedia-Autor*innen, die solche Schreibveranstaltungen für ein anderes Publikum organisieren. Oft werden sie in Zusammenarbeit mit Vereinen oder Partnerorganisationen durchgeführt. Zu finden z.B. auf WikiProjekt Schweiz/Atelier, Wikipedia:Zürich oder auf oder auf Wikimedia.

In der Trägerschaft des Edit-a-thons engagieren sich srf, Ringier und Wikimedia. Sie selbst haben u.a. für Wikimedia gearbeitet. Erstmals hörte ich von diesem Verein, als Sie als Vorstandsmitglied von Wikimedia an den diesjährigen Solothurner Filmtagen einen Edit-a-thon Workshop durchführten. Welche Rolle spielt dieser Schweizer Verein in unserer digitalen Welt?

Der Schweizer Verein Wikimedia CH unterstützt die Förderung von freiem Wissen. Einerseits steht Wikipedia als Projekt klar im Zentrum. Andererseits befassen wir uns mit zahlreichen weiteren Projekten, die das Ziel verfolgen, freies Wissen und offene Daten bereitzustellen, beispielsweise die Datenbank Wikidata oder die freie Bildersammlung Wikimedia Commons. Der Verein arbeitet auch mit zahlreichen Partnerorganisationen zusammen – mit Bibliotheken, Archiven oder Museen –, um schweizbezogene Inhalte auf der Wikipedia für alle frei zugänglich zu machen. Zusammengefasst: Wikipedia ist ein Projekt, und Wikimedia ist die “Organisation” hinter dem Projekt.

Was liegt Ihnen als Vorstandsfrau von Wikimedia besonders am Herzen?

Diversity ist ganz klar eine Priorität. Weitere Bereiche, wofür ich mich einbringe, sind strategische Partnerschaften und Fundraising. Die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte werden nämlich alle durch Spenden finanziert.

2021 jährt sich zum 50. Mal die Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Schweizer Frauen. Viele Frauen haben sich jahrelang dafür eingesetzt, dafür gekämpft – kann ein Edit-a-thon sie bekannt machen? 

Im November findet der nächste Schreibanlass statt. Ich fände es toll, wenn wir gemeinsam bis dahin eine Liste mit Namen solcher Frauen erstellen könnten, die noch keinen Wikipedia Artikel haben. So können wir das nämlich ändern und diese Frauen auch in der Wikipedia sichtbar machen.

Manche dieser Pionierinnen haben nichts publiziert, sie waren z.B. als Vorstandsfrauen aktiv oder in der Frauenbewegung. Welche Relevanzkriterien braucht es für sie?

Wiederkehrende und überregionale Berichterstattung über diese Frauen wäre hilfreich. Diese können als Belege und Quellen herbeigezogen werden. Aber auch Archivbestände könnten zum Zuge kommen. Wir werden uns mit dem Thema ausführlicher auseinandersetzen müssen, um zu sehen, was möglich ist. Und es scheint mir wichtig zu betonen: “Relevanzkriterien sind hinreichende, nicht aber notwendige Bedingungen für enzyklopädische Relevanz.”

Sollte sich die Leser*in von Ihren Ausführungen animiert fühlen, jetzt eine Frauenbiografie auf Wikipedia zu schreiben – welche Einstiegsempfehlung geben Sie?

Wagen Sie es, unbedingt! Wir haben Videos aufgenommen, wo Sie sehen, wie Sie ganz einfach bei Wikipedia mitmachen können, z.B. indem Sie damit beginnen, einen bestehenden Artikel zu ergänzen. Das Motto in der Wikipedia lautet: Sei mutig. In diesem Sinne: Viel Spass und danke, dass Sie mitmachen. Und falls Sie an einem Anlass teilnehmen möchten, finden Sie auf editathon.ch weitere Informationen.

Jetzt handeln, um 2021 Grund zum Feiern zu haben

Marialuisa Parodi

Während wir uns fragen, wohin uns die Krise, die wir gerade erleben, führen wird, bereitet ein Thema Anlass zu grosser Sorge. Wie werden sich die Arbeitsbedingungen derjenigen entwickeln, die bereits den höchsten Preis zahlen, dabei aber bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen keinerlei Mitspracherecht haben (oder je hatten): die Frauen.

Sie stehen bei den Gesundheits- und Pflegeberufen an vorderster Front. Weltweit machen sie 70 % der Belegschaft aus, besetzen gleichzeitig aber nur ein Viertel der Führungspositionen und werden laut WHO und UNO im Durchschnitt 28 % schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Bedingungen, die schlicht nicht mehr hinnehmbar sind, angesichts der Risiken und Anstrengungen, denen die Frauen ausgesetzt sind, während sie sich für die gesamte Menschheit aufopfern.

Überall auf der Welt waren es die Frauen, die bei Ausbruch der Epidemie als Erste ihre bezahlte Arbeit aufgaben, um sich ohne Wenn und Aber um ihre Familien zu kümmern. Ob selbstständige Kosmetikerin oder Geschäftsführerin eines Grossunternehmens: Wir alle haben sofort auf die Notwendigkeit reagiert, uns um unsere Familien zu kümmern, insbesondere nachdem die Schulen schliessen mussten, die Krankenhäuser Infizierte mit schwachen Symptomen nicht mehr aufgenommen haben und ältere Menschen auf Hilfe angewiesen waren, um sich nicht der Ansteckungsgefahr auszusetzen.

Ganz zu schweigen von den zahllosen Frauen, die auf Abruf arbeiten: die Verkäuferinnen, die Coiffeusen, die Arbeiterinnen, aber auch die weiblichen Haushaltshilfen, die Babysitterinnen, die Betreuerinnen, sprich die ganze Bandbreite an wenig respektierten und schlecht bezahlten Jobs, die die Zeitung Repubblica als „den harten Kern der italienischen Wohlfahrt“ definiert hat. Man könnte auch sagen: der weltweiten Wohlfahrt. Bei all den Hilfsmassnahmen, die die Staaten derzeit ergreifen, gibt es keinerlei Unterstützung für die Berufe, denen Frauen im Zusammenhang mit ihrer unbezahlten Arbeit in den eigenen vier Wänden nachgehen und die laut McKinsey sage und schreibe 10 Billionen US-Dollar bzw. 13 % des globalen BIP ausmachen.

Das alleine wäre schon genug. Aber es kommt noch schlimmer, nämlich in Form von häuslicher Gewalt, die buchstäblich explodiert ist, seit sich die Familien in häusliche Zwangsquarantäne begeben mussten. Der Alarm, der von China in die Welt hinausging, hat sich in allen Ländern, die sich im Lockdown befinden, in derselben Geschwindigkeit verbreitet wie das Virus selbst.

Daher ist es nicht hinnehmbar, dass Frauen bei der Ausarbeitung von wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbauplänen fehlen und die Beseitigung der Geschlechterungleichheit kein strategisches und wirtschaftliches Ziel ist.

Die Federazione delle Associazioni Femminili Ticinesi FAFTPlus hat sich schriftlich an die Tessiner Regierung gewandt und anschliessend eine Online-Petition gestartet, in der sie Folgendes fordert:

  1. Qualifizierte Repräsentantinnen an den Orten des Wiederaufbaus zu Arbeits- und Entscheidungsprozessen, die eine Vielfalt an Visionen, die Erweiterung des Kompetenzspektrums und die Integration verschiedener Teile der Gesellschaft gewährleisten.
  2. Schliessung des Gender-Gaps als strategisches Ziel, insbesondere bei Prozessen der öffentlichen Ausgaben, unter Einbeziehung der auf dem Gebiet bereits vorhandenen Erfahrungen und Ressourcen zum Gender Budgeting, auch durch eine spezielle Task Force.
  3. Gender-Statistiken als Leitfaden für Interventionspläne nach Krisen und Gewährleistung effizienter Wiederaufbaumassnahmen unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt und der unterschiedlichen Auswirkungen der Gesundheits- und Wirtschaftskrise.
  4. Die Sichtbarkeit weiblicher Kompetenz und der Rolle der Frauen bei Sanierungsaktivitäten, um die Präsenz von Frauen in den Medien und im öffentlichen und politischen Raum zu fördern, insbesondere von Expertinnen, die auf verschiedenen Ebenen in Arbeitsgruppen tätig sind. Die Vermittlung eines neuen Konzepts einer inklusiven Führung ist notwendig und entscheidend.

Der enorme Erfolg dieser Petition belegt, dass alle Bürger, Frauen wie Männer, die Gleichstellung der Geschlechter als ein Ziel betrachten, das nicht mehr aufgeschoben werden darf. Es ist Aufgabe der Politik, trotz und gerade angesichts der Notlage, in der wir uns befinden, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Im Jahr 2021 jährt sich das Frauenstimmrecht in der Schweiz zum 50. Mal, aber die aktuelle Pandemie droht den Status der Frauen noch weiter zu untergraben.

Wir müssen jetzt darüber nachdenken, welche Zukunft wir uns wünschen und welche Vision die Politik von sich, der Welt und der Rolle der Frau haben will. Nur so können wir dieses Jubiläum 2021 mit gutem Grund und Gewissen feiern.

Demokratie denken

Zita Küng

2021 wird ein Demokratie-Jubiläumsjahr: Dann werden Schweizerinnen 50 Jahre die gleichen politischen Rechte haben wie die Schweizer. Ich finde, das ist ein guter Anlass, über Demokratie nachzudenken.

Sobald ich ‘Demokratie’ denke, geht mein Horizont über mich hinaus. Ich allein mache keine Demokratie aus. Ich richte also den Blick auf meine Mitwelt, beobachte wer und was auch noch – zusammen mit mir – unterwegs ist: das ist eine erste Herausforderung. Es bedeutet unter anderem auch die Erkenntnis machen, dass ich gar nicht überlebensfähig wäre ohne andere. Mein Bedürfnis nach unverwechselbarer Eigenständigkeit und Autonomie ist zwar wichtig und richtig. Unabhängigkeit ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das Bedürfnis nach Kooperation, Akzeptiert- und Aufgehobensein. Je nach Situation richte ich meine Anstrengungen eher auf das Herstellen der einen oder der anderen Seite der Medaille.

Die Frage, wie ich eigenständig und autonom bin, kann ich erstmal mit mir selbst ausmachen. Da geht es um meine persönlichen Lebensentwürfe. Damit mein Bedürfnis nach Kooperation, Akzeptiert- und Aufgehobensein zum Tragen kommt, brauche ich andere Menschen, ja eine ganze Gesellschaft. Denn aufgehoben fühle ich mich erst, wenn ich Essen, Kleidung, Obdach habe und Gesundheit, Bildung, Kultur zugänglich sind. Wer bestimmt, welche dieser Güter unter welchen Bedingungen hergestellt und zugänglich gemacht werden? Wer ist aktiv beteiligt an der Herstellung und Verteilung dieser Güter? Wer bekommt wie Zugang dazu? Diese komplexe Organisation kann nach unterschiedlichen Prinzipien gestaltet werden. ‘Demokratie denken’ setzt da an und schlägt vor, dass wir das gemeinsam verhandeln und entscheiden.

Für das Jahr 2021 hoffe ich, dass ganz viele Personen sich Gedanken dazu machen, wie es war, als Schweizer immer wieder entschieden, dass nur Männer diese Verhandlungen führen und Entscheidungen treffen. Eine Realität, die ich als Mädchen erlebt habe. Mir war zum Beispiel überhaupt nicht erklärbar, dass meine Mutter, die unsere Familie ‘schmiss’, am Abstimmungssonntag kein Couvert einwerfen durfte und mit uns Kindern vor dem Abstimmungslokal warten musste, bis mein Vater wieder herauskam. Das prägt. Ich frage mich deshalb immer wieder, wo mir jeweils Rückstände davon wieder begegnen.

Ich freue mich auch sehr auf alle Erzählungen, wie sich die Beteiligung der Schweizerinnen nach dem 7. Februar 1971 realisiert und ausgewirkt hat. Es hat mich also auch geprägt, dass ich ein Abstimmungscouvert mit meinem Namen bekommen habe, wo ich eingeladen wurde, meine Meinung kundzutun. Unsere direkte Demokratie gibt mir viermal im Jahr die Möglichkeit, in den unterschiedlichsten Themen mitzuentscheiden. Unsere Gesellschaft geht davon aus, dass mündige Schweizerinnen und Schweizer das Volk bilden und das Sagen haben sollen.

Die unterschiedlichen Lebensrealitäten, Weltanschauungen, Hintergründe, Interessen kommen da zusammen. Keine einfache Sache, das unter einen Hut zu bringen und einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen! Wo und wie ist es gelungen? Wo und wie sehe ich Verschönerungsbedarf? Alle diese Einschätzungen sind von Bedeutung und gehören in einen gemeinsamen Diskurs. Das hält die Demokratie wach und lebendig.

Als wir mit den Vorbereitungen auf das Jahr 2021 starteten, musste ich immer wieder erklären, warum denn die Frage nach der Beteiligung der Menschen in einer Demokratie wichtig sei. Sehr oft stellte ich fest, dass viele davon ausgehen, dass es bei uns ‘so ist’ und dass dies auch gar nicht in Frage gestellt wird.

Das Corona-Virus hat uns auch in dieser Frage eingeholt. Das ‘Demokratie denken’ hat dramatisch an Aktualität gewonnen. Wer hätte noch vor zwei Monaten denken können, dass die Schweizer Armee mobilisiert wird, der Bundesrat Notverordnungen erlässt und unsere Grenzen geschlossen werden? Die Parlamentssession wurde abgebrochen und eine neue Session unter völlig neuen organisatorischen Bedingungen eingeladen. Offen ist, wann nächste Abstimmungen und Wahlen durchgeführt werden können, weil die vorbereitende Meinungsbildung nur sehr eingeschränkt stattfinden kann.

Wir können also nicht einfach weitermachen, wie wir uns gewöhnt sind. Damit die Demokratie funktioniert, müssen wir neue Überlegungen anstellen und herausfinden, wie wir die Mitgestaltung des Volkes garantieren wollen. Damit wir gestalten können, müssen sich auch viele äussern. Ich muss wahrnehmen können, was unterschiedliche Meinungen sind, welche Argumente angeführt werden, wessen Interessen ins Spiel kommen. Wenn ich da aktuell die Sprechenden betrachte, fällt mir auf, dass es – nicht nur in der Schweiz – überwiegend Männer sind. Ausnahmen sind Frauen, die ein Amt bekleiden: unsere Bundespräsidentin, unsere Justizministerin, unsere Verteidigungsministerin, die Präsidentin der ErziehungsdirektorInnen-Konferenz, die Präsidentin der GesundheitsdirektorInnen-Konferenz, die Präsidentin des Nationalrates, die Staatssekretärin im Seco (habe ich eine Frau vergessen?). In den anderen Positionen finden sich Männer.

Zusätzlich sind Fachpersonen gefragt aus dem Gesundheits-, Versorgungs-, Wirtschafts-, Kultur-, Sport-, Transport-, Rechts-, …bereich. Leider sind es auch da in den meisten Fällen Männer, die ihre Haltung und Einschätzung präsentieren. Wichtig ist mir, dass wir in einen tatsächlichen Dialog kommen. Ich will auch Fachfrauen hören und ich will die Stimme der Frauen wahrnehmen können, wo – in ihrer ganzen Vielfalt – die Themen eingebracht werden, die auch für Frauen von Bedeutung sind. Ein gutes demokratisches Miteinander heisst auch, dass Männer dies wahrnehmen und einfordern. Das bringt unsere Demokratie vorwärts.

Ich freue mich über alle Beiträge von Frauen und Männern, die unser gemeinschaftliches Leben reflektieren. Das ist brandaktuell und spannend. Bis zum 50 Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts am 7. Februar 2021 hat unsere Demokratie noch viel zu leisten: Wir wollen gemeinsam eine Zukunft mit Corona haben. Dazu brauchen wir die Energie und die Ideen von allen.

Bleiben Sie gesund. Denken Sie Demokratie weiter.